Offshore-Allianz Europas Norden treibt die Energiewende voran

Neun europäische Staaten, darunter Deutschland, planen ein Megaprojekt: Sie wollen ein gewaltiges Energienetz in der Nordsee verlegen. Ökonomen und Wissenschaftler loben das Vorhaben als Meilenstein für die Ökostromwende - auch wenn bislang nur eine Absichtserklärung existiert.
Dänische Offshore-Windkraftanlagen

Dänische Offshore-Windkraftanlagen

Foto: DDP

Hamburg - Europas Energiesektor ist um ein Megaprojekt reicher: Deutschland und acht weitere europäische Staaten wollen in der Nordsee ein Hightech-Netz für Ökostrom verlegen. In den kommenden zehn Jahren wollen sie Tausende Kilometer Hightech-Kabel auf dem Meeresgrund verlegen. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll so ein Untersee-Netz entstehen, die Infrastruktur für Europas Energiezukunft.

Und das ist auch dringend nötig. Denn viele Staaten Nordeuropas planen derzeit gewaltige Hochsee-Windparks. Allein Deutschland will 40 Offshore-Kraftwerke in der Nord- und Ostsee bauen lassen. Schon jetzt betreiben zudem Dänemark und Belgien Gezeitenkraftwerke, und Norwegen erzeugt Strom mit Wasserkraft. Schon bald sollen all diese Ökostromfabriken über ein "Supergrid" unter dem Meer zusammenarbeiten.

Das wäre ein gewaltiger Techniksprung: Denn für solch ein Supernetz, das Strom über weite Distanzen leiten soll, braucht man Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ, siehe Infobox links) statt Wechselstrom. HGÜ-Kabel leiten Strom relativ verlustarm, auf 1000 Kilometer Distanz verliert man etwa drei bis vier Prozent des Stroms. Würde man eine herkömmliche Wechselstromleitung nehmen, wären es 15 Prozent.

Ökonomen und Politiker werten das geplante Supernetz als Meilenstein. "Die Verkabelung der Nordsee ist die europäische Antwort auf den gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen", sagt Josef Auer, Energie-Analyst bei DB-Research. Trotz verkorkster Konferenz "prescht Europa bei der Nutzung erneuerbarer Energien vor".

Fotostrecke

Nordsee-Supergrid: Europa unter Strom

Foto: ddp

Auch die Pressemitteilung , die Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle zum neuen Hochsee-Projekt herausgegeben hat, setzt ein deutliches politisches Signal. "Wir wollen dazu beitragen, dass uns möglichst schnell der Sprung in das regenerative Zeitalter gelingt", teilt der FDP-Politiker mit, der die Verkablung der Nordsee für Deutschland federführend betreut.

Damit ist er ausnahmsweise einer Meinung mit der Opposition. "Der politische Druck auf die Energiekonzerne ist durch die Ankündigung des Hochsee-Supergrids deutlich gewachsen", sagt Hans-Josef Fell, energiepolitischer Sprecher der Grünen. "Die Umstellung erneuerbarer Energien wird allmählich von einer geschäftsstrategischen Option zu einem politischen Muss."

Warum ein Untersee-Netz die Energiewende beschleunigt

Tatsächlich könnten die Branchengrößen wie E.on oder Vattenfall durch das Nordsee-Netz gezwungen werden, ihre Konzernstrategie schneller umzustellen als ihnen lieb ist. Denn das Unterwasser-Netz löst ein ganz wesentliches Problem beim Ausbau der Windenergieförderung vor der Küste. Hersteller von Offshore-Windanlagen haben bisher nur schwer eine Garantie erhalten, dass ihr Windpark, wenn er fertig gebaut ist, auch ans Stromnetz kommt.

Zwar sind die Netzbetreiber dazu gesetzlich verpflichtet - doch verlangen sie für eine Anschlussgarantie oft, dass die Finanzierung für das Windparkprojekt bereits steht. Banken dagegen verlangen von Investoren, dass die Anschlussgarantie steht, bevor sie Geld zuschießen. Für Windpark-Bauer war es dadurch in der Vergangenheit eher schwer, ihre Riesenprojekte finanziert zu bekommen.

Das ändert sich jetzt. "Der geplante Bau eines europäischen Supernetzes gibt den Herstellern mehr Planungssicherheit", sagt Analyst Auer. Zudem würden die Partner-Länder ihre technologische Expertise bündeln. "Die Verkabelung der Nordsee dürfte den Bau großer Offshore-Parks deutlich beschleunigen."

Und die Vernetzung von Wind-, Wasser- und Gezeitenkraft hat noch einen weiteren Vorteil. Sie macht die unkalkulierbare regenerative Energieerzeugung beständiger. Denn Strom lässt sich im großen Maßstab schlecht speichern. Eine Möglichkeit sind Pumpspeicherkraftwerke. Normalerweise fließt Wasser aus einem höheren Becken durch Turbinen in ein tiefer gelegenes. Dabei erzeugen die Turbinen Strom. Bei geringen Lastzeiten kann aber überschüssiger Strom aus dem Netz Pumpen antreiben, die das Wasser von unten nach oben bringen und die Energie auf diese Weise speichern.

Durch das geplante Netz in der Nordsee erhielten Länder wie Deutschland, die viel unberechenbare Windkraft erzeugen, Zugang zu den Speicherkraftwerken Skandinaviens, Österreichs und der Schweiz, sagt Raphael Görner vom Fachvertrieb elektrische Netze bei ABB Deutschland. Eine staatsübergreifende Vernetzung biete so die Möglichkeit, Unregelmäßigkeiten der Energieeinspeisung auszugleichen.

E.on, Vattenfall & Co. unter Druck

Energieriesen wie E.on und Vattenfall stellt das vor gewaltige Umwälzungen: Ihre traditionellen Kraftwerksparks könnten schneller an Bedeutung verlieren als ihnen lieb ist. Laut Analyst Auer ist es daher gut, dass die Politik das Projekt eng koordiniert. Denn die könnte verhindern, dass Großkonzerne den Netzausbau bremsen, damit die Gewinne ihrer Kohle- und Atommeiler nicht zu schnell schrumpfen - falls der Wille, die Energiewende voranzutreiben, tatsächlich so stark ist, wie Minister Brüderle behauptet.

Wohlgemerkt: falls. Denn bislang ist das Projekt nicht mehr als eine politische Absichtserklärung - und die liegt bislang noch nicht mal schriftlich vor. Denn erst am 7. Dezember haben Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Dänemark, die Niederlande, Irland, Luxemburg und Norwegen die Nordsee-Offshore-Initiative ("North Seas Countries' Offshore Grid Initiative") ins Leben gerufen.

Nach Vorarbeiten im vergangenen Jahr werden Vertreter der Ministerien in der ersten Hälfte dieses Jahres Schwerpunkte der Zusammenarbeit bestimmen und dabei auch in einen intensiven Dialog mit den zahlreichen europäischen Akteuren im Bereich Offshore treten. Für Ende des Jahres 2010 ist dann die Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding geplant, in dem das weitere Vorgehen festgelegt wird.

Unternehmen sollen Großteil der Kosten tragen

Erst Ende 2010 wird sich also entscheiden, wer in dem Projekt was zu sagen hat. Machtlos werden E.on, Vattenfall & Co. dabei nicht bleiben: Den Großteil der Kosten, insgesamt gut 30 Milliarden Euro, sollen laut "Süddeutscher Zeitung" die Unternehmen tragen. Führende europäische Energieversorger und Netzbetreiber würden an den anstehenden Verhandlungen teilnehmen.

Die Grünen-Angeordnete Ingrid Nestle macht das skeptisch: "Es muss sichergestellt werden, dass durch die Nordseekabel letztlich wirklich Ökostrom fließt - dass also nicht etwa Kernkraftbetreiber das Netz für ihre Zwecke nutzen", sagt sie.

Dass das Projekt Nordsee-Netz indes realisiert wird, halten Experten für sehr wahrscheinlich. Der Bau von Supergrids wird schon seit längerem diskutiert. Es gibt eine Analyse von Greenpeace, die "North sea electricity grid"-Studie , laut der das Netz eine Gesamtlänge von 6200 Kilometer Kabeln haben werde. Auch der Europäische Windenergie-Verband hat ein umfangreiche Studie zu dem Thema veröffentlicht. Ihr Titel: "Oceans of Opportunity" .

Sogar Pilotprojekte gibt es schon: Mit dem längsten unterseeischen Stromkabel der Welt wurden 2008 die Stromnetze Norwegens mit den Niederlanden verbunden. Über 580 Kilometer läuft das elf Zentimeter dicke HGÜ-Kabel in 410 Metern Tiefe durch die Nordsee. Wenige Monate dauerte die Verlegung. Die Kosten: 600 Millionen Euro. Seitdem können die Niederlande den aus Wasserkraft erzeugten Strom Norwegens importieren und überschüssigen Strom aus Windkraft in Norwegen zwischenspeichern.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.