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24. August 2008, 10:19 Uhr

Ökonom Joseph Stiglitz

"Banken haben total versagt"

Die globale Finanzkrise erschüttert die Bankenbranche. Doch das Schlimmste kommt erst noch, sagt Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz im Interview - und wundert sich, mit welchem Gleichmut die Steuerzahler für die Fehler der Geldkonzerne geradestehen.

manager-magazin.de: Professor Stiglitz, wir stecken mitten in einer der schlimmsten Finanzkrisen, die Generationen von Menschen seit dem Zweiten Weltkrieg durchstehen mussten. Warum musste es so weit kommen?

Ökonom Stiglitz: "Eine Pleite wäre nicht gesund"
REUTERS

Ökonom Stiglitz: "Eine Pleite wäre nicht gesund"

Stiglitz: Weil die Banken sie selbst heraufbeschworen haben. Deshalb erstarren wir in der fatalsten Wirtschaftslage nach dem Krieg, und wir werden noch tiefer nach unten gezogen. Es sieht wirklich schlimm aus. Und warum? Weil die Banken ihr eigenes Geschäft nicht verstanden haben. Weil sie sehr, sehr schlechte Risikoanalysen zu dessen Grundlage gemacht haben.

mm.de: Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sagt, dass sie genau die über Jahre immer weiter verfeinert hätten.

Stiglitz: Das müssen sie im Stillen gemacht haben. Selbst die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat die Geldhäuser erst kürzlich aufgefordert, sie sollten ihre Risikovorsorge verbessern. Basel II wird die Mahnung genannt, die gerade die Banker der Wall Street so gar nicht hören wollen.

mm.de: Aber Risikoanalysen sind doch das Kerngeschäft der Banker. Und das muss denen noch mal vorgeschlagen werden?

Stiglitz: Das ist schockierend, nicht wahr? Es gibt tatsächlich keine einzige Entschuldigung für diese Burschen. Die hatten einfach keine rechte Ahnung von ihrem eigenen Geschäft. Sie haben total versagt. Unser Finanzsystem ist jetzt unsicherer als nach dem Zweiten Weltkrieg. Und wissen Sie, was beinahe noch schlimmer ist?

mm.de: Was könnte noch schlimmer sein, als dass die Banken die Grundlagen ihres Geschäftes nicht verstanden hätten?

Stiglitz: Ja, das fragen Sie sich zurecht. Aber unglücklicher Weise waren die Banker in dieser Zeit auch noch ausgesprochen kreativ, dieses unverstandene Geschäft mit immer neuen Finanzinnovationen auszubauen. Doch die hatten immer nur zum Ziel, den eigenen Profit zu steigern. Nicht ein einziges neues Produkt aber sollte den Finanzmarkt sicherer machen. Und wenn solche Ideen aufkamen, haben sie die auch noch mit allen Mitteln bekämpft.

mm.de: Welche Idee hätte das Finanzsystem denn beispielsweise sicherer gemacht?

Stiglitz: Neue Darlehensvarianten etwa. Argentinien beispielsweise wollte sich in höchster Not Kredit besorgen, dessen Zinsen sich nach der Höhe des jeweiligen Wirtschaftswachstums richteten. In schlechten Zeiten niedriger, in guten höher. Die Wall Street hat das verhindert, weil sie ihre Profite bedroht sah. Höhere finanzielle Sicherheit für andere Marktteilnehmer spielte für sie keine Rolle.

mm.de: Haben diese Einstellung jetzt auch Amerikas Hausbesitzer zu spüren bekommen, die in Schwierigkeiten geraten sind, weil sie die Kredite für ihre Gebäude nicht mehr zurückzahlen können?

Stiglitz: Exakt so ist es. Die Banker haben Wege gefunden, Leuten Kredite für Häuser anzudrehen, die sie sich eigentlich gar nicht leisten konnten. Aber Innovationen, wie mit diesen Risiken umgegangen werden soll, haben sie keine einzige fertiggebracht. Sie haben mit ihren Kunden gespielt.

mm.de: Wie lange wird die Krise anhalten?

Stiglitz: Noch eine ganze Weile, weil uns das Schlimmste erst noch bevorsteht. Ich bin sehr pessimistisch. Die Banken werden große Probleme haben, ihr verloren gegangenes Kapital wiederzubeschaffen.

"Der Staat muss eingreifen, bevor etwas passiert"

mm.de: Fürchten Sie, dass eine Großbank daran scheitern könnte und Pleite gehen wird?

Stiglitz: Das weniger. Es wird den sanften Ausweg geben. Wer allein nicht mehr klarkommt, wird in Fusionen gezwungen oder aufgekauft werden, wie es schon die New Yorker Investmentbank Bear Stearns erleben musste. Und dass weitere solcher Fälle passieren, halte ich für sehr gut möglich.

mm.de: Wäre es nicht besser, so ein angeschlagenes Dickschiff einfach mal untergehen zu lassen, anstatt es auf irgendeine Weise doch noch vor der eigenen Pleite zu retten?

Stiglitz: Im Ergebnis ist es doch kein Unterschied, wie eine schlechte Bank verschwindet, wenn sie nur weg ist. Und die Banken sind untereinander so stark miteinander verflochten, und sie schulden sich oftmals gegenseitig so viel Geld, dass eine Pleite nicht gesund wäre. Die Folgen für unser Finanzsystem wären unabsehbar. Aber als Ausgleich für die Rettung müssen schlechte Banken verstaatlicht werden. Dann kann der Staat die verqueren Wetten stoppen, die diese Banker eingegangen sind, ohne sie selbst zu verstehen.

mm.de: Könnten die Banker dann nicht zukünftig stets darauf spekulieren, notfalls immer irgendwie gerettet zu werden? Und deshalb einfach so weitermachen wie bisher oder bewusst auf Risiko zu gehen?

Stiglitz: Das ist ein Problem, ja. Solche Notfallrettungen oder Notfallübernahmen setzen schlimmstenfalls die falschen Signale. Das trifft insbesondere auf halböffentliche Banken zu, für die plötzlich auf Kongressbeschluss der Steuerzahler einspringen muss, wie im Fall der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac .

mm.de: Wann ist denn aus marktwirtschaftlicher Sicht die Grenze erreicht? Wann darf der Staat nicht mehr eingreifen?

Stiglitz: Der Staat muss eingreifen, bevor etwas passiert. Das ist die Lösung. Denn zu groß für eine Pleite zu sein, heißt ja nicht, zu groß für eine Reorganisation zu sein. Wir brauchen einen völlig neuen Rahmen für Bankgeschäfte, das ist klar. Und einen Regulator.

mm.de: Was könnte der, was der Finanzmarkt allein nicht schafft?

Stiglitz: Regeln aufstellen, die nutzen. Jeder Pharmafirma beispielsweise wird vorgeschrieben, dass sie die Unbedenklichkeit ihrer Arzneien selbst beweisen muss - und zwar, bevor die Pillen überhaupt verschrieben werden dürfen. Warum fordern wir so einen Unbedenklichkeitsbeweis nicht auch von Banken für deren Produkte? Neue Regeln brauchen wir auch für die Bezahlung der Bankmanager, die bisher eher für Risiko belohnt werden als für vorsichtiges Handeln. Denkbar ist zudem, Überhitzungsbremsen einzuziehen.

mm.de: Was bedeutet das?

Stiglitz: Sobald die Lage zu heiß wird, könnte den Geldhäusern beispielsweise vorgeschrieben werden, ihre Risikovorsorge zu erhöhen. Das würde Dampf ablassen, weil dann auch weniger neue Kredite vergeben werden können.

"Den Kontakt zu den Menschen völlig verloren"

mm.de: Glauben Sie, dass die Banken aus der aktuellen, tief gehenden Krise etwas gelernt haben?

Stiglitz: Daran glaube ich nicht einmal ein winziges bisschen. Krisen scheinen doch alle zehn Jahre zu passieren, wenn auch nicht so tief gehende, wie derzeit. Ich fürchte, dass die Steuerzahler nach dieser Krise sich bereits darauf vorbereiten sollten, in der nächsten, die kommt, wieder einen Teil der Rechnung bezahlen zu müssen.

mm.de: Wann könnte den Steuerzahlern weltweit denn die Hutschnur platzen?

Stiglitz: Das frage ich mich auch immer. Ich denke, dass dafür sehr viel passieren muss. Die Steuerzahler sind zu nachsichtig. Aber wenn der Gedanke des Fair Play völlig ad absurdum geführt sein wird, könnte ihr Gleichmut kippen. Und das ist nicht ausgeschlossen, denn die Bankaristokraten weltweit, vor allem aber an der Wall Street, haben den Kontakt zu den Menschen völlig verloren. Deshalb könnte es sein, dass sie gar nicht bemerken, wann sie die gefährliche Fair-Play-Grenze überschreiten.

mm.de: Haben Sie eine Idee, welche das sein könnte?

Stiglitz: Vielleicht, nachdem die Steuerzahler weltweit riesige Milliardensummen für ihre Banken locker gemacht haben, deren Topleute sich aber noch die vertraglich fixierten Bonuszahlungen aus besseren Zeiten genehmigen, als sei nichts passiert?

mm.de: Sie fürchten wirklich, dass die Banker aber auch gar nichts aus der Finanzkrise lernen, oder? Obwohl so viele Geldhäuser derzeit so hohe Abschreibungen und teilweise echte Verluste haben?

Stiglitz: Trotzdem. Die ersten Meinungsmacher bringen sich doch bereits wieder in Stellung und warnen vor Überregulierung, obwohl wir nicht mal eine funktionierende Regulierung haben, die wahrscheinlich international koordiniert werden müsste. Die USA waren schon immer Meister darin, einen vermeintlichen Regulierungsversuch in eine weitere Deregulierung umzumünzen.

Das Interview führte Karsten Stumm.

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