Ölpreis Rückkehr des 100-Dollar-Gespenstes

Seit Tagen bewegt sich der Ölpreis auf die 70-Dollar-Marke zu. Während die Börse mit Kursabstürzen reagiert, geben Volkswirte Entwarnung: Für die Konjunktur bestehe keine unmittelbare Gefahr. Das könnte sich ändern, wenn die Situation am Ölmarkt eskaliert.


London/Paris/Hamburg - Vor fast genau einem Jahr schockte die US-Investmentbank Goldman Sachs mit einer Ölpreis-Prognose. 100 Dollar könne das Fass kosten, erklärten die Experten damals. Derzeit sieht es so aus, als ob sich die Märkte alle Mühe geben, die Vorhersage zu erfüllen.

Ölanlage in Iran: Politik treibt den Preis
AP

Ölanlage in Iran: Politik treibt den Preis

Der Preis für Rohöl stieg heute in London erneut auf ein Rekordhoch. Die führende Nordseesorte Brent legte zwischenzeitlich um 34 Cent auf 69,71 Dollar je Barrel (159 Liter) zu. Der Preis für US-Leichtöl kletterte vorübergehend auf 69,53 Dollar und lag damit in der Nähe des Allzeithochs von 70,85 Dollar im August. Die Rekordmarke war am 30. August 2005 erreicht worden, nachdem der Tropensturm "Katrina" Ölförderanlagen im Golf von Mexiko zerstört hatte.

Es sind vor allem politische Konflikte, die den Preis empor treiben. Iran hatte gestern erklärt, dass man nun Uran für Atomkraftwerke selbst anreichern könne. Vor allem die USA reagieren angesichts der nuklearen Bestrebungen besorgt. Das Regime in Teheran hatte seinerseits damit gedroht, die Öl-Versorgung des Westens im Konfliktfall einzuschränken. Gleichzeitig ist die Produktion im westafrikanischen Nigeria stark reduziert. Rebellen attackieren seit einiger Zeit die Öl-Förderanlagen des Konzerns Royal Dutch Shell, Mitarbeiter werden entführt.

Wie 2005 wird das Wachstum der Öl-Nachfrage zudem von China angetrieben. Im Februar kaufte die Volksrepublik vier Prozent mehr Öl als ein Jahr zuvor.

Öl-Nachfrage steigt weiter

Wegen der politischen Krisen und der hohen Nachfrage dürften die Ölpreise Analysten zufolge in diesem Jahr weiter zulegen. Kurzfristige Lösungen für die politischen Krisenherde seien nicht in Sicht, zudem steige die Nachfrage auf der nördlichen Erdhalbkugel wohl weiter.

Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) wird der Ölpreis dann auch im April in Richtung 70 Dollar je Barrel (159 Liter) getrieben. Die Tendenz werde zusätzlich gestützt von höherer Nachfrage der US-Raffinerien nach dem Ende der winterlichen Wartungsarbeiten, berichtet die IEA in ihrem jüngsten Monatsbericht. Im zweiten Quartal werde die Nachfrage um 1,6 Millionen Barrel pro Tag steigen.

Entsprechend ist keine kurzfristige Entspannung in Sicht. Schon strahlt die Verteuerung auf andere Märkte ab. Unter dem Eindruck des hohen Ölpreises verbuchten die Aktienmärkte weltweit Verluste. So sackte der Dax heute unter die Marke von 5900 Punkten, nachdem der Index zuletzt noch die 6000er Marke übersprungen hatte.

Kein Korrekturbedarf bei Konjunktur

Während die Aktienmärkte abstürzen, fürchten Ökonomen bislang noch keine ernsten Folgewirkungen für die Konjunktur. "Ich sehe noch keinen Korrekturbedarf. An der Wachstumsprognose für das laufende Jahr in Höhe von 1,5 Prozent für Deutschland halte ich fest", sagte Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Ähnlich äußerte sich Andreas Rees, Volkswirt bei der HypoVereinsbank: "Der Ölpreis steigt schon seit Jahren. Unternehmen in Deutschland haben gelernt, damit zu leben." Rees erwartet dagegen positive Folgen für die hiesige Exportwirtschaft. Die könnte von der gestiegenen Nachfrage nach Investitionsgütern wie Maschinen in den Ölländern profitieren. "Deutsche Firmen konnten die Ausfuhren solcher Produkte beispielsweise nach Russland in den vergangenen Jahren stark ausweiten", so Rees.

Commerzbank-Ökonom Solveen schränkt allerdings ein, dass ein Wachstum von 1,5 Prozent schwieriger zu erreichen ist, wenn der Ölpreis länger in der Nähe der 70-Dollar-Marke verharrt. Bei Preisen von 80 oder 90 Dollar pro Barrel könnte es dann sogar echten Korrekturbedarf gebe.

Eben solche Werte erwarten nun einige Analysten. "Es ist ziemlich klar, dass wir die 70 Dollar mühelos überspringen werden", sagt Deborah White von SG CIB Commodities. Don Williams, Chefinvestor bei Platypus Asset Management, erklärte: "Wir rechnen damit, dass 80 Dollar oder 85 Dollar diesmal drin sind."

Einige Beobachter gehen noch weiter. Britische Zeitungen zitieren Analysten, die auch einen Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel für möglich halten, wenn die Situation in Iran eskaliert. Die Goldman-Sachs-Prognose hätte sich damit erfüllt.

suc/dpa/Reuters



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