Öko-Energie Wie Lichtblick die Biogasproduktion industrialisiert

Das Geschäft mit Biogas boomt. Anbieter wie Lichtblick verkaufen die Energie als besonders "klimafreundlich" und "sauber". Dabei ist die Erzeugung von Biogas längst nicht immer "bio".
Von Kristin Joachim

Hamburg - Mit Ökostrom hat Lichtblick den Energiemarkt aufgemischt. Seit Herbst 2007 bietet die Hamburger Firma auch Biogas an - und konnte dafür fast 14.000 Kunden in den vergangenen acht Monaten gewinnen. In sieben Bundesländern macht Lichtblick damit den etablierten Gasanbietern Konkurrenz.

"Lichtblick will sich mit einem ökologischen Produkt absetzen von den anderen Gasanbietern" sagt Gero Lücking, der Sprecher des Konzerns. Biogas ist eine Alternative zu Erdgas. Es ist ein Gasgemisch, das durch mikrobiellen Abbau von Biomasse unter Luftabschluss entsteht. Hauptbestandteil ist Methan.

Lücking sagt, das Lichtblick-Angebot sei klimafreundlicher als reines Erdgas, da es einen garantierten Biogasanteil von fünf Prozent enthalte. Das wird auch vom TÜV bestätigt. Und diese fünf Prozent verbrennen laut Lichtblick klimaneutral. Es werde nur so viel CO2 in die Atmosphäre freigesetzt, wie die Pflanzen der Luft zuvor entzogen haben. Eine Bio-Erfolgsgeschichte, könnte man meinen.

Doch die Realität sieht anders aus. Denn Lichtblick steht in der Kritik. Nicht nur, weil der Energieanbieter teilweise Atomstrom bezieht und ihn seinen Kunden als "grünen" Strom verkauft. Auch das Biogas von Lichtblick ist umstritten.

Biogas entsteht durch Zersetzung und Gärung von Rohstoffen wie Mais oder anderen organischen Abfällen. Gülle dient dabei als Katalysator. Bei diesem Prozess entsteht Methangas, das aufgefangen wird. Bevor es ins Gasnetz eingespeist werden kann, muss es zusätzlich veredelt werden, um Erdgasqualität zu erreichen.

Treudoof schauende Kühe: Täuschung des Verbrauchers

Lichtblick will sein Biogas mittelfristig deutschlandweit anbieten. Dafür braucht das Unternehmen entsprechende Mengen. Bisher gibt es Verträge mit Biogas-Großanlagen in Bayern, Sachsen, Niedersachsen und Brandenburg. Doch das, was dort produziert wird, ist nach Ansicht von Umweltverbänden nicht mehr unter dem Siegel "bio" oder "öko" zu vermarkten.

Andreas Bauer vom Umweltinstitut München nennt das Biogas von Lichtblick eine Mogelpackung. "Lichtblick wirbt auf der Homepage mit glücklichen, treudoof schauenden Kühen auf einer grünen Wiese. Der Verbraucher wird da einfach getäuscht. Ihm wird vorgegaukelt, die Gülle für den Gärprozess stamme aus biologischer Freilandhaltung, was natürlich Quatsch ist."

Tatsächlich sind solche Mengen Gülle, wie sie für die Biogasanlagen von Lichtblick benötigt werden, nicht mehr von kleinbäuerlichen Betrieben zu leisten. Die Vertragspartner von Lichtblick beziehen ihre Gülle daher von Großmastbetrieben, die mit ökologischer, nachhaltiger Landwirtschaft nichts zu tun haben.

Andreas Bauer kritisiert die umwelt- und klimarelevanten Auswirkungen. Massentierhaltung habe sowohl Pestizideinsatz in der Futtermittelherstellung als auch Gentechnik und Rohdung von Regenwaldflächen für Sojaanbau in Südamerika zur Folge. All das verschweige Lichtblick dem Kunden aber.

Auch der Sprecher des brandenburgischen Ministeriums für Landwirtschaftliche Entwicklung, Umwelt- und Verbraucherschutz Jens-Uwe Schade sieht einen Zusammenhang zwischen Biogasanlagen und Massentierhaltung. "Der Trend ist eindeutig da, dass zu Massentierhaltungen auch Biogasanlagen kommen. Hier in Brandenburg haben wir landesweit schon 113 Biogasanlagen. Zwölf davon befinden auf dem Gelände von großen Tierhaltungen." Acht weitere Anlagen würden demnächst dazukommen, sie alle arbeiteten mit Großmastbetrieben zusammen. Gerade in Brandenburg sind die Bedingungen ideal für große Biogasanlagen. Durch die landwirtschaftlichen Strukturen, die noch aus DDR-Zeiten stammen, gibt es mehr Großmastbetriebe als zum Beispiel in Bayern. Für genug Gülle ist also gesorgt.

Massenproduktion von Biogas ist nicht möglich

Lichtblick-Sprecher Gero Lücking sieht nicht, warum sein Biogas deshalb nicht "bio" sein sollte. "Die Abfälle, also die Gülle ist ja sowieso schon vorhanden. Und wir nutzen eben den Energieinhalt dieser Gülle. Die Reststoffe, die danach noch auf den Feldern als Dünger verteilt werden, sind sogar bodenverträglicher und wasserschonender als sie wären, wenn sie vorher nicht durch den Biogas-Prozess gegangen wären."

Andreas Bauer vom Umweltinstitut München fragt sich allerdings, ob die Großmastbetriebe Biogasanlagen anziehen oder umgekehrt. "Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Ich denke, der Prozess geht Hand in Hand. Wenn neue Biogasanlagen gebaut werden, dann kommen auch Schweinemastbetriebe. Beide Seiten haben etwas von der Zusammenarbeit. Damit fördert man Tierelend unter dem Siegel der erneuerbaren Energien." Die Massenproduktion von Biogas sei schlicht nicht möglich. Sobald größere Anbieter wie Lichtblick oder sogar E.on auf diesen Markt drängten, führe das zu konzentrierten Schweinemastanlagen und massivem Maisanbau, also Monokulturen. Gülle müsse in vielen Fällen außerdem aus der Umgebung angeliefert werden, was letztendlich eine negative Ökobilanz zur Folge hätte.

Das Dilemma: An sich ist Biogas eine gute Sache. Wenn allerdings Tierschutz und nachhaltige Landwirtschaft auf dem Spiel stehen, wird es problematisch.

Andere Ökostromanbieter wie Greenpeace Energy haben genau aus diesem Grund noch kein Biogas im Angebot. "Man muss erst prüfen, ob diese Mengen, die zum Beispiel Lichtblick anstrebt, auch mit biologischer Landwirtschaft zu produzieren sind", sagt ein Sprecher.

Lichtblick-Sprecher Lücking ist dennoch überzeugt, dass Biogas für den Klimaschutz auf jeden Fall erforderlich sei. "Die Frage ist doch, welche Handlungsalternativen man hat." Auch Windkraft- oder Wasserkraftanlagen bedeuteten Eingriffe in die Natur. Außerdem habe er lieber einen Kubikmeter Biogas in Deutschland erzeugt, als einen Kubikmeter Erdgas aus Sibirien importiert. Die Förderung dort sei schließlich alles andere als umweltfreundlich.

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