Ökoenergie Kaffee, Kuchen und ein neuer Stromvertrag

Tupper-Party für Stromkunden: Die Leipzigerin Ulla Gahn organisiert Feten, auf denen Verbraucher ihren Energieanbieter wechseln können. Nun gibt es sogar Unterstützung durch Bundesprominenz.
Von Marcus Weber

Hans-Joachim Walter ist 76 Jahre alt, und er ist aus einem ganz bestimmten Grund auf diese Party gekommen: Er will seinen Stromanbieter wechseln. Aus seiner Tasche zieht er eine Liste, die er sich im Internet ausgedruckt hat. "Alle 80 Stromanbieter im Überblick." Nur welchen soll er nehmen?

Genau deshalb ist er mit seiner 78-jährigen Gattin Thea auf diese Fete im Hof des Leipziger Kulturzentrums Feinkost gekommen. Wie auf einer Tupper-Party gibt es hier alle relevanten Informationen - nur statt um Haushaltsware geht es eben um Strom. "Jemand muss ja anfangen, was für die Umwelt zu tun", sagt Thea Walter. "Hauptsache, es ist ein guter, ordentlicher Strom", sagt ihr Mann. Nachdem die beiden ihren neuen Vertrag unterschrieben haben, sitzen sie bei Kaffee und Kuchen und schwatzen noch ein bisschen.

Es ist die bisher größte Ökostrom-Wechselparty, zu der Ulla Gahn geladen hat. Die 33-jährige Leipzigerin organisiert die Feiern als eine Art thematisches Familienfest. Vier bundesweit agierende Ökostromanbieter haben ihre Informationsstände hier im Hinterhof aufgebaut: die Elektrizitätswerke Schönau, Greenpeace Energy, LichtBlick und die Naturstrom AG. Während sich die Kinder im Sandkasten die Zeit vertreiben, lassen sich die Erwachsenen beraten.

"Viele Leute halten es für kompliziert, den Stromanbieter zu wechseln", sagt Gahn. "Ich will ihnen die Angst nehmen." Allerdings sollen sich die Party-Gäste nicht irgendeinen Energieversorger aussuchen - ein Ökostromanbieter sollte es schon sein. "Die nötigen Informationen gibt es gleich hier vor Ort."

"Eine Art Bürgerbewegung für den Klimaschutz"

Ulla Gahn ist Fachfrau für Organisation und Kommunikation, aber was sie hier macht, ist ehrenamtlich. Als sie vor einigen Monaten ihren Freunden und Bekannten erzählte, dass sie selbst zu einem Ökostrom-Anbieter gewechselt sei, wurde sie mit Fragen überschüttet: Wie geht denn das? Ist es schwierig? Was kostet das? Irgendwann, erzählt sie, lud sie Freunde, Nachbarn und Bekannte in ihr Wohnzimmer ein – zur ersten Ökostrom-Wechselparty. Auch Energie-Experten von der Universität Leipzig waren mit dabei, es gab einen Preisrechner, und am Ende wechselten zehn von 40 Besuchern ihren Stromanbieter.

Der ersten Party folgten schnell weitere. Jeder muss das machen, was er am besten kann, sagt Gahn. "Ich kann keine Solarzellen erfinden, aber dafür kann ich gut organisieren und Kuchen backen." Ihre Mission ist die "Weltrettung, sofort und hausgemacht" – so lautet das Motto der Partys.

Diesmal erhält Gahn sogar Unterstützung von ganz oben, aus Berlin: Reinhard Bütikofer, der Bundesvorsitzende der Grünen, fährt mit einem Tandem auf den Hof. Über den Leipziger Ortsverein hat er von der Veranstaltung erfahren und sich an "die ganz frühe Phase der Ökobewegung" erinnert. Wie damals gehe es auch heute darum, aus Initiativen wie dieser Party "eine Art Bürgerbewegung für den Klimaschutz" zu formen.

Mangelnde Aktivität kann man den Leipziger Bürgern jedenfalls nicht nachsagen. Auf der Hinterhof-Bühne spielt das Blasquintett "Leipzig Chamber Brass" auf, und Kurt Mondaugen, ein lokaler Künstler, gibt sein "Wechsel-Strom-Nirvana-Gedicht" zum Besten. Die Ökostromanbieter nehmen die Party immerhin so ernst, dass ein Geschäftsführer, Martin Halm von den Elektrizitätswerken Schönau, und ein Vorstand, Thomas Banning von der Naturstrom AG, persönlich anwesend sind.

Demnächst startet die Deutschland-Tournee

"Ich bin hier, weil ich den Leuten in die Augen schauen kann", sagt Halm denn auch selbstbewusst. Es gehe ihm gar nicht so sehr darum, viele Verträge abzuschließen, sondern die Leute "emotional anzusprechen".

Bei den Gästen kommt das an. Pascal Pilgram etwa wollte an diesem Nachmittag eigentlich baden fahren, bevor ihn ein Freund überzeugte, auf die Party zu gehen. Nun schlendert er von Stand zu Stand und unterhält sich lange mit den verschiedenen Anbietern. "Ich dachte zuerst an eine PR-Veranstaltung und war sehr skeptisch", sagt der 30-jährige Doktorand. "Aber Ulla Gahn ist unabhängig, sie lässt sich von keinem Stromanbieter bezahlen und verrät auch nicht, welchen Ökostrom sie selbst bezieht." Für ihn sei die Party deshalb eine sehr angenehme Art, sich zu informieren.

Am Ende des Tages haben Gahns Helfer 180 Gäste gezählt. Rund 25 Besucher haben neue Ökostromverträge in der Tasche. "Aber die Wirkung ist ja viel größer", sagt die Organisatorin. Erstens gibt es viele, die ein paar Tage überlegen, bevor sie wechseln. Und zweitens erzählen es ja alle weiter.

Ihre Mission ist damit aber noch nicht beendet. In den nächsten Wochen startet Gahn eine Deutschlandtour. Für den 7. Juli hat sie die Muffathalle in München gebucht.