Wiener Immobilie Das HoHo ist das höchste Holzhochhaus der Welt

84 Meter ragt der Turm mit seinen 24 Stockwerken in die Höhe: In Wien ist das höchste Holzhochhaus der Welt entstanden, aus etwa 4500 Kubikmeter Fichtenholz. Ergibt das Sinn?

Michael Nagl / Wien II

Von , Wien


Auch wenn man es auf den ersten Blick nicht sieht: Das Hochhaus im 22. Bezirk von Wien, etwa 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, ist ein Rekordprojekt. Mit seinen 84 Meter Höhe ist es in Zeiten von Wolkenkratzern wie dem Burj Khalifa in Dubai mit 828 Metern oder dem Shanghai Tower mit 632 Metern vergleichsweise klein. Doch das "HoHo", wie das Holzhochhaus in Wien genannt wird, ist das höchste Hochhaus der Welt, das aus Holz gefertigt wurde.

Die Idee dazu kam Caroline Palfy vor fünf Jahren. Palfy, 1979 in Wien geboren, ist Baumeisterin und gründete 2013 den Bauentwickler Cetus, der zur Holding des Investors Günter Kerbler gehört. Kerbler hatte zuvor Grundstücke im Wiener Stadtentwicklungsgebiet Seestadt-Aspern erworben und beauftragte Palfy, sich für diese Flächen etwas zu überlegen. "Ich wollte etwas machen, das nachhaltig und umweltfreundlich ist", erzählt sie. Sie schlug Kerbler vor, etwas Neues zu wagen: ein Hochhaus aus Holz. Allerdings brauche sie etwa 200.000 Euro für Architekt, Statiker, Brandschutztechniker und Behörden. "Und am Ende kommt vielleicht nichts dabei heraus", warnte sie ihn. Kerbler stimmte dennoch zu. "Mach mal", sagte er ihr.

Nach fast drei Jahren Bauzeit - Baubeginn war im Oktober 2016 - ist das HoHo nun fast fertig. Im Herbst sollen die ersten Mieter im "Brettlturm", wie manche Wiener es nennen, einziehen: Büros, ein Fitnessstudio, Arztpraxen, Geschäfte, ein Restaurant und ein Hotel. "Zu gern hätte ich auch Wohnungen dabeigehabt, aber diese Fläche ist nur für gewerbliche Zwecke vorgesehen", sagt Palfy.

Es duftet nach Wald

In den Räumen duftet es nach Wald. Das Holz solle "erlebbar" bleiben, sagt Palfy, daher habe man auf eine Innenverkleidung, auf Tapeten oder Lackierung verzichtet. Das Almhüttenfeeling nimmt man in Kauf. Dicke Holzpfähle ragen durch die Räume, es sind tragende Säulen. In der Mitte steht jedoch ein Betonkern, die Wände wiederum sind aus Holz. "Wir haben Holz dort verwendet, wo es Sinn macht", sagt Palfy. Überall ergebe es eben keinen Sinn. Der Holzanteil beträgt laut Bauplänen 75 Prozent.

In den Wänden zum Beispiel ist kein Beton, sie bestehen aus 14 Zentimeter Holz, 20 Zentimeter Mineralwolle zur Dämmung und schließlich einer Außenfassade aus Faserzement, also Platten aus Holzabfällen, Wasser und anderen recycelten Stoffen. "In den Böden haben wir neben 16 Zentimeter Holz aber auch eine zwölf Zentimeter dicke Schicht Beton, wegen des Schallschutzes. Hätten wir nur Holz verwendet, wäre es sehr hellhörig geworden. Oder wir hätten die Böden viel dicker machen müssen, was sich nicht gerechnet hätte." Auch die Treppen und Teile des Tragwerks sind aus Beton, aus Gründen der Stabilität. Die Betonelemente sind sichtbar. Man verstecke nichts, sondern betone den Materialmix.

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HoHo in Wien: Eine Menge Holz

Insgesamt 4500 Kubikmeter Fichte wurden verwendet - eine Menge Holz. Ist so etwas sinnvoll in Zeiten, in denen die Abholzung von Wäldern Schlagzeilen macht? Die Projektleiterin überlegt. "Ja, allerdings nur, wenn wir nachhaltige Forstwirtschaft betreiben." Das Holz müsse außerdem aus der Region kommen. Würde man Holz aus anderen Ländern importieren, hätte es ökologisch wenig Sinn. "Das Holz, das wir für das HoHo verbraucht haben, wächst in österreichischen Wäldern in einer Stunde und 17 Minuten nach." Insgesamt habe der Holzbau im Vergleich zu einem konventionellen Betonbau fast 3000 Tonnen CO2 eingespart.

Teurer als geplant

Mit 75 Millionen Euro plus weiteren Kosten für den Hotelausbau wird das HoHo teurer als die veranschlagten 65 Millionen Euro. Ergeben Holzbauten, die teurer sind als vergleichbare Immobilien aus Beton, ökonomisch Sinn? Bislang gebe es kaum Vergleichswerte, antwortet Palfy. "Das HoHo ist sicherlich teurer, weil hier viel in Forschungsarbeit gesteckt wurde." Der Vorteil sei aber, dass man Holzbauten aus vorgefertigten Modulen errichten könne. "Der Vorteil des Baukastenprinzips ist, dass man viel maßgenauer arbeiten kann als mit Beton. Und man kann die Bauteile im Winter in Hallen produzieren und den Bau in den wärmeren Jahreszeiten dann relativ schnell errichten." Das rechne sich dann auch wirtschaftlich.

Dazu müssten sich Holzhäuser aber erst durchsetzen, Dutzende Anbieter sind weltweit am Start. Auch Aufbauten auf bereits bestehenden Gebäuden seien nach Ansicht vieler Anbieter sinnvoll - Holz sei leicht, auf diese Weise könne der Bevölkerungsverdichtung in Städten Rechnung getragen werden mit zwei, drei weiteren Stockwerken.

Doch zuerst müssten die Bauordnungen geändert werden - in Deutschland würde allein der Brandschutz ein Gebäude wie das HoHo verhindern. "Wir haben experimentiert und baugleiche Bauteile 90 Minuten lang den Flammen ausgesetzt", sagt Palfy. Der Test habe bestätigt, dass die Kohleschicht, die sich bei einem Brand an der Oberfläche bilde, das Innere des Materials schütze - zumindest so lange, dass das Holz lange genug stabil bleibe. Die Brandwiderstandsdauer des HoHo liege bei 115 Minuten - deutlich höher als die gesetzlich vorgeschriebenen 90 Minuten. "Es ist eine Frage der Berechnung", sagt Palfy. Man müsse die Bauteile entsprechend dick einplanen. Experten sagen, anders als Stahl werde Holz nicht plötzlich weich. Stahl hingegen knicke irgendwann ein, wie man an den beiden Türmen des World Trade Centers in New York gesehen habe.

Norwegisches Konkurrenzhochhaus

Streiten kann man darüber, ob das HoHo tatsächlich das höchste Holzhaus der Welt ist. Im norwegischen Brumunddal ist ebenfalls ein Wolkenkratzer aus Holz entstanden, Mjøstårnet genannt, fertiggestellt im März, und etwas niedriger geplant als das HoHo. Doch die norwegischen Konstrukteure packte der Ehrgeiz - sie bauten einfach eine Balkenkonstruktion obendrauf. Nun ist also der norwegische Turm mit 85,4 Metern etwas höher als das 84 Meter hohe Gebäude in Wien. Er hat allerdings nur 18 Stockwerke, das tatsächlich genutzte Gebäude ohne Aufbau ist kleiner als das HoHo. In Wien vermutet man, es sei den Konkurrenten in Norwegen nur darum gegangen, Höhe zu schinden.

Palfy sagt, sie könne mit dem Superlativ "höchstes Holzhochhaus der Welt" eh nichts anfangen. Peinlich finde sie das "und, um ehrlich zu sein, eine ziemlich männliche Sichtweise". Das Interesse am HoHo in Wien ist so oder so groß, Besuchergruppen aus aller Welt wollen das Gebäude besichtigen und lernen, wie man mit Holz in die Höhe bauen kann. Und der Rekord dürfte früher oder später ohnehin gebrochen werden: In Amsterdam ist ein 130 Meter hohes Holzhaus geplant, in Chicago ein 228 Meter großes und in Tokio eines mit 350 Meter Höhe.

Ihr sei wichtig, dass das HoHo das schönste sei. Aber ja, ergänzt sie und lacht, das sei "natürlich subjektiv". Der "Standard" zum Beispiel schrieb: "Die pixelig angeordneten Eternitplatten, mit denen das Hochhaus aus baurechtlichen Gründen eingekleidet werden musste und deren raue Oberfläche sich vergeblich darum bemüht, die Charakteristik einer Baumrinde nachzuahmen, bleiben am Ende irgendwie altbacken und vorvorgestrig beige. Schade."

insgesamt 25 Beiträge
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charly05061945 25.08.2019
1. Brndschutz
Dass der Brandschutz sogar Vorteile gegenüber der konventionellen Bauweise aufweist glaube ich dem Herrn nicht. Das war wohl so ein Test nach Bestellerprinzip!
RalfBukowski 25.08.2019
2. Tja...
...Bauteile im Winter in der Halle herstellen - kann man auch mit Beton. Die Massgenauigkeit hängt von der Form ab - das sollte also eigentlich kein Problem sein. Und dann der Brandschutz - ich sehe keinen wirklichen Vorteil für den Holzbau, der ja nun auch gar kein reiner Holzbau ist. So wie das hier präsentiert wird, ist es schlicht ein PR-Ding. So wie Pellet-Heizungen, die zwar auch mit Holz zu tun haben, aber ökologischer und umwelttechnischer Schwachsinn sind (ja, rechnet das ruhig mal nach).
gusty.braun 25.08.2019
3. Naja
"Auch die Treppen und Teile des Tragwerks sind aus Beton, aus Gründen der Stabilität" Stabilität? Bei einem Brand kann man noch nach Stunden über eine Holztreppe laufen, eine Betontreppe fällt nach 20 Minuten zusammen.
Gerd@Bundestag.de 25.08.2019
4. Einfach mal die Möglichkeiten sehen
1. im Gegensatz erzeugt Holz als Bauelement kein C02, sondern bindet C02 bei dem wachsen des Baums. 2. Solange das Baumaterial besteht, bleibt das C02 konstant der Luft entzogen. 3. Die Dekonstruktion nach dem Nutzungszeitraum sollte nicht durch verfeuern geschehen, sondern durch speichern des Holzes in Wasser bzw. Moor.... das CO2 bleibt somit dauerhaft entzogen. Eine sehr vernünftige Idee der Architektur! Chapeau!!
gioka2 25.08.2019
5. Kompliment
Davon ausgehend dass auch in Österreich Brandschutzbestimmungen gelten möchte ich einfach einmal ein Kompliment für eine wirkliche Umsetzung einer Idee aussprechen. Ich finde es prima - die nächsten Jahrzehnte werden sicherlich Verbesserungen im Material bescheren. Das war auch im Zeitalter des Beton + Stahl schon so. Stahl ist ja nun auch kein Werkstoff den es vor 2.000 Jahren so gegeben hat wie heute (war ein Scherz - natürlich gibt es Stahl erst seit wenigen Jahrhunderten). Warum also nicht Holz weiter erforschen, chapeau!
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