Ökonomische Revolution Kuba in der Krise - was Castro II. jetzt anpacken muss

Fidel Castro war das Gesicht der Revolution - nun hinterlässt er ein schweres Erbe. Trotz der Erfolge im Bildungswesen steckt Kuba in einer tiefen Wirtschaftskrise, Fachkräfte verlassen die Insel scharenweise. Neuer Ärger droht ausgerechnet vom sozialistischen Bruderstaat Venezuela.

Von Knut Henkel


Hamburg - Das riesige Plakat mit dem Appell "Energiesparen" ist kaum zu übersehen. Es hängt an der Ausfallstraße von Havanna nach Matanzas, etwas verblichen sind die Farben, doch die Kampagne ist in Kuba aktueller denn je. Neue Busse für den Stadt- und Überlandverkehr sollen die Energiebilanz der Insel spürbar verbessern, ebenso wie neue Lokomotiven "made in China". Auch den energieintensiven Haushaltsgeräten von anno dazumal hat die Regierung den Kampf angesagt.

Es geht um eine "energetische Revolution" - so hat Fidel Castro das Programm martialisch bezeichnet. Das Ziel: die Energiekosten der Insel drastisch senken. So sehr, dass sie die Anfangsinvestitionen des Sparprogramms bald wettmachen, wie Kubas ergrauter Revolutionär schon im Jahr 2004 verkündet hat.

Ob die Rechnung aufging, ist in Kuba umstritten. Fest steht, dass die "Revolución energetíca" die letzte große ökonomische Vision des Comandante en Jefe war. Eine Vision, die sich zumindest für deutsche Unternehmen auszahlt, denn bei der Erneuerung von Kraftwerken und Turbinen sind sie mit von der Partie.

Künftig könnten die Geschäftskontakte noch enger werden, denn auch bei der Nutzung erneuerbarer Energien, in der Medizintechnik, der Biotechnologie oder der Abwasserentsorgung ist das Kooperationsinteresse groß. Kuba ist für Unternehmer aus aller Welt interessant - ein bleibendes Verdienst des bärtigen Comandante.

Revolutionäre Bildung

Fidel Castro höchstpersönlich war es, der nach dem Sieg der Revolution im Januar 1959 den Startschuss für eine beeindruckende Bildungsoffensive lieferte. Die Alphabetisierung in Land und Stadt lieferte die Basis für den Aufbau einer Wissensgesellschaft. Auf die ist der Ex-Präsident bis heute stolz. Selbst in seinem Rücktrittsschreiben, das am Dienstagmorgen in der Parteizeitung "Granma" erschien, konnte er sich den Hinweis nicht verkneifen, dass jeder Kubaner im Schnitt zwölf Schulklassen durchlaufen habe. Ein Volk von Abiturienten hat der Comandante also herangezogen - und die Insel zum Wissenschafts- und Forschungsstandort gemacht.

In den vergangenen Jahren hat sich dies bereits ausgezahlt, und es könnte sich künftig noch weiter auszahlen: In der biotechnologisch-pharmazeutischen Forschung gehört Kuba in einigen Bereichen zur Weltspitze. So arbeiten Forscher im Westen Havannas an Impfstoffen gegen Aids, Lepra und Cholera. Die ersten Seren gegen Krebserkrankungen sind ebenfalls kurz vor der Marktreife.

Einer dieser Impfstoffe, Osag101, stoppt die Ausbreitung von Tumorzellen im Hirn, Hals- und Nackenbereich. Ein deutsches Unternehmen, Oncoscience aus Wedel bei Hamburg, hat die Lizenz für 46 Länder erworben. Derzeit durchläuft das Präparat die klinischen Tests in Deutschland. Oncoscience-Vorstandschef Ferdinand Bach ist zuversichtlich, dass Osag101 bald zugelassen wird.

Das Mittel ist nur ein Beispiel für die bahnbrechenden Erfolge im Biotech-Sektor. Und die Kubaner haben noch andere Präparate in Planung, so wird in Fachmagazinen und auf internationalen Konferenzen berichtet. Allerdings hapert es bei der Vermarktung.

Zentrale Mangelwirtschaft

Ein weiteres Problem: Nicht alle Experten aus Havanna können den Verlockungen des Westens widerstehen. Die Abwanderung von Wissenschaftlern ist in den gut ausgestatteten Labors Havannas ein Dauerthema - die hochqualifizierten Kubaner werden in San Francisco, Paris oder London einfach besser bezahlt. Wegen der latenten Unsicherheit in Kuba ist die Aussicht auf ein gutes Einkommen im Westen ausgesprochen verlockend. Zwar genießen die Forscher der Revolution gewisse Privilegien wie Devisenprämien, gute Wohnungen und Weiterbildungen im Ausland. Doch die allgemeinen Lebensbedingungen auf der Insel sind nicht die besten. Selbst nach den einfachsten Dingen des täglichen Bedarfs besteht ständiger Mangel.

Der Hauptgrund: In Kuba wird viel kontrolliert, aber wenig produziert. Fidel Castro hat es nicht geschafft, die unbestreitbaren bildungspolitischen Erfolge auch in wirtschaftliche Dynamik umzuwandeln. Bisher wirft seine 1981 eingeleitete "biotechnologische Revolution" nicht mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar pro Jahr ab. Verglichen mit den Umsätzen von Biotech-Unternehmen aus den USA ist das ein Taschengeld.



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