Ökonomen-Prognose Rezession soll nur ein Jahr dauern

Blitz-Abschwung in Europa: Die Rezession hat die westlichen Industrieländer voll erwischt. Finanzminister Steinbrück stimmt die Bundesbürger auf "harte Zeiten" ein - doch Ökonomen erwarten, dass es schon in einem Jahr wieder aufwärts geht.


Hamburg - Krisenstimmung in Europa: Spätestens mit den düsteren deutschen Konjunkturzahlen ist die EU in die Rezession gerutscht. Die Wirtschaftsleistung des ökonomischen Primus' Deutschland ist im dritten Quartal deutlich gesunken. Gegenüber dem Vorquartal fiel das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,5 Prozent geringer aus, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit. Die deutsche Wirtschaft befindet sich mit zwei aufeinander folgenden Negativ-Quartalen in einer sogenannten technischen Rezession.

Schmuckladen in London: Europaweit geht der Konsum zurück
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Bundesfinanzminister Peer Steinbrück stimmte die Deutschen auf harte Zeiten ein. "Es macht keinen Sinn, jemandem Sand in die Augen zu streuen", sagte der SPD-Politiker. Es könne sein, dass die Wirtschaft von einer Stagnation in eine Rezession hineinkomme. "Die Zeiten werden für die Bundesrepublik Deutschland härter."

Groß angelegte Konjunkturprogramme lehnte Steinbrück ab. Der Staat könne nicht gegen eine solche weltweite Entwicklung anfinanzieren. Das Investitionsprogramm der Regierung (siehe Info-Box) sei dagegen richtig, weil es rasch wirke, eine große Hebelwirkung für Investitionen habe und auf die Sicherung von Arbeitsplätzen abstelle. Zahlreiche hochrangige Experten sind da anderer Meinung - sie bezeichnen das Konjunkturprogramm der Regierung als "zu klein", als "Sammelsurium unzusammenhängender Maßnahmen" oder als "Symbolpolitik".

"Der Rückgang ist stärker, als wir erwartet hatten"

Ökonomen hatten den Einbruch der deutschen Wirtschaft bereits prognostiziert. Dennoch waren sie überrascht: Sie hatten im Schnitt nur mit einem Minus von 0,2 Prozent gerechnet. "Der Rückgang ist stärker, als wir erwartet hatten. Die wesentliche Botschaft ist: Wir haben es schwarz auf weiß, die Rezession ist da", sagte Sebastian Wanke, Ökonom bei der DekaBank.

Berg- und Talfahrt: Die deutsche BIP-Entwicklung der vergangenen Jahre
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Berg- und Talfahrt: Die deutsche BIP-Entwicklung der vergangenen Jahre

Die Frage, die sich Fachleute nun stellen, ist: Wie lange hält das Tief an? Für Deutschland geht Wanke davon aus, dass sich die Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte 2009 wieder beleben wird. "Eine Bodenbildung zu diesem Zeitpunkt heißt, dass es eine überdurchschnittlich lange Rezession wäre", sagt er.

Bereits am Mittwoch hatten die fünf Wirtschaftsweisen auch für das kommende Jahr eine Rezession vorausgesagt. Ein besonders düsteres Bild hatte zuletzt der Internationale Währungsfonds (IWF) gezeichnet: Demnach wird Deutschlands Wirtschaft 2009 sogar um 0,8 Prozent schrumpfen.

Englands Schatzminister erwartet kurze, heftige Rezession

Doch nicht nur Deutschland rutscht in die Rezession. Auch Großbritannien stellt sich auf einen ungeahnt schweren Abschwung ein. Nach Prognosen der Bank of England (BoE) könnte die britische Konjunktur im ersten Halbjahr 2009 um bis zu zwei Prozent schrumpfen. Auch in England fragen sich die Experten: Wie lange hält das Tief an?

Das geldpolitische Komitee der BoE erwartet, dass das Konjunkturtief bis Ende 2010 anhält. Die Aussichten sind laut der britischen Zentralbank so düster, dass das Institut nach der Rekordzinssenkung von vergangener Woche bereits weitere Zinsschritte angekündigt hat.

"Wir sind bereit, die Leitzinsen nochmals zu senken, wenn wir dies müssen", sagte Notenbankgouverneur Mervyn King kürzlich. Insider halten es für möglich, dass die BoE den Leitzins demnächst auf zwei Prozent senken könnte, mittelfristig sogar auf ein Prozent.

Schatzkanzler Alistair Darling sprach in einem Interview mit dem "Independent" hingegen von einer "heftigen aber kurzen" Rezession. In einem Haushaltsreport, den er in der übernächsten Woche veröffentlichen will, wird Darling für 2009 einen Konjunkturrückgang von einem Prozent vorhersagen, für 2010 aber schon wieder ein Wachstum. Noch vor wenigen Monaten hatte die britische Regierung behauptet, Großbritannien werde mit den Auswirkungen der Finanzkrise gut fertig.

Düstere Aussichten für ganz Europa

Für das restliche Europa sind die Aussichten ebenfalls düster. Die europäischen Unternehmen seien "stärker als ursprünglich angenommen" von den Folgen der sich drastisch verschärfenden globalen Finanzkrise betroffen, erklärte EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Joaquin Almunia bereits Anfang November bei der Vorstellung der Herbstprognose der EU-Kommission.

Dieser Prognose zufolge wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euroraum 2009 nur noch um 0,1 Prozent wachsen. Damit revidiert Brüssel die ursprüngliche Voraussage um 1,5 Prozentpunkte nach unten. Für das laufende Jahr erwartet die Behörde noch 1,2 Prozent Wachstum, 2007 lag das Plus bei 2,7 Prozent. Eine Experten-Umfrage der Europäischen Zentralbank (EZB) kam nun zum selben Ergebnis.

Neben Deutschland drohe 2009 auch Frankreich und Italien eine Stagnation, heißt es in dem Bericht der EU-Kommission. Auch für Spanien, Irland, Estland und Lettland prognostiziert die EU-Kommission das Schrumpfen der Wirtschaft. Irland und die beiden baltischen Staaten befinden sich laut EU-Bericht bereits in einer Rezession.

EU-Prognose: So schrumpft und wächst Europas Wirtschaft

Land 2008 2009 2010
Belgien 1,4 0,1 0,9
Deutschland 1,7 0,0 1,0
Finnland 2,4 1,3 2,0
Frankreich 0,9 0,0 0,8
Griechenland 3,1 2,5 2,6
Irland -1,6 -0,9 2,4
Italien 0,0 0,0 0,6
Luxemburg 2,5 1,2 2,3
Malta 2,4 2,0 2,2
Niederlande 2,3 0,4 0,9
Österreich 1,9 0,6 1,3
Portugal 0,5 0,1 0,7
Slowakei 7,0 4,9 5,5
Slowenien 4,4 2,9 3,7
Spanien 1,3 -0,2 0,5
Zypern 3,7 2,9 3,2
Euro-Zone insgesamt 1,2 0,1 0,9
Bulgarien 6,5 4,5 4,7
Dänemark 0,7 0,1 0,9
Estland -1,3 -1,2 2,0
Großbritannien 0,9 -1,0 0,4
Lettland -0,8 -2,7 1,0
Litauen 3,8 0,0 -1,1
Polen 5,4 3,8 4,2
Rumänien 8,5 4,7 5,0
Schweden 1,4 0,0 1,8
Tschechien 4,4 3,6 3,9
Ungarn 1,7 0,7 1,8
EU insgesamt 1,4 0,2 1,1
zum Vergleich: USA 1,5 -0,5 1,0
Japan 0,4 -0,4 0,6

Angaben in Prozent | Quelle: EU-Kommission

Für die 27 EU-Länder insgesamt sieht die Prognose nur noch ein Plus von 0,2 Prozent im Jahr 2009 nach 1,4 Prozent im laufenden Jahr vor. "Der Finanzierungsstress könnte noch intensiver werden, länger dauern oder eine stärkere Auswirkung auf die Realwirtschaft haben", sagte Almunia. Ende November will die EU-Kommission ein Konjunkturprogramm vorlegen.

Alle OECD-Industrieländer rutschen in die Rezession

Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gibt eine düstere Prognose: 2009 werde die Wirtschaftsleistung im 30 Staaten umfassenden OECD-Raum um 0,3 Prozent sinken, erklärte die Organisation am Donnerstag in Paris.

OECD-Vorhersage: So entwickelt sich die Weltwirtschaft

2008 2009 2010
Wirtschaftswachstum
USA 1,4 -0,9 1,6
Japan 0,5 -0,1 0,6
Euro-Zone 1,1 -0,5 1,2
OECD insgesamt 1,4 -0,3 1,5

Inflationsrate



USA 3,6 1,2 1,3
Japan 1,4 0,3 -0,1
Euro-Zone 3,4 1,4 1,3
OECD insgesamt 3,3 1,7 1,5

Arbeitslosenquote



USA 5,7 7,3 7,5
Japan 4,1 4,4 4,4
Euro-Zone 7,4 8,6 9,0
OECD insgesamt 5,9 6,9 7,2

Angaben in Prozent | Quelle: OECD

Für 2010 geht sie aber wieder von einem Wachstum von 1,5 Prozent aus. In den 15 Ländern der Euro-Zone erwartet die OECD 2009 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,5 Prozent, bevor diese 2010 mit einem Zuwachs von 1,2 Prozent wieder auf Wachstumskurs gehen.

"Die Wirtschaft des OECD-Raums scheint in die Rezession einzutreten, und die Arbeitslosigkeit steigt in zahlreichen Ländern", erklärte die Organisation in ihrem Ausblick für die USA, Japan und die Euro-Zone. Für die USA sagt die OECD 2009 ein Schrumpfen des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 0,9 Prozent voraus und 2010 dann ein Wachstum von 1,6 Prozent. Für Japan rechnen die Experten mit einem Rückgang um 0,1 Prozent im kommenden und einem Plus von 0,6 Prozent im übernächsten Jahr.

Zudem sagt die OECD in diesem Jahr eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von 5,9 Prozent bei ihren Mitgliedstaaten voraus. Sie werde im Zuge der Krise 2009 auf 6,9 und 2010 auf 7,2 Prozent steigen.

ssu/AFP

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