Ölmagnat Chodorkowski hinter Gittern "Das ist ein Stalin-Phänomen"

Seit Öl-Milliardär Michail Chodorkowski hinter Gittern sitzt, ist die russische Wirtschaftswelt in Aufruhr. Doch die Panikverkäufe an den Börsen in Moskau sind längst nicht die gefährlichsten Reaktionen, die Russlands Präsident Wladimir Putin mit seiner Nacht-und-Nebel-Aktion hervorgerufen hat.

Von Carsten Matthäus


"Keine Sonderbehandlung": Öl-Milliardär Chodorkowski im Gefängnis
AP

"Keine Sonderbehandlung": Öl-Milliardär Chodorkowski im Gefängnis

Moskau - In der "Matrosenruh" ist es eng. Das Moskauer Untersuchungsgefängnis "Matrosskaja tischina", nach einem Matrosen-Altersheim aus dem 18. Jahrhundert benannt, ist chronisch überfüllt. Der Gefangene Chodorkowski werde schon besser behandelt als seine Mithäftlinge, sagt Juri Kalinin, der russische Vize-Justizminister. Der reichste Mann Russlands muss sich nämlich seine Gemeinschaftszelle nur mit fünf anderen teilen, üblich ist eine Belegung mit fünfzehn und mehr. Einen größeren Komfort kann Chodorkowski nicht erwarten: "Für eine Sonderbehandlung gibt es keinen Grund", so Kalinin.

Damit liegt der Vize-Minister ganz auf der Linie seines Chefs. "Ein reicher Geschäftsmann und ein einfacher Bürger sollten vor dem Gesetz gleich sein", sagte Putin am Montag, "und ein Gericht sollte über Schuld oder Unschuld entscheiden". Was wie ein juristischer Lehrspruch klingt, ist nach den Vorkommnissen vom Wochenende nichts anderes als ein unmissverständlicher Warnschuss. Der Ölmagnat, der öffentlich mit dem Gedanken spielte, für das Präsidententamt zu kandidieren, hat mit der Festnahme seine Machtprobe mit Putin verloren. Er ist ab sofort nur noch ein ganz normaler Bürger in juristischen Schwierigkeiten.

"FSB! Waffen auf den Boden! Rühren Sie sich nicht, sonst schießen wir!". Etwa zwanzig schwarz uniformierte Agenten des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB hatten am Samstagmorgen das Flugzeug des Jukos-Chefs am Flughafen von Nowosibirsk gestürmt. Kurze Zeit später wurde Chodorkowski nach Moskau verfrachtet und hinter Gitter gesteckt.

Nur vier Stunden nach seiner Ankunft in Moskau entschied ein Haftrichter, dass der Milliardär bis zu seinem Prozess im Gefängnis bleiben muss. Chodorkowskis Anwalt Anton Drel, der bisher nicht mit seinem Mandanten sprechen durfte, befürchtet nun einen Gefängnisaufenthalt des Jukos-Chefs bis Ende des Jahres.

Juristisch ist der Nacht-und-Nebel-Aktion schwer beizukommen. Die Staatsanwälte, die den größten russischen Ölkonzern seit vier Monaten intensiv durchleuchten, haben genug Anhaltspunkte gesammelt, um gegen Chodorkowski vorzugehen. Der Anklageschrift zufolge muss sich der Öl-Milliardär wegen Steuerhinterziehung, Dokumentenfälschung und Diebstahl verantworten. Insgesamt, sagte Natalja Wischniakowa, Sprecherin der Moskauer Generalstaatsanwaltschaft, sei dem russischen Staat wegen der Machenschaften von Chodorkowski rund eine Milliarde Dollar an Einnahmen verloren gegangen. Die Festnahme sei nötig geworden, als Chodorkowski die Vorladung zu einer weiteren Befragung ignorierte und nach Sibirien flog, so die Justizsprecherin im russischen Fernsehen.

Selbst wenn die spektakuläre Verhaftung juristisch nicht anfechtbar sein sollte, ihre wirtschaftspolitischen Konsequenzen sind verheerend. In einer ersten Schockreaktion rauschten die Jukos-Aktien an den Moskauer Börsen um knapp zwanzig Prozent in die Tiefe, zeitweise sank der Börsenwert des Unternehmens um etwa 6,5 Milliarden Dollar. Auch der Vertrauensverlust in die gesamte russische Wirtschaft war sofort zu spüren: Die beiden wichtigsten Aktienindizes des Landes, der RTF und der Micex verloren jeweils mehr als zehn Prozent, der Rubel gab um ein halbes Prozent ebenfalls deutlich nach.

Nach dem Grund für die massiven Kursverluste muss man nicht lange suchen. Chodorkowski und Jukos gelten in Russland ähnlich wie General Electric in den USA und Nokia in Finnland als absolut entscheidend für das Schicksal der gesamten Volkswirtschaft. "Nachdem die Behörden Chodorkowski ins Gefängnis gesteckt haben, gehen die Menschen davon aus, dass der Abfluss an privatem Kapital den Zufluss deutlich übertreffen wird und das hat etwas Panik am Markt ausgelöst", sagte beispielsweise Artem Roschtschin von der Aljba Alliance Bank. Wie teuer dieser Vertrauensverlust für das Land jetzt schon ist, lässt sich an der Kapitalbilanz sehen. Nachdem in den vergangenen Jahren jeweils mehr als 20 Milliarden Dollar ins Ausland transferiert wurden, verzeichnete das russische Finanzministerium im ersten Halbjahr sogar einen Nettozufluss von rund 3,5 Milliarden Dollar. Im dritten Quartal, als die Behörden ihre Kampagne gegen Jukos starteten, flossen wieder 7,7 Milliarden Dollar privater Gelder ins Ausland.

Chodorkowski und Jukos gelten noch aus einem anderen Grund als Ikone der modernen russischen Wirtschaft. Der viertgrößte Ölkonzern der Welt wird nach westlichen Maßstäben geführt, bei der Präsentation der Bilanzen bemüht man sich um größtmögliche Transparenz. Und auch der Erfolg kann sich sehen lassen: Das Unternehmen meldete im zweiten Quartal einen Anstieg des Gewinns um 26 Prozent auf 955 Millionen Dollar bei einem Umsatz von 3,83 Milliarden Dollar. Chodorkowski, in dessen Management mehrere ehemalige Chefs von US-Unternehmen sitzen, verhandelte außerdem gerade mit den US-Konzernen Exxon Mobil und Chevron Texaco über den Verkauf von Firmenanteilen. Diese Geschäfte stehen nun nach Meinung von Analysten auf der Kippe. US-Botschafter Alexander Vershbow drückte das Missfallen der Amerikaner noch diplomatisch aus: "Ich denke, dass nach diesen Ereignissen die Zweifel bei ausländischen Unternehmen wachsen, die auf dem russischen Markt arbeiten, sowie bei möglichen Investoren".

Nach einem eilig einberufenen Treffen verabschiedeten mehrere Unternehmerverbände am Samstag eine gemeinsame Erklärung, die an Deutlichkeit nicht zu übertreffen ist: "Das Vertrauen der Wirtschaft ist ruiniert, der Dialog mit der Regierung ist de facto gescheitert". Am Samstagabend meldete sich der mächtigste Sprecher der russischen Wirtschaft, Anatoli Chubais, im Fernsehen zu Wort: "Ich verlange, dass Unternehmen wissen, ob sie eine Zukunft haben, oder ob ihr Schicksal das von Chodorkowski ist", sagte er und forderte Putin damit auf, sich mit den Vertretern der Wirtschaftsverbände an einen Tisch zu setzen. Chubais' Gesprächswunsch ließ Putin allerdings kalt abtropfen: "Es wird keine Treffen und keine Verhandlungen über die Aktivitäten der Justiz geben", sagte er der Nachrichtenagentur Interfax.

Angesichts solcher Härte sind selbst diejenigen erschüttert, die Putin bisher als pro-westlichen Reformer gesehen und ihn unterstützt haben. PR-Berater Gleb Pawlowski, der an Putins Aufstieg zur Macht mitgearbeitet hatte, ist sich sicher, dass Chodorkowski nun für einen politischen Schauprozess herhalten muss. "Das ist ein Stalin-Phänomen", sagt er. Seiner Ansicht nach wird das Vorgehen gegen den reichsten Mann Russlands aller Welt zeigen, dass die alten Machtstrukturen aus kommunistischen Zeiten weiterhin intakt sind. Zu einem ähnlichen Schluss kommt United Financial Group. "Die Verhaftung ist ein erbärmlicher Rückschlag in Russlands Entwicklung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion", heißt es in einem aktuellen Kommentar der Investmentfirma. Die Analyse schließt mit den Worten: "Alle sind Verlierer, vor allem Präsident Putin selbst."



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