Öl-Streit zwischen Opec und Russland "Der Dieselpreis könnte unter einen Euro sinken"

Der Ölpreis ist binnen wenigen Stunden so stark eingebrochen wie zuletzt im Golfkrieg. Der Streit zwischen Russland und der Opec könnte viele Autofahrer freuen - zahlreiche Staaten aber ins Chaos stürzen.
Ölfeld in Saudi-Arabien

Ölfeld in Saudi-Arabien

Foto: MARWAN NAAMANI/ AFP

Der Crash kommt sofort, und er ist heftig: Als die Rohstoffbörsen in Asien am späten Sonntagabend (MEZ) eröffnen, dauert es nur ein paar Sekunden. Und schon ist der Ölpreis kollabiert: Um mehr als 30 Prozent bricht er ein. Die Nordsee-Referenzsorte Brent kostet plötzlich nur noch gut 31 statt vorher 45 US-Dollar je Fass (rund 159 Liter).

Kurzzeitig muss der Handel sogar ausgesetzt werden, so stark ist der Kursverfall. Einen solchen Einbruch hat der Erdölmarkt seit dem Golfkrieg von 1991 nicht mehr erlebt. Nicht einmal auf dem Höhepunkt der Weltfinanzkrise 2008 sind die Preise des Rohstoffs so schlagartig abgestürzt wie vergangene Nacht. Am Montagvormittag kostet ein Barrel Brent knapp 33,95 Dollar, rund 25 Prozent weniger als am vergangenen Freitag.

Auslöser für den Kollaps ist ein Machtkampf zwischen der Organisation ölexportierender Länder (Opec) und Russland. Die von Saudi-Arabien angeführte Opec und die Russen hatten in den vergangenen Jahren ihre Produktion zum Teil aufeinander abgestimmt und begrenzt, um die Preise hochzuhalten. Doch am vergangenen Freitag ist dieses Opec+ genannte De-facto-Kartell zerbrochen. Wegen der Folgen der Coronavirus-Epidemie sinkt die globale Nachfrage nach Erdöl. Saudi-Arabien und Russland als zweit- und drittgrößte Produzenten der Erde wurden sich nicht darüber einig, wer die Förderung wie stark einschränken soll.

Russland weigerte sich am Freitag, die Produktion deutlich zu drosseln. Daraufhin kündigte Saudi-Arabiens nationaler Ölgigant Saudi-Aramco am Wochenende an, sein Erdöl mit neuen Rabatten von sechs bis acht Dollar pro Fass in den Handel zu drücken. Zudem hätten die Saudi-Araber Marktteilnehmern mitgeteilt, ihre Produktion auszuweiten, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters.

Die Aussicht auf eine Ölschwemme bei sinkendem Verbrauch lässt die Kurse implodieren. "Die Opec zettelt einen Preiskrieg an", sagt Eugen Weinberg, Chef-Rohstoffstratege der Commerzbank, dem SPIEGEL. Noch sei kaum abzuschätzen, "was genau das für die Weltwirtschaft bedeutet".

Eines aber zeichnet sich ab: Dieser Crash bedroht womöglich die globale Wirtschaft. Öl ist nicht nur der am meisten gehandelte Rohstoff der Erde. Sein Preis entscheidet maßgeblich über das wirtschaftliche Wohlergehen von Erzeuger- und Verbraucherstaaten. Ein so plötzlicher Kursverfall wie in dieser Nacht bedroht die Stabilität zahlreicher Nationen und Regionen.

Er kann auch ein Anzeichen für eine bevorstehende globale Rezession sein. So jedenfalls verstehen ihn offenbar Anleger rund um den Globus: An Aktienbörsen weltweit sind die Kurse am Montagmorgen deutlich gefallen, auch die Währungen von Ölstaaten wie Russland oder Norwegen werteten ab.

Schon in den vergangenen Wochen war der Ölpreis wegen des Coronavirus unter Druck geraten. China als größter Ölverbraucher der Welt benötigt weniger Brennstoff als vorgesehen, zudem haben eine Reihe Fluggesellschaften, wie etwa die Lufthansa, ihre Flugpläne massiv zusammengestrichen. Schon sagt die Internationale Energie-Agentur (IEA) wegen des Coronavirus einen weltweit sinkenden Erdöl-Verbrauch voraus - zum ersten Mal seit 2009 überhaupt.

Umso heftiger kämpfen die ölproduzierenden Staaten nun um Marktanteile - allen voran die Opec. Das Kartell ist seit Jahren in der Defensive, sein Anteil am globalen Verkauf sinkt weiter. Verantwortlich hierfür ist vor allem die massiv gestiegene Förderung in den Vereinigten Staaten. Mit der Fracking-Technologie sind die USA zum größten Ölproduzenten der Welt aufgestiegen.

Saudi-Arabien hatte schon einmal einen Preiskrieg angezettelt: 2014/2015, als es unter seinem damaligen Ölminister Ali al-Naimi die Produktion erhöhte, um seinen Marktanteil zu steigern und die US-Konkurrenten kleinzukriegen. Nachdem der Preis - und damit die Einnahmen - daraufhin monatelang am Boden lagen, änderte das saudische Königshaus 2016 seine Strategie: Die Saudi-Araber und mit ihnen die gesamte Opec schlossen die Allianz mit Russland, die Opec+. Al-Naimi musste gehen. Und der Ölpreis stieg wieder.

Nun sei das Bündnis Opec+ zerbrochen, sagt Commerzbank-Strategie Weinberg. Ob die Allianz noch einmal gekittet werden kann, ist offen. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte erst Anfang März erklärt, der gegenwärtige Ölpreis sei akzeptabel. Da allerdings kostete das Fass Brent noch 50 anstatt 34 Dollar.

"Auf der Produzentenseite wird dieser Krieg keine Gewinner haben", sagt Commerzbank-Stratege Weinberg. Zu den ersten Verlierern gehören ohnehin fragile Staaten wie Venezuela, Iran oder Nigeria, die schon vorher massive Wirtschaftsprobleme hatten – aber auch viele kleine und mittelgroße Förderer in den USA, die oft hoch verschuldet sind. "Der Preiseinbruch wird wahrscheinlich einige Ölunternehmen in USA in die Pleite treiben", prophezeit Weinberg.

Für die westliche Welt werde sich dieser Crash aber nicht nur negativ auswirken. Schließlich seien Staaten wie Deutschland, Frankreich, Italien und selbst die USA große Netto-Ölverbraucher; ihre Importrechnung werde sinken.

"Der Dieselpreis in Deutschland könnte nun unter einen Euro fallen", prognostiziert Weinberg, und auch Otto-Kraftstoff werde sich spürbar verbilligen. Am Wochenende kostete der Liter Diesel an den günstigsten Tankstellen in der Bundesrepublik noch um 1,14 Euro und Super E10 um die 1,30 Euro. Auch Heizöl dürfte günstiger werden. Energiekosten sind oft der größte Treiber für Inflation.

"Die niedrigere Inflation wird auch den Notenbanken mehr Möglichkeiten geben", sagt Weinberg. Je weniger bedroht die Geldwertstabilität ist, desto eher kann sich etwa die Europäische Zentralbank (EZB) Zinssenkungen oder andere geldpolitische Maßnahmen leisten. Allerdings hat die EZB zumindest bei den Zinsen nicht mehr viel Spielraum. Ihr Leitzinssatz liegt bereits bei 0,0 Prozent. Immer wahrscheinlicher wird, dass die Notenbank ihren Einlagenzins, zu dem Banken Geld bei ihr parken können, um 0,10 Prozentpunkte auf dann minus 0,6 Prozent herabsetzt.