Profiteure des Preisverfalls Billiges Öl schmiert die deutsche Konjunktur

Bisher hatten Wirtschaftsbosse Angst vor einem zu hohen Ölpreis - jetzt warnen Experten vor einem zu niedrigen Niveau. Sicher ist: In Deutschland wirken die Niedrigstände wie eine Steuersenkung.
Raffinerie in Leuna (Sachsen-Anhalt): Billiges Öl steigert den privaten Konsum

Raffinerie in Leuna (Sachsen-Anhalt): Billiges Öl steigert den privaten Konsum

Foto: Waltraud Grubitzsch/ picture alliance / dpa

Deutsche Autofahrer jubeln. Im neuen Jahr konnten sie bisher so billig tanken wie seit elf Jahren nicht. Für die Verbraucher - und damit für die Wirtschaft - wirkt der niedrige Ölpreis wie eine Konjunkturspritze: Sie sparen kräftig beim Sprit und haben mehr Geld für andere Dinge übrig. Auch viele Unternehmen profitieren von billiger Energie, ihre Produktionskosten sinken.

Bisher war der Mechanismus stets so: Teures Öl trieb die Weltwirtschaft in die Krise. Verbilligte sich der Rohstoff, boomte die Konjunktur. Als Saudi-Arabien seine Förderung in den Achtzigerjahren ausweitete, wuchs die Weltwirtschaft jahrelang kräftig.

Trotzdem überwiegen die Warnungen vor einem dauerhaft niedrigen Ölpreis, der derzeit unter Berücksichtigung der Inflation so niedrig liegt wie vor der ersten Ölkrise 1973. Der Preis sei Ausdruck der schwachen Weltkonjunktur, heißt es. Die Förderstaaten wie Russland und andere könnten ihre Haushalte nicht mehr finanzieren, und ein Zusammenbruch der jungen Fracking-Industrie in den USA könnte schlimmstenfalls die Finanzbranche in den Abgrund reißen wie einst die Lehman-Pleite.

Gute Argumente auf beiden Seiten. Aber was wiegt am Ende schwerer - die positiven oder die negativen Effekte?

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, weist darauf hin, dass der Preis in den vergangenen anderthalb Jahren vor allem deshalb gefallen ist, weil sich die US-Ölproduktion seit 2008 fast verdoppelt hat und Öl weniger knapp geworden sei. "Ein solcher angebotsgetriebener Ölpreisrückgang ist per Saldo positiv für die Weltwirtschaft", argumentiert Krämer. Erst in den vergangenen Wochen sei der Preis aus Sorge um die chinesische Wirtschaft gefallen.

"Mit Blick auf Deutschland überwiegen deutlich die positiven Aspekte des niedrigen Ölpreises", sagt auch Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. Bereits im vergangenen Jahr hätten die gesunkenen Kosten die hiesige Wirtschaft gestärkt. Von den 1,7 Prozent, die das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2014 zugelegt hat, gingen "mindestens 0,25 Prozentpunkte" auf die günstigen Kosten des Rohstoffs zurück.

Mehr als zehn Milliarden Euro gespart

Die deutsche Wirtschaft leide zwar unter der schwächelnden Nachfrage aus Asien, sagt Krämer, "aber die Zeiten, in denen Deutschland ausschließlich vom Export abhängig war, sind vorbei". Stattdessen ist die Binnennachfrage deutlich gestiegen, vor allem der private Konsum. Kein Wunder, haben die Verbraucher doch im vergangenen Jahr nach Berechnungen der Postbank  durch die niedrigen Kosten für Benzin, Heizöl und andere Ölprodukte im Vergleich zu 2014 mehr als zehn Milliarden Euro gespart. "Die gesunkenen Preise wirken wie eine Steuersenkung: Sie erhöhen die Kaufkraft", sagt Bielmeier.

Allerdings gaben die Bürger das Geld nicht sofort wieder aus. "Bei den Konsumenten entfaltet sich die Wirkung nur langsam", sagt Krämer. "Anders als bei einer Lohnerhöhung, die das verfügbare Einkommen dauerhaft steigert, kann der Ölpreis ja schon bald wieder steigen. Also sparen die Bürger erst mal mehr." Nach einem achtzehn Monate dauernden Preissturz von mehr als hundert auf gut dreißig Dollar dürfte sich das jetzt ändern: "Wenn die Verbraucher das Gefühl haben, Benzin, Diesel, Heizen bleibt billig, dann geben sie auch mehr aus - und das passiert jetzt. Wir rechnen damit, dass der private Verbrauch in diesem Jahr um 2,5 Prozent steigt."

Gibt das billige Öl also dem Strukturwandel einen Schub - weg von einer auf Export fixierten Wirtschaft hin zu einer von der heimischen Nachfrage geprägten? Dazu müssten auch die Investitionen der Unternehmen steigen, was sie derzeit noch nicht tun. Sie werden zwar profitabler, wenn sie weniger für Öl und andere Energie ausgeben müssen. Doch das dadurch gewonnene Geld horten sie lieber, als es auszugeben. Sollte sich das ändern, dürfte es der Wirtschaft noch einmal neuen Schwung geben.

Die größte Gefahr? Ein steigender Ölpreis

Unterm Strich aber profitieren alle Nettokäufer von Öl und damit die größten Volkswirtschaften der Welt: Europa, die USA (trotz der heimischen Produktion), China, Japan oder Indien, die für drei Viertel der weltweiten Wirtschaftsleistung stehen. Das bedeutet: Billiges Öl ist ein gigantisches Weltkonjunkturprogramm - und ein Ende ist derzeit nicht in Sicht. Mit dem Ende der Wirtschaftssanktionen kann auch der Iran wieder Öl auf dem Weltmarkt verkaufen - und plant schon Mitte des Jahres täglich 600.000 Barrel zusätzlich anzubieten.

Das ist vielversprechend, aber es gibt noch Haken. Natürlich kann sich die deutsche Wirtschaft nicht von den Problemen der Förderländer und seiner Kunden abkoppeln. Fegt eine Pleite durch die Ölbranche, dürfte das auch deutsche Firmen treffen. Zwar scheint die Gefahr einer neuen Finanzkrise im Fall größerer Pleiten in der US-Ölindustrie eher gering zu sein, aber bei der wackeligen Gesamtlage könnte die Unsicherheit wieder steigen.

Sollten sich zudem die Sorgen über die chinesische Konjunktur bestätigen, könnten Börsenkurse und Ölpreis wieder im Gleichschritt fallen - und eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang setzen. Mit dem Vertrauen fällt das Wachstum - und dann könnten sich auch die geopolitischen Spannungen wieder verstärken.

Trotz der komplizierten Gemengelage macht sich DZ-Bank-Chefvolkswirt Bielmeier weniger über den Absturz der Energiepreise Sorgen, als über ein mögliches Comeback. "Die größte Gefahr für die Weltwirtschaft wäre derzeit ein deutlich steigender Ölpreis." Denn dann würde die Sonderkonjunktur in den Industrieländern wieder zusammenbrechen.


Zusammengefasst: Unterm Strich hat der niedrige Ölpreis für Deutschland und große Teile der Welt einen positiven Effekt. Denn wenn Verbraucher und Firmen langfristig an einer Stelle sparen können, können sie es für den Konsum und Investitionen ausgeben. Dennoch gibt es Gefahren: Die deutsche Wirtschaft ist auch abhängig von der Konjunktur und den Unternehmen in den Förderländern. Stürzen sie ab, dürfte das auch Deutschland hart treffen.

Mitarbeit: Stefan Kaiser
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