Coronakrise in den USA Trumps wirkungsloser Öl-Deal

Mit einem internationalen Pakt wollte Donald Trump den Crash am Ölmarkt aufhalten. Doch statt zu steigen, fallen die Preise in den USA immer tiefer. Das schwarze Gold wird zur Ramschware.
Ölförderung in Reeves County, Texas

Ölförderung in Reeves County, Texas

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LARRY W SMITH/EPA-EFE/Shutterstock

Donald Trump war in Siegeslaune. "Der große Öl-Deal mit OPEC Plus ist durch", twitterte er am Sonntag vor einer Woche. "Das wird Hunderttausende Energie-Jobs in den Vereinigten Staaten retten." Um Amerikas Erdölindustrie vor dem Kollaps zu bewahren, hatte sich der US-Präsident mit dem von Saudi-Arabien geführten Opec-Kartell und Russland eingelassen - und die größte Produktionskürzung in der Geschichte vereinbart, obwohl er selbst im eigenen Land keine Förderstopps anordnen darf. Trump hatte nur ein Ziel: den seit Wochen tobenden Crash an den Rohölmärkten endlich zu stoppen.

Doch das Manöver verfehlte sein Ziel. Der Ölpreis bricht immer weiter ein. Gerade in den USA. Am Freitag kostete ein Barrel (159 Liter) der amerikanischen Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) zur Lieferung im Mai zeitweise nur noch 17,31 US-Dollar, im asiantischen Handel am Montag rutschte er noch einmal um 3,59 Dollar auf 14,86 Dollar ab - dem tiefsten Stand seit 21 Jahren. Seit Trump die Rettung der Energieindustrie verkündet hat, ist der WTI-Kurs nochmals um rund ein Viertel eingebrochen.

Trumps "großer Deal" ist viel zu klein in Zeiten der Corona-Pandemie. Zusammen sollen die OPEC, Russland und US-Unternehmen ihre Produktion um rund zehn Millionen Fass pro Tag senken. Der globale Verbrauch hingegen wird im April um 29 Millionen Fass pro Tag niedriger sein als im April 2019, prognostiziert die Internationale Energieagentur. Die lahmende Wirtschaft braucht schlicht deutlich weniger Öl. "Vielen Marktteilnehmern wird gerade bewusst, wie schwer die US-Wirtschaft von dieser Pandemie betroffen ist", sagt Dora Borbély, Rohstoffexpertin der DekaBank. Und so geht nun eine neue Angst um: dass die Lager bald nicht mehr reichen, um den überflüssigen Brennstoff noch zu speichern.

"Im Moment ertrinkt die Welt im Öl", sagt Stefan Graber, Chef-Rohstoffstratege der Credit Suisse. "Die vereinbarten Produktionskürzungen sollen erst im Mai beginnen - aber im Moment kommen noch Lieferungen vom März an. Es kann passieren, dass es nicht mehr genug Lagerkapazitäten gibt, bis die Kürzungen Wirkung zeigen."

Die Blicke von ­Pro­du­zen­ten, Ver­brau­chern und Spe­ku­lan­ten richten sich nun auf die "Pipeline-Kreuzung der Welt". So tituliert sich Cushing, Oklahoma: der zentrale Handelsplatz für WTI. Keine 8000 Menschen leben in dem kleinen Präriestädtchen, aber rund herum stehen Hunderte gigantische Öltanks. Und die füllen sich rapide auf, seit viele US-Bundesstaaten und -Gemeinden die Corona-Lockdowns beschlossen haben. Zwischen dem 27. März und dem 10. April - neuere Daten liegen nicht vor - verringerten sich die freien Kapazitäten von 35 Millionen auf 23 Millionen Fass. Geht es in diesem Tempo weiter, sind alle Lagertanks von Cushing Anfang Mai voll.

Wohin mit dem Zeug?

In der Ölindustrie herrsche "Verzweiflung", sagt Marktexpertin Borbély. Schließlich lässt sich die Produktion vielerorts nicht einfach von heute auf morgen herunterfahren. Erst recht nicht beim in den USA weit verbreiteten Fracking-Verfahren, wo das Gestein tief im Boden mithilfe eines Wasser-Sand-Chemikalien-Gemischs unter hohem hydraulischen Druck aufgebrochen wird. Viele Fracker haben keine Erfahrung - sie haben noch nie die Produktion wochenlang gestoppt und dann später wieder hochgefahren. Und so verramschen sie lieber ihren Stoff: In der texanischen Fracking-Hochburg Midland  kostete das Fass WTI zuletzt zeitweise nur noch 10 Dollar. Weniger als ein "Southern Bell Brown Ale" im "Midland Beer Garden".

Aber vielleicht ist das schwarze Gold bald noch weniger wert. Laut einem Bericht des "Wall Street Journal" steuern 20 Supertanker voll mit Erdöl aus Saudi-Arabien auf die US-Golfküste zu. Die Flotte hat insgesamt 40 Millionen Barrel geladen und soll Ende Mai ankommen. Beladen wurden die Tanker im März und Anfang April, als die Saudis einen Preiskrieg entfacht hatten und ihren Brennstoff mit extrem hohen Rabatten verschleuderten.

"Das ist das Pearl Harbor für die amerikanischen Energieerzeuger", zitiert das "Wall Street Journal" Kirk Edwards, den Chef des Unternehmens Latigo Petroleum. Edwards sagt voraus, dass allein in der Region West-Texas 40.000 Mitarbeiter der Ölindustrie ihre Jobs verlieren werden. Insgesamt beschäftigt Amerikas Öl- und Gasindustrie mehr als zehn Millionen Menschen. Ihr Zusammenbruch würde ein Heer von Arbeitslosen hervorbringen.

Aber es gibt auch noch Zeichen der Hoffnung für die schwer gebeutelte Branche. Zum einen sind andere Rohölmärkte nicht so überflutet wie Cushing - das Nordsee-Referenzöl Brent etwa kostete am Freitag rund 28 Dollar pro Barrel, fast 10 Dollar mehr als WTI.  Zum anderen erwarten die Marktteilnehmer auf mittlere Sicht auch bei WTI wieder deutlich höhere Preise. So wurden am Terminmarkt für ein Fass zur Lieferung im Juni zuletzt immerhin 25 Dollar verlangt, der August-Future kostete sogar 31 Dollar.

"Die Situation könnte sich wieder entschärfen", sagt Credit-Suisse-Stratege Graber, "wenn in einem positiven Szenario im Verlaufe des 2. Quartals oder spätestens in der 2. Jahreshälfte die Nachfrage wieder anzieht." Voraussetzung hierfür wäre ein baldiges Ende der US-Lockdowns. Genau dafür macht sich Donald Trump stark. Er hat große Versprechungen zu erfüllen.

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