Öl-Krieg am Amazonas Weltbank-Experte will gegen WestLB-Projekt aussagen

Bei der umstrittenen Ölpipeline, die unter Führung der WestLB quer durch Ecuador gebaut wird, kommt es weiter zu Protesten. Im Ölfördergebiet kam es zu Militäreinsätzen gegen Indianer. Jetzt will ein ehemaliger Weltbank-Experte gegen das Projekt aussagen und die NRW-Landesregierung zum Eingreifen bewegen.

Düsseldorf - Der morgige Mittwoch könnte zu einem rabenschwarzen Tag für die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen werden: Dann wird der ehemalige Weltbankexperte Robert Goodland vor dem Eine-Welt-Ausschuss des Landtages aussagen. Sowohl die WestLB als auch ihr größter Anteilseigner, die Landesregierung von NRW, hatten die Finanzierung der Pipeline stets mit dem Argument gerechtfertigt, dass das Projekt Weltbankstandards entspricht. Daran bestehen erhebliche Zweifel.

Nichtregierungsorganisationen hatten deshalb Goodland, den inzwischen pensionierten Autor der Umwelt- und Sozialstandards der Weltbank, beauftragt, ein Gutachten über das so genannte OCP-Projekt zu erstellen. Der Mann, der die Kriterien der Weltbank mit entwickelt hat, kommt in seinem bereits im September 2002 veröffentlichten Gutachten zu dem Schluss, dass OCP vier der zentralen Weltbankstandards verletzt. Er kritisiert zudem, dass das Projekt mit massiven Polizeieinsätzen gegen die lokale Bevölkerung durchgesetzt wird.

Dass die Pipeline - wie von Goodland befürchtet - verheerende Auswirkungen nach sich zieht, wird durch die jüngsten Entwicklungen in Ecuador verdeutlicht, von denen NGOs berichten. Der Ölblock 23 in der Provinz Pastaza ist eines der Fördergebiete, das Öl für die OCP-Pipeline bereitstellen soll. Dieser Ölblock befindet sich auf dem Land der Sarayacu-Indianer, die zur ethnischen Gruppe der Kichwa gehören. Die Sarayacu berufen sich auf ihre in der ecuadorianischen Verfassung verbrieften Rechte und lehnen jedwede Ölexploration auf ihrem Territorium ab. Sie haben vielmehr bei der ecuadorianischen Regierung einen Antrag gestellt, ihr Land als "Zone für Tourismus und nachhaltige Entwicklung" unter Schutz zu stellen.

Nachdem die Sarayacu im Januar 2002 eine Gruppe von Ölingenieuren und Arbeitern der Firma ChevronTexaco gezwungen hatten, seismische Sprengungen abzubrechen und ihr Territorium zu verlassen, will ChevronTexaco ihr Vorhaben nun mit Hilfe von mehreren hundert Militärs durchsetzen. Die Sarayacu sind jedoch fest entschlossen, ihr Territorium zu verteidigen, und warnen deshalb vor einem "blutigen Ölkrieg" auf ihrem Land. In einer Deklaration schreiben sie: "Wir erhalten die Flüsse, den Wald und die Artenvielfalt, ohne die Umwelt zu vergiften. Unsere Familien - Männer, Frauen und Kinder - leben von und mit diesem Land. ChevronTexaco hat nicht das Recht, unser Leben und unsere Zukunft zu zerstören". Die WestLB legt Wert auf die Feststellung, dass sie mit dem Fördergebiet und dem dortigen Umgang mit Einheimischen nichts zu tun hat. Sie führe nur das Konsortium, das die Pipeline baut.

Auch entlang der Pipeline ist es zu neuen Protesten gekommen. Die Strecke verläuft direkt an dem Vulkan "El Reventador" und in nur 300 Meter Entfernung oberhalb der gleichnamigen Ortschaft in der Provinz Sucumbios. Nachdem im November 2002 dieser Pipeline-Abschnitt schon durch einen relativ kleinen Ausbruch des Vulkans vollkommen zerstört wurde, hatten die Bewohner der Region aus Sorge um ihre Sicherheit OCP aufgefordert, eine Korrektur der Route vorzunehmen. Als OCP dennoch die Pipeline wieder direkt oberhalb ihrer Ortschaft verlegte, protestierten die Einwohner von El Reventador und versuchten auf friedliche Weise, die Arbeiten zu behindern. Ihr Protest wurde mit einem massiven Polizeieinsatz und Tränengasbeschuss niedergeschlagen.

Die Einheimischen fürchten, dass die neue Pipeline ihr Land ähnlich schwer verseucht, wie das bei einer bereits bestehenden alten Pipeline der Fall ist. Einen ersten Vorgeschmack bekamen die Menschen, die im Ausgangsgebiet der neuen Leitung, der Stadt Lago Agrio, leben: Am 1. März liefen dort bei einem Testlauf 60 Barrel Öl aus. Angeblich wollten Techniker die Funktionsfähigkeit einer Pumpstation überprüfen und vergaßen, ein Ventil zu schließen. Da sich die Anlage in unmittelbarer Nähe eines Wohngebietes befindet, ist dabei die Trinkwasserversorgung von rund 200 Familien vergiftet worden.

Landesregierung und Landesbank hatten bisher das Projekt immer unter Berufung auf eigene Gutachter verteidigt, als Chance für ein armes Land dargestellt und eine Gefahr für Bevölkerung und Umwelt in Abrede gestellt. Die Weltbank hatte sich zwischenzeitlich allerdings verbeten, sich bei dem Vorhaben auf die Einhaltung der Weltbank-Kriterien zu berufen.

Vor dem Landtag am Mittwoch wird es darum spannend. Der grüne Koalitionspartner steht auf der Seite der Umweltschützer, die SPD hinter der WestLB und ihrem Geschäft.

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