Ökostrom Lichtblick wehrt sich gegen Schummel-Vorwurf

Von wegen nur grün: Ein Bericht, wonach Ökostrom-Anbieter Lichtblick auch Atom- und Kohlestrom liefert, sorgt für Wirbel - zu Unrecht, sagt Unternehmenschef von Tschischwitz. Der Ausgleich von Stromschwankungen mit nicht-ökologischem Strom sei üblich. Die Konkurrenz widerspricht.

Hamburg - Der Mittwoch war ein GAU für die Öffentlichkeitsarbeit des Ökostrom-Anbieters Lichtblick. Die "Financial Times Deutschland" hatte berichtet, das Hamburger Unternehmen würde - entgegen der eigenen Werbung - auch Atom- und Kohlestrom liefern. Der Vorwurf: Der Anbieter habe also ein wenig geschummelt.

Hätte Lichtblick von vornherein in seinen Broschüren darauf hingewiesen, dass minimale Mengen an Strom an der Leipziger Strombörse European Energy Exchane (EEX) dazugekauft werden, also Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken - niemand hätte das als Betrug am Kunden aufgefasst. Und dem Stromanbieter wären ausschweifende Erklärungsversuche erspart geblieben.

Denn das Thema ist komplex. "Es gibt immer Abweichungen zwischen dem von uns prognostizierten Stromverbrauch und dem, was die Verbraucher dann nutzen", sagt Heiko von Tschischwitz, Geschäftsführer von Lichtblick. Kurzfristige Abweichungen würden die großen Stromerzeuger wie E.on  , Vattenfall   oder EnBW   mit ihren sogenannten Regelenergiekraftwerken - flexible Gaskraftwerke - ausgleichen, indem sie das Stromnetz permanent überprüften und entsprechend mehr oder weniger Strom einspeisten. "Dafür bekommen alle Ökostrom-Anbieter Rechnungen von den großen Erzeugern, wobei nicht absehbar ist, wie hoch sie ausfallen, da der Preis für diesen Strom erst im Nachhinein festgelegt wird", sagt Tschischwitz.

Um wirtschaftlicher zu arbeiten, kaufe Lichtblick eine bestimmte Strommenge am Spotmarkt der Leipziger Börse zu. Technisch gebe es nur diese beiden Möglichkeiten, und insgesamt mache die nicht-grüne Strommenge nur 1,5 Prozent der von Lichtblick verkauften Energie aus. Im ersten Halbjahr 2008 handele es sich sogar nur um 0,5 Prozent des von Lichtblick gelieferten Stroms, bei dem nicht feststellbar sei, wie er erzeugt wurde. "Niemand, weder das Ökoinstitut, noch WWF oder der TÜV haben das je kritisiert", sagt Tschischwitz. "Dass wir Ökostrom verkaufen, wurde mehrfach zertifiziert."

Greenpeace Energy widerspricht Lichtblick

Des einen Leid ist des Konkurrenten Freud: "Wir kaufen keinen Strom an der Börse", lässt Robert Werner, Vorstandsmitglied von Greenpeace Energy, am Mittwoch per Pressemitteilung verbreiten. "Unser Ökostrom stammt aus sauberen Kraftwerken, die in Lieferverträgen exakt definiert sind."

Abweichungen zwischen prognostiziertem und tatsächlichem Stromverbrauch gleiche Greenpeace Energy durch "offene Lieferverträge" aus, sagt Pressesprecher Marcel Keiffenheim. Dabei werde der Verbrauch der Kunden viertelstundengenau prognostiziert. "Das bedeutet, dass wir Optionen für zusätzliche Lieferungen aushandeln. Bei Bedarf beziehen wir von denselben ökologisch arbeitenden Erzeugern, von denen wir unseren Strom ohnehin beziehen, eine größere Menge und speisen sie ein." Diese Methode sei zwar nicht die billigste, aber die glaubwürdigste. "Unser Strom ist garantiert ökologisch produziert." Was Lichtblick mache, sei längst nicht in der gesamten Ökostrom-Branche gängige Praxis.

Lediglich der Ausgleich des Stromnetzes durch die Regelenergiekraftwerke sei auch bei Greenpeace Energy üblich. "Es geht darum, die Spannung im Netz stabil zu halten. Das ist Aufgabe des örtlichen Netzbetreibers. Technisch ist das gar nicht anders möglich und außerdem gesetzlich vorgeschrieben."

"Hundert Prozent Ökostrom" gilt somit auch für Greenpeace Energy nicht. Doch was macht Strom zu Ökostrom? Der Ware Strom selbst merkt man keinen Unterschied an - und im Gegensatz zu Werbeaussagen von manchen Erzeugern gibt es keine Qualitätsunterschiede. Strom ist Strom, egal ob er aus einem Atomkraftwerk oder einem Kohlekraftwerk kommt, ob er von einem Windrad, einem Wasserkraftwerk oder einer Solaranlage erzeugt wird. Das Produkt ist immer dasselbe, und daher ist, zumindest auf den ersten Blick, das wettbewerbsentscheidende Kriterium der Preis. Warum sollte man auch mehr für etwas zahlen, wenn der Fön und der Kühlschrank auch mit billigerer Energie ihre Arbeit tun?

Elektrizität ist in Deutschland ein Mischprodukt

Die Unterschiede liegen vielmehr in der Art der Stromerzeugung - denn selbst wenn das Produkt sich nicht unterscheidet, so gibt es doch gewaltige Unterschiede in der Effizienz der Erzeugung, in der Produktionssicherheit sowie in der Ökobilanz. Ein Kohlekraftwerk zum Beispiel produziert zwar zuverlässig Strom, gilt aber wegen des CO2-Ausstoßes und der Nutzung der endlichen Ressource Kohle nicht gerade als umweltfreundlich. Ein Atomkraftwerk weist da zwar bessere Werte auf, hinterlässt aber ein strahlendes Müllerbe sowie wegen des Risikos eines atomaren Unfalls ein ungutes Gefühl bei vielen Menschen - Strom aus Kernenergie ist in Deutschland nicht mehrheitsfähig.

Hier haben Anbieter von Ökostrom wie Lichtblick ihre Nische gefunden: Sie schließen bilaterale Verträge mit ökologischen Stromerzeugern, die die Energie mittels Wind- oder Wasserkraft sowie aus dem Sonnenlicht gewinnen. Diesen sauber produzierten Strom verkaufen sie an die Verbraucher und speisen die entsprechende Menge ins Stromnetz ein. Der Strom, der letztlich aus der Steckdose beim Ökostrom-Kunden ankommt, kann aber durchaus auch konventionell produzierter Strom sein - denn physikalisch ist die Elektrizität in deutschen Netzen immer ein Mischprodukt.

Lichtblick-Chef Tschischwitz will nun erst einmal darüber nachdenken, in den Broschüren künftig auf den "unvermeidlichen Anteil von Strom aus Atom- oder Kohlekraftwerken" hinzuweisen. "Im Grunde genommen"; sagt Tschischwitz", müsste man den Kunden dann den ganzen Strommarkt erklären."

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