Corona-Effekt Ökostrom deckt 2020 fast die Hälfte des Stromverbrauchs ab

Mehr Wind, viel Sonne und ein geringerer Strombedarf durch Corona-Restriktionen haben den Ökostromanteil dieses Jahr deutlich erhöht. Nun wird die Frage sein, wie stark erneuerbare Energien ausgebaut werden.
Windkraftanlage in Brandenburg: Starke Winde halfen Ökostrom dieses Jahr

Windkraftanlage in Brandenburg: Starke Winde halfen Ökostrom dieses Jahr

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Erneuerbare Energien wie Wind- und Solarkraft haben in diesem Jahr Experten zufolge fast die Hälfte des Stromverbrauchs in Deutschland abgedeckt. Konkret lag der Anteil von Strom aus Wind, Fotovoltaik, Biomasse und anderen regenerativen Energieträgern bei gut 46 Prozent des Bruttostromverbrauchs, wie vorläufige Berechnungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zeigen.

Damit ist der Anteil des Ökostroms weiter gestiegen, im vergangenen Jahr lag er bei 42,5 Prozent. Ein Grund dafür ist laut Verbänden jedoch auf den insbesondere durch die Corona-Pandemie gesunkenen Stromverbrauch zurückzuführen. Denn durch die Corona-Restriktionen sank die Nachfrage in der Industrie.

Durch den Einspeisevorrang für erneuerbare Energien gewann der Ökostrom. Wäre in diesem Jahr genauso viel Strom wie im Jahr 2019 verbraucht worden, hätten erneuerbare Energien gut 44 Prozent des Stromverbrauchs gedeckt, hieß es.

Viel Wind und Sonne halfen

Für das Plus an Ökostrom sorgten in diesem Jahr vor allem günstige Wetterverhältnisse, etwa ein windreiches erstes Quartal und viele Sonnenstunden. Den größten Anteil am Ökostrom hatte laut den Berechnungen Windkraft an Land, gefolgt von Fotovoltaik, Biomasse und auf Windparks auf Nord- und Ostsee erzeugter Strom. Die Ausbauziele für Windkraft auf See sind bereits deutlich angehoben worden.

Ziel der Bundesregierung ist es, den Anteil des Ökostroms bis 2030 auf 65 Prozent zu steigern. Um dies sicherzustellen, verhandeln die Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD derzeit über eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Dabei geht es um die Frage, inwiefern durch neue Regelungen der Ausbau der erneuerbaren Energien verstärkt werden soll. Durch den Beschluss eines höheren Klimaziels durch die EU-Mitgliedstaaten am Freitag ist der Druck gewachsen, in Deutschland beim Ausbau von Wind- und Solarstrom schneller voranzukommen.

Strombedarf wird voraussichtlich stark steigen

Der Strombedarf werde bis 2030 aller Voraussicht nach deutlich steigen, sagte BDEW-Chefin Kerstin Andreae. Wenn der Ausbau allerdings weiterhin mit gezogener Handbremse erfolge, könnten die gesteckten Ziele nicht erreicht werden. »Um dem Ausbau der Erneuerbaren wieder Schwung zu verleihen, muss die Bundesregierung nun eine ambitionierte EEG-Novelle beschließen und die für den Ausbau der Erneuerbaren so dringend benötigten Maßnahmen zeitnah umsetzen.«

Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, forderte »ehrgeizigere Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien«. Für das Aufladen von Elektroautos brauche man »möglichst bald 100 Prozent Ökostrom«, sagte sie der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«. Ohne eine entsprechende Stromversorgung werde die Elektromobilität kein Erfolg, »nicht fürs Klima und nicht für den Standort Deutschland.«

Allerdings hatte sich Industriepräsident Dieter Kempf nach dem Beschluss des EU-Gipfels für die neuen Klimaziele gegen den höheren Anspruch gewandt. Der EU-Plan, die Klimaziele noch einmal deutlich zu verschärfen, stelle Wirtschaft und Gesellschaft inmitten der größten Wirtschaftskrise seit Langem vor enorme Herausforderungen mit ungewissem Ausgang, kritisierte er. Der EU-Gipfel hatte beschlossen, das Klimaziel für 2030 deutlich zu erhöhen. Der Ausstoß von Treibhausgasen soll um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Wert von 1990 sinken. Bisher gilt ein Ziel von minus 40 Prozent. »Die EU macht es sich einfach zu sagen, wir wollen minus 55 Prozent in der EU bis 2030«, sagte Kempf.

kig/dpa-AFX