Öltransporte Die Angst der Kapitäne vor dem Torpedo

Nach dem Beginn des Irak-Kriegs hat die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) alle Förderbegrenzungen aufgehoben. Trotzdem könnte der Ölnachschub ins Stocken geraten.

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Heikle Mission ohne Versicherungsschutz: Öltanker vor Kuwait
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Heikle Mission ohne Versicherungsschutz: Öltanker vor Kuwait

Wien - Probleme bereitet der Transport des Öls. Angesichts der drohenden Gefahr für ihre Schiffe während der Kampfhandlungen im Irak hätten es bereits einige Tankerkapitäne abgelehnt, in den persischen Golf einzulaufen, sagte Nader Sultan, Chef des kuweitischen Ölhändlers Kuweit Petroleum, gegenüber der "New York Times". Der Export des Irak sei aus diesem Grunde bereits zum Erliegen gekommen, bevor UN-Generalseketrär Kofi Annan das Programm "Öl für Lebensmittel" suspendiert habe.

"Die Speditionen haben Zweifel, ob ihre Schiffe im Golf noch sicher sind", sagte Nader weiter. Im Zweifel müsse das zwar der Kapitän des jeweiligen Tankers entscheiden, aber Sicherheit gehe in jedem Fall vor - auch wenn die Schiffe versichert seien.

Doch selbst der Versicherungsschutz steht in Frage, seit die Kriegshandlungen offen ausgebrochen sind. Die Versicherer hätten überwiegend Ausstiegsklauseln für den Kriegsfall in ihre Verträge aufgenommen, sagte Jochen Münker, Experte für den Bereich Nah- und Mittelost beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag in Berlin, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die Speditionen müssten also das Risiko vollständig selbst tragen. Ohnehin hätten die Risikoaufschläge auf die Prämien die Speditionskosten bereits im Vorfeld des Krieges drastisch in die Höhe geschraubt. Im Durchschnitt hätten sie sich um 30 Prozent verteuert, im Einzelfall sogar um 100 Prozent.

Alle Golf-Anrainerstaaten wären betroffen

Die Unterbrechung der Transport-Routen durch den Persischen Golf würde sich erheblich auf die weltweite Ölversorgung auswirken. Denn es wäre nicht allein der Irak betroffen, der während der Zeit des Embargos rund 1,5 Millionen Barrel pro Tag ausgeliefert hat. Auch die Golf-Anrainerstaaten Katar, Kuweit, Iran und die Vereiniten Arabischen Emirate, die mit einem Gesamtvolumen von rund 7,25 Milionen Barrel pro Tag zusammen rund 30 Prozent der gesamten Opec-Fördermenge liefern, hätten große Schwierigkeiten, ihr Öl abzusetzen.

Trotzdem sieht der Bundesverband der Mineralölwirtschaft keinen Grund zur Panik. Deutschland beziehe lediglich vier Prozent seiner Öleinfuhren aus der Golfregion, zwei Drittel dagegen aus Russland und der Nordsee. Falls es dennoch zu Versorgungsproblemen komme, könnten zum Beispiel die deutschen Notreserven einen fünfprozentigen Lieferausfall fünf Jahre lang ausgleichen. Die Industriestaaten insgesamt haben für den Notfall rund vier Milliarden Barrel Öl als Reserve zurückgestellt, was der Importmenge von rund 100 Tagen entspricht.

Doch ein Rückgriff auf die eiserne Reserve soll gar nicht erst nötig werden, so verspricht es jedenfalls die Opec. Ein Ausfall der Förderung beim Opec-Mitglied Irak würden ebenso wie etwaige Nachschubprobleme aus der Golf-Region durch zusätzliche Lieferungen anderer Förderländer kompensiert, erklärte Opec-Präsident Abdullah Ibn Hamad al-Attijah, in Wien. Die Mitgliedsländer hätten sich verpflichtet, ihre ungenutzten Förderkapazitäten einzusetzen, um die Versorgung zu gewährleisten. Auch der saudi-arabische Erdölminister Ali Ibrahim al-Naimi hatte wiederholt versichert, die Opec werde trotz des Krieges für ein genügend großes Ölangebot sorgen.

Nach unbestätigten Berichten soll Saudi-Arabien in den letzten Monaten eine Ölreserve von 50 Millionen Barrel angelegt haben, um sie nach Ausfall der irakischen Öllieferungen auf den Markt zu bringen.

Opec-Mitglieder bereiten zusätzlichen Förderungen vor

Die Opec hatte zuletzt offiziell 24,5 Millionen Barrel (je 159 Liter) am Tag gefördert, jedoch hatten sich zahlreiche Kartellmitglieder nicht an diese Begrenzung gehalten. So soll das mit Abstand wichtigste Opec-Mitglied Saudi-Arabien statt täglich knapp acht Millionen mehr als neun Millionen Barrel Öl aus dem Boden gepumpt haben. Nach Branchenschätzungen soll das Land mit den höchsten Ölreserven der Welt noch freie Förderkapazitäten von 1,5 Millionen Barrel besitzen, die innerhalb von Wochen genutzt werden könnten.

Schon in den vergangenen Tagen soll Kuweit, das nach Opec-Vorgaben zwei Millionen Barrel fördert, seine Produktion ausgeweitet haben. Auch Venezuela, das in den letzten Monaten wegen der innenpolitischen Streiks deutlich weniger als die Hälfte der offiziellen Quote von 2,8 Millionen Barrel produziert hatte, will deutlich mehr als diese offizielle Menge fördern.

Kurzfristige extreme Preissprünge möglich

Marktbeobachter sehen denn auch vorläufig keine Gefahr, dass es zu spürbaren Versorgungsengpässen kommen könnte. Zum Beweis ihrer These verweisen sie auf die rückläufigen Preise an den Ölmärkten, die zurzeit zwischen 32 und 34 Dollar pro Barrel pendeln. Dennoch: Kurzzeitige, extreme Ausschläge nach oben seien nie auszuschließen.

Wie nervös die Märkte jedoch sind, zeigt die Reaktion auf einen CNN-Bericht über vier brennende Ölfelder im Süden des Irak, der inzwischen jedoch wieder dementiert worden ist. Prompt schnellte der Ölpreis um zeitweise 1,6 Prozent nach oben und notiert zurzeit bei 30,30 Dollar je Barrel. Wahrscheinlich würde sich die Nachricht von einem versenkten Öltanker ähnlich Preis treibend auswirken.



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