Ölpreis-Krisengipfel König Abdullahs Beruhigungstropfen

Der Ölpreis explodiert, die Weltwirtschaft steht unter Schock - und Saudi-Arabien übt sich in Beschwichtigung: Auf dem Energiegipfel in Dschidda verkündet König Abdullah eine höhere Ölförderung, ohne allerdings konkrete Zahlen zu nennen. Experten bleiben skeptisch.

Aus Dschidda berichtet


Dschidda - Die Araber lieben Autos. Je stattlicher, desto besser. Jeep, Dodge, Hummer - in der saudischen Hafenmetropole Dschidda fahren die Menschen das Größte vom Größten. Sie können es sich leisten: Der Liter Benzin kostet hier neun Cent.

Saudischer König Abdullah: Kein kritisches Wort gegen den Gastgeber
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Saudischer König Abdullah: Kein kritisches Wort gegen den Gastgeber

Im Rest der Welt sieht das anders aus. Seit Monaten springen die Energiepreise von Rekord zu Rekord, zuletzt kostete ein Fass Rohöl knapp 140 Dollar - doppelt so viel wie vor zehn Monaten. Die Gewinner sind die Saudis: Das Königreich ist der größte Ölexporteur der Welt, Tag für Tag fließen mehr als eine Milliarde Dollar in das Land.

Trotzdem ist König Abdullah, der "Hüter der heiligen Stätten", nicht zufrieden. Denn das teure Öl droht die Weltwirtschaft abzuwürgen. Langfristig, so die Sorge des Monarchen, könnte die Ölnachfrage schwächeln, der Geldfluss würde versiegen. Ein bisschen mehr Öl verspricht der König deshalb schon mal - sehr konkret sind seine Ankündigungen aber nicht.

Der strenggläubige Abdullah hat zu einer Krisenkonferenz in die Millionenstadt Dschidda geladen, nicht weit von Mekka. Vor Ort munkelt man, die Amerikaner hätten den König unter Druck gesetzt. Das Tagungsprogramm spricht eine andere Sprache.

Gleich zu Beginn lässt Abdullah Koran-Verse rezitieren. Die religiöse Einlage dauert nur fünf Minuten, aber das Signal ist klar: Hier läuft alles nach den Regeln der Gastgeber.

Der Junkie umschmeichelt seinen Dealer

Der Rest ist Beiwerk. Jede Delegation hat sieben Minuten Redezeit - das gilt für den britischen Premierminister Gordon Brown ebenso wie für Deutschlands Wirtschaftsminister Michael Glos. Ein kritisches Wort über die Saudis wagt keiner. Wer das Öl hat, hat die Macht. Es ist wie bei einem Junkie: Die Weltwirtschaft lechzt nach Öl - also umschmeichelt sie ihren Dealer.

Auf der Konferenz sind 38 Staaten vertreten, außerdem 30 Weltkonzerne aus der Energiebranche. Wirtschaftsbosse, Politiker, Beamte, Journalisten - in Dschidda tummeln sich Hunderte Gäste aus dem Ausland. Der König hat gerufen, und die Welt ist gekommen.

Dabei dreht sich alles nur um diesen einen Satz, den Abdullah vor den Delegierten verkündet: "Wir werden alles tun, um die Ölnachfrage zu befriedigen. Gepriesen sei Gott."

"Öl ist ein endlicher Rohstoff"

Die Gäste atmen auf - ihr Bitten und Betteln wurde erhört. Auch wenn der König keine konkrete Zahl nennt, steht fest: Die Saudis werden mehr Öl auf den Markt werfen. Möglicherweise schließt sich auch Kuweit an.

Der Preis könnte also endlich sinken - zumindest in der Theorie. Doch wie die Märkte am Montag tatsächlich reagieren, ist längst nicht ausgemacht. "Es besteht das Risiko, dass die Konferenz zu Ende geht, und der Ölpreis trotzdem steigt", sagt Bundeswirtschaftsminister Glos. "Öl ist ein endlicher Rohstoff. Das wird jetzt allen bewusst."

Saudi-Arabien ist das einzige Land der Welt, das seine Fördermengen nennenswert ausweiten kann. Die bislang versprochenen zusätzlichen Fördermengen sind allerdings nur ein Tropfen auf den heißen Stein

Iran braucht sein Öl selbst, in Russland gehen die Vorräte zu Neige, und in Venezuela jagt Linksdiktator Hugo Chávez ausländische Energiefirmen aus dem Land. Der Irak hat zwar noch Potential. Bis das kriegsgeplagte Land seine Produktion aber hochfahren kann, vergehen vermutlich Jahre.

Knappe Kapazitäten - Ölförderung in der Opec *

Förderung
im April 2008
vorhandene
Kapazitäten
Algerien 1,38 1,40
Indonesien 0,86 0,88
Iran 3,93 4,02
Kuweit 2,59 2,62
Libyen 1,76 1,80
Nigeria 1,86 2,47
Katar 0,83 0,90
Saudi Arabien 9,05 10,90
Ver. Arab. Emirate 2,65 2,88
Venezuela 2,32 2,50
Angola 1,82 1,82
Ecuador 0,50 0,50
Irak 2,34 2,45

* in Millionen Barrel pro Tag
Quelle: Internationale Energieagentur

In den kommenden Monaten könnte es noch schlimmer kommen. Denn in China und Indien dürfte die Nachfrage nach Öl weit stärker steigen als das weltweite Angebot. "Kurzfristige Produktionserhöhungen ändern nichts daran, dass der Markt langfristig auf Lieferengpässe zusteuert", sagt Analyst Hadschadsch Buchdur aus Kuwait. Das Problem: Je mehr Öl heute gefördert wird, desto weniger bleibt morgen übrig.

Die deutsche Delegation gibt sich denn auch zurückhaltend. "Erdöl wird nicht mehr wesentlich billiger. Das weiß jeder", sagt ein hochrangiger Vertreter aus dem Wirtschaftsministerium. Auch die Bundesregierung könne an dieser simplen Wahrheit nichts ändern. "Wir sind relativ machtlos, wenn der Energiepreis steigt", gab Glos kürzlich offen zu.

Die deutsche Delegation ist rein männlich besetzt

In Dschidda wird die Konferenz gegen Mittag unterbrochen. Die muslimischen Gastgeber möchten beten. "Es gibt nur einen Gott. Und Mohammed ist sein Prophet." Es hat fast den Anschein, als könnte nur noch der Allmächtige das weltweite Energieproblem lösen. Falls sich die Gäste aus dem Abendland ebenfalls für eine Andacht zurückziehen wollten, würde ihnen dies allerdings verwehrt: Das Bekreuzigen oder das Tragen christlicher Symbole ist in Saudi-Arabien verboten, ebenso wie der Bau von Kirchen.

Auch sonst prallen Kulturen aufeinander: Die wenigen Frauen, die an der Tagung teilnehmen, sind in lange, schwarze Umhänge gehüllt. Das Wort ergreift keine von ihnen, sie halten sich dezent im Hintergrund. Mit der rund 40-köpfigen Delegation aus Deutschland ist erst gar keine Frau angereist.

Die wirklichen Interessengegensätze aber bestehen beim Öl: Der Westen will mehr, die Araber wollen nicht mehr rausrücken. Eigentlich hatten die Industrieländer auf eine feste Zusage der Saudis gehofft. Nun müssen sie sich mit vagen Versprechen zufrieden geben. Und einem scheinbar großzügigen Vorschlag: Milliardenhilfen für die ärmsten Länder der Welt regte König Abdullah an, 500 Millionen Dollar will Saudi-Arabien selbst zur Verfügung stellen, in Form von Krediten.

"Die Opec ist keine Wohltätigkeitsorganisation"

Doch warum sollte die Opec die Schleusen auch öffnen? Die Organisation Erdöl exportierender Länder hat sich ja gerade deshalb zu einem Kartell zusammengeschlossen, um die Mengen knapp zu halten und so den Preis in ihrem Sinne zu beeinflussen. "Die Opec will ihren Gewinn maximieren", sagt Rohstoffexperte Frank Schallenberger von der Landesbank Baden-Württemberg. "Sie ist keine Wohltätigkeitsorganisation."

König Abdullah und seine arabischen Freunde versuchen denn auch, die Konferenz in eine ganz bestimmte Richtung zu lenken: Sie fordern die Industrieländer auf, ihre Energiesteuern zu senken - dann wären Benzin und Diesel für die Verbraucher auch wieder billiger. Außerdem sei die Weltbank in der Pflicht: Sie müsse den ärmsten Ländern helfen, damit diese mit den hohen Energiepreisen zurechtkommen.

Eine eigene Verantwortung weisen die Förderländer von sich. Ihre Argumentation: Öl sei genug auf dem Markt. Dass Spekulanten den Preis hochtreiben, dafür könne man nichts. Die Saudis haben deshalb auch die großen Investmentbanken Goldman Sachs und Merrill Lynch eingeladen - sozusagen als Buhmänner der Energiemärkte.

Vielleicht ist das Ganze auch nur ein abgekartetes Spiel. In Dschidda behaupten manche, die Saudis hätten vor der Konferenz massenweise Öl-Futures gehandelt - und damit auf die künftige Preisentwicklung gewettet. In diesem Fall wären nicht Hedgefonds die Spekulanten, sondern die Saudis selbst. "Ich glaube nicht, dass sie uns nur deshalb eingeladen haben, weil sie fromme Moslems sind", sagt ein Spitzenmann aus der deutschen Delegation. Beweise hat freilich niemand.

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