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Multis Offener Dialog

Das Image des Ölmultis Shell ist angeschlagen. Mit Hilfe des sozialdemokratischen Vorwärts-Verlags will er es aufbessern.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Der oberste Öffentlichkeitsarbeiter der Deutschen Shell war mehr als zufrieden mit den Redakteuren des Vorwärts. »Die anliegende Publikation«, lobte Klaus-Peter Johanssen in seinem Anschreiben, verdeutliche »die Komplexität des Problems« und biete möglicherweise den Ansatz für »eine differenziertere Sicht der Dinge«.

Dem Schreiben lag ein 48seitiges, bunt bebildertes Heftchen mit dem Titel »Politik, Multis & Moral: Shell und Nigeria« bei. In seiner Begeisterung hatte der Manager 8000 Exemplare drucken lassen und Ende Juli samt Kommentar an bundesdeutsche Politiker, Journalisten und Unternehmer verschickt. Mit freundlicher Genehmigung des sozialdemokratischen Parteiblattes.

Soviel Einvernehmen kommt nicht von ungefähr. Die Idee zu dem Projekt wurde gemeinsam entwickelt, und auch bei der Umsetzung half Shell der chronisch finanzschwachen und unterbesetzten Vorwärts-Mannschaft.

Der Konzern braucht dringend positive Publicity. Nach dem Kampf um die Bohrinsel »Brent Spar« und Berichten über Umweltzerstörungen im Niger-Delta (SPIEGEL 41/1995) waren die Medien einträchtig über Shell hergefallen.

Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen, Shell-intern »Pressure-Groups« genannt, werfen dem Unternehmen vor, rücksichtslos die Ölvorkommen Nigerias auszubeuten und das korrupte Militärregime des Landes zu stützen. Sie machten Shell auch für die Hinrichtung an dem Schriftsteller und Oppositionsführer Ken Saro-Wiwa mitverantwortlich.

Aus Sorge vor Boykott-Aktionen steckte der Multi horrende Summen in eine Anzeigenkampagne ("Klarheit in einem schwierigen Umfeld"). Doch am ramponierten Image änderte das wenig.

Anfang des Jahres kamen Kommunikationsdirektor Johanssen und Vorwärts-Verlagsleiter Ansgar Burghof bei einem Treffen überein, ein Streitgespräch zu dem Thema zu organisieren. Teilnehmer: SPD-Fraktionschef Rudolf Scharping und der Vorstand der Deutschen Shell, Peter Duncan.

»Das Ergebnis war so gut«, sagt Vorwärts-Redaktionsleiter Frank Suplie, »daß wir mehr daraus machen wollten.« Der eher verständnisvolle Dialog zwischen den Herren, zuerst auszugsweise in der April-Ausgabe der SPD-Mitgliederzeitung (Auflage: 800 000) abgedruckt, bildet nun das Kernstück der »Multis & Moral«-Broschüre.

Mit dem Heftchen, das für drei Mark in Briefmarken auch von normalen Vorwärts-Lesern beim Verlag bestellt werden kann - dafür wurden 3000 Stück gedruckt -, soll, laut Editorial, ein »grenzüberschreitender, offener Dialog« in Gang gesetzt werden. Ziel sei es, mögliche »Kooperationspotentiale« zu messen.

Das ist offenbar gut gelungen, jedenfalls gegenüber Shell. Die kleine Vorwärts-Mannschaft bediente sich freizügig aus dem Informationsfundus der Hamburger Konzernzentrale. Auszüge aus einer vom Ölmulti gern zitierten Weltbankstudie, die Umweltprobleme im Niger-Delta vorrangig auf die Überbevölkerung zurückführt, finden sich in der Broschüre ebenso wie Texte aus Shell-Presseerklärungen.

Abgedruckt wurde auch ein längerer Bericht aus der New York Times - für die Übersetzung hatte Shell gesorgt. Leider mußten in der Broschüre einige Passagen gekürzt werden. So erfährt der Leser nichts von den schätzungsweise 170 bis 190 Millionen Dollar, die der Multi jährlich in Nigeria verdient. Und daß die nicht eben militante Königliche Geographische Gesellschaft zu London dem Konzern aus Protest gar eine 60 000-Dollar-Schenkung zurückgab, fiel ebenfalls weg.

»Keine Absicht«, beteuert Vorwärts-Redaktionschef Suplie. »Shell war in keinem Punkt beteiligt.« Auch die Optik, die stark an Touristikprospekte erinnert, habe einen einfachen Grund: »Mit Schauerbildern ziehe ich keine Leser an.«

Volkmar Deile, Geschäftsführer von Amnesty International Deutschland, vermutet anderes: »Das sieht nach einer Sponsoring-Aktion aus.« Dabei hatte er selbst, ebenso wie Greenpeace-Sprecher Michael Hopf ("Das ist eine redaktionelle Katastrophe"), einen knappen, Shellkritischen Artikel zugeliefert.

Nur ahnte er nicht, in welchem Umfeld der erscheinen würde. Beide Stücke stehen, beinahe versteckt, am Ende des Heftes. »Die haben uns als Alibi-Schreiber gebraucht«, ärgert sich Deile.

Vorwärts-Chef Suplie bestreitet jede Form von Kungelei mit Shell. Er denkt sogar schon an weitere Broschüren: »Wir wollen den Dialog fortsetzen.« Denkbar wären auch andere Branchen, die in der Diskussion stünden.

Shells Reaktion dürfte Suplie Mut machen. In der August-Ausgabe plazierte das Unternehmen eine Farbanzeige - Preis laut Vorwärts-Liste: rund 42 000 Mark.

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