Ökostrom Deutsche Windfirmen wollen chinesischen Markt erobern

In Deutschland stößt die Windkraft an Grenzen: An Land ist kaum noch Platz, und das Offshore-Geschäft kommt nicht voran. Im Ausland dagegen boomt die Branche, vor allem wegen der hohen Ölpreise. Deutsche Hersteller stürmen nun nach China und in die USA.
Von Sascha Rentzing

Hamburg - Eigentlich kennt man solche Zahlen nur aus Boom-Nationen wie China oder Indien: Umsatz plus 45 Prozent, Gewinn plus 142 Prozent, Mitarbeiter plus 60 Prozent. Doch das Unternehmen mit dieser Erfolgsgeschichte stammt nicht aus Asien. Es ist der norddeutsche Windturbinenhersteller Nordex.

Dabei war die Firma wegen des schwachen Inlandsmarkts 2003 fast pleitegegangen. Heute kann Nordex-Chef Thomas Richterich über fehlende Arbeit nicht klagen: "Die Nachfrage steigt schneller als wir unsere Produktion ausweiten können." Zuletzt lag der Auftragsbestand bei 2,9 Milliarden Euro. Damit ist das mittelständische Unternehmen bis Ende 2009 ausgelastet.

Nordex profitiert vom weltweiten Boom der Windenergie. 20.000 Megawatt Windleistung wurden im vergangenen Jahr rund um den Globus aufgestellt, rund 30 Prozent mehr als im Jahr 2006. Und die Nachfrage nach Windmühlen wächst rasant weiter - vor allem wegen des hohen Ölpreises. Nach einer Studie des Deutschen Windenergie-Instituts (DEWI) werden sich die jährlichen Neuinstallationen bis zum Jahr 2017 auf 107.000 Megawatt verfünffachen. Das größte Wachstum erwartet das DEWI in China, Südostasien und den USA.

Für die Hersteller ist der weltweite Boom ein Segen. Endlich sind sie nicht mehr auf einige wenige Märkte angewiesen. Deutschland zum Beispiel war von Mitte der neunziger Jahre bis zum Jahr 2004 Weltmeister beim Zubau neuer Windräder. Heute gilt die Bundesrepublik längst nicht mehr als sicherer Absatzmarkt: Gute Binnenstandorte werden immer knapper, und das Offshore-Geschäft auf hoher See lässt auf sich warten - bislang dreht sich vor der deutschen Küste kein einziger Rotor.

Außerdem können die Hersteller ihre Mühlen in Deutschland kaum noch gewinnbringend verkaufen. Zum einen sind die Turbinen wegen der steigenden Stahl- und Kupferpreise um bis zu 15 Prozent teurer geworden. Zum anderen ist die Windstromvergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) kontinuierlich gefallen. Für immer weniger Investoren ist die Windkraft da noch interessant.

In jungen Märkten wie Frankreich oder Italien können Hersteller dagegen deutlich mehr für ihre Turbinen verlangen. In diesen Ländern werden höhere Ökostromtarife gezahlt. Das DEWI erwartet deshalb, dass der deutsche Weltmarktanteil in den kommenden Jahren von acht auf 3,5 Prozent schrumpfen wird.

Die Hersteller können damit leben. Denn im Ausland ist Technologie made in Germany gefragt. Nach Angaben des Bundesverbands Windenergie decken deutsche Hersteller und Zulieferer mehr als ein Drittel des Weltmarkts ab.

Damit das so bleibt, müssen sich die Unternehmen allerdings erheblich anstrengen. "Der Wettbewerbsdruck wird steigen, weil viele neue Hersteller in die Märkte drängen und am Boom teilhaben wollen", sagt Per Krogsgaard, Geschäftsführer der dänischen Beratungsfirma BTM Consult. Vor allem chinesische Firmen bauen enorme Kapazitäten auf. Sie könnten den etablierten Turbinenbauern bald Projekte streitig machen. Noch sind die Chinesen damit beschäftigt, den eigenen, stark wachsenden Markt zu bedienen, erklärt Krogsgaard. Doch spätestens in drei bis vier Jahren könnten sie ihre Fühler ins Ausland strecken.

Die deutschen Unternehmen wollen ihre Präsenz in den potentiellen Wachstumsmärkten daher schnell ausbauen und sich hohe Marktanteile sichern. Der größte deutsche Windturbinenhersteller Enercon zum Beispiel will seine jährliche Produktion von 2700 Megawatt auf 3200 bis 3400 Megawatt erhöhen. Das Unternehmen hat seinen Sitz im ostfriesischen Aurich - doch seinen Absatz will es vor allem in Portugal und Spanien steigern. Außerhalb Europas kommen außerdem die Märkte in Argentinien, Brasilien und Kanada hinzu, erklärt Andreas Düser, der Vertriebsleiter von Enercon in Nordrhein-Westfalen.

Nordex könnte Enercon bei der Produktion sogar überholen. Das Unternehmen investiert 350 Millionen Euro in den Aufbau neuer Fertigungen in Rostock, China und den USA. Ab 2012 will die Firma jährlich Windkraftanlagen mit einer Leistung von insgesamt 4500 Megawatt produzieren - mehr als fünfmal so viel wie heute. "Wir wollen mittelfristig ein Umsatzwachstum von jährlich 50 Prozent im Mittel realisieren", sagt Firmenchef Richterich.

Doch das enorme Wachstum birgt Risiken: Denn der Nachfrageboom kommt nach vielen schwachen Jahren völlig überraschend. "Die Orderbücher quellen plötzlich über. Die Unternehmen stehen unter gehörigem Druck, die Aufträge abzuarbeiten", sagt Windexperte Krogsgaard. Wer jetzt nicht genug Fachpersonal finde, ausreichend Rohmaterialien beschaffe und Zulieferer an sich binde, werde sich nicht durchsetzen. Die Windindustrie steht damit vor einer ähnlichen Situation wie die Solarbranche: Auch dort bleiben Hersteller, die es versäumt haben, sich rechtzeitig mit der Mangelware Silizium einzudecken, auf der Strecke.

Die Qualität lässt bisweilen zu wünschen übrig

Die Windfirmen haben aber noch ein weiteres Problem: Sie haben alle Hände voll zu tun, um die Serienproduktion zu steigern - da bleibt für technische Innovationen, Qualitätssicherung und Service wenig Spielraum. Schon heute plagen sich Betreiber oft mit langen Wartezeiten für Ersatzteile und klagen über schlechte Kommunikation mit den Serviceabteilungen der Hersteller. In den kommenden Jahren könnte sich dieses Problem noch verschärfen. Die Folge wären längere Stillstandszeiten und höhere Ertragsausfälle.

Dabei hat die Branche ohnehin mit Schwierigkeiten zu kämpfen: Der Nachfrageboom führt dazu, dass die Windstromkosten langsamer sinken als sie sollten. Denn die Preise für Rohmaterialien und Kernkomponenten wie Getriebe ziehen bei wachsendem Bedarf an. Gleichzeitig sind zwar Effizienzgewinne und Skaleneffekte durch eine größere Produktionsmenge zu erwarten. Es ist jedoch zu bezweifeln, dass die Hersteller diese Ersparnis an ihre Kunden weitergeben. Sie wollen vielmehr die Gunst der Stunde nutzen und hohe Margen erzielen.

Leidtragende dieser Marktlage sind schon heute die Planer und Betreiber der Anlagen: Sie kommen immer seltener ins Geschäft. Die deutsche Politik soll das nun ändern: Nach der jüngst verabschiedeten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes wird die Windstromvergütung an Land ab 2009 von 7,9 auf 9,2 Cent pro Kilowattstunde erhöht.

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