Opel-Betriebsratschef Franz "Wir haben nur diesen einen Schuss"

Opel-Betriebsratschef Franz gibt den Optimisten: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sagt er, warum er den Autobauer trotz Krise für ein attraktives Unternehmen hält, das einen Investoren finden kann - und erklärt, weshalb Händler und Mitarbeiter auf jeden Fall eine Sperrminorität wollen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Franz, die Rettung von Opel zieht sich hin. Und die Stimmen, die nach einer geordneten Insolvenz rufen, werden immer lauter. Warum wehren Sie sich so dagegen, nach einer Pleite schuldenfrei und unbelastet neu durchzustarten?

Franz: Dieses Gerede über eine Pleite ist fahrlässig - es hat uns schon Millionen gekostet. Besonders Flottenkunden wie etwa Autovermietungen scheuen ein insolvenzgefährdetes Unternehmen wie der Teufel das Weihwasser. Schließlich sind sie auf die Serviceleistungen angewiesen. Die sogenannten Experten, die sich da zu Wort gemeldet haben, haben sich keine Sekunde Gedanken gemacht, was sie lostreten.

SPIEGEL ONLINE: Sie verlangen Hilfe vom Bund, um Opel aus dem GM-Konzern herauszulösen, weil das Unternehmen ihrer Ansicht nach "systemrelevant" ist. Warum soll ausgerechnet Opel für die Zukunft der deutschen Wirtschaft so wichtig sein?

Franz: Die Jobs, die bei Opel gestrichen werden, wären für Deutschland endgültig verloren, ebenso unser Knowhow, weil unser wegfallendes Angebot auf dem Markt durch Anbieter aus Asien ersetzt würde. Außerdem arbeiten wir in Europa mit 1600 Zulieferern zusammen, die wegen Kurzarbeit und Produktionskürzungen in der Branche ohnehin leiden. Eine Opel-Insolvenz würde für viele das endgültige Aus bedeuten. Das sind die direkt bedrohten Jobs - insgesamt 56.000. Dazu kommen unzählige Firmen, die indirekt betroffen wären. Allein hier in Rüsselsheim wären an die 75.000 Stellen in Gefahr: in den Ingenieursbüros, die für Opel arbeiten, aber auch in den Bäckereien vor dem Werk. Das Ende von Opel könnte für die deutsche Wirtschaft das werden, was die Lehman-Pleite für das Finanzsystem war.

SPIEGEL ONLINE: Der Bund hat mehr als 18 Milliarden Euro in die Commerzbank gesteckt, über 100 Milliarden Euro für die Hypo Real Estate ausgegeben. Opel benötigt Bürgschaften über drei Milliarden Euro. Ärgert Sie, dass bei dieser vergleichsweise kleinen Summe so gezögert wird?

Franz: Die Bundesregierung muss natürlich abwägen: Wenn wir Opel retten - wie gehen wir dann mit anderen Unternehmen um, die eventuell anklopfen? Aber die Autoindustrie ist ein Grundpfeiler der Wirtschaft. Das Entscheidende ist doch: Wenn eine Firma schon vor der Krise marode war, wird sie auch hinterher nicht überleben können. Ist sie im Kern gesund, muss geholfen werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind sehr davon überzeugt, dass das bei Opel der Fall ist. Warum eigentlich? Die Marke Opel - mal abgesehen vom neuen Insignia - gilt als angestaubt, der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup sagte kürzlich, sie hätten kein einziges klassenloses Auto wie den Mini oder den Golf.

Franz: Es macht mich richtig wütend, wenn ich das höre. Der Corsa ist doch klassenlos - bei vielen Bankern steht der als Zweitwagen für die Frau neben dem BMW oder dem Mercedes. Außerdem kommen in den kommenden zwei, drei Jahren zahlreiche neue Modelle auf den Markt. Der neue Astra, den ich schon gefahren bin, ist eine Fortsetzung der Insignia-Story. Der neue Meriva hat ein ganz neues Türkonzept. Das hat außer Rolls Royce kein anderer Hersteller anzubieten. Der neue Ampera stößt weniger als 40 Gramm CO2 pro Kilometer aus. Ich glaube, mit diesen Modellen sind wir absolut en Vogue.

SPIEGEL ONLINE: Opel gilt mit einer Jahresproduktion von 1,6 Millionen Wagen trotzdem als zu klein, um allein zu bestehen.

Franz: Das stimmt, das Argument wisch ich nicht weg. Wir müssen deshalb wieder im großen Stil Autos ins nichteuropäischen Ausland exportieren - und wir haben schon ein entsprechendes Schreiben von General Motors, dass wir das auch dürfen. Damit können wir meiner Meinung nach auf eine Jahresproduktion von zwei Millionen Stück kommen. Zusätzlich muss GM eine Minderheitsbeteiligung bei uns behalten, damit eine Art Nabelschnur bestehen bleibt für die gegenseitige Nutzung der Technologie und für gemeinsame Einkäufe.

SPIEGEL ONLINE: GM ist ein schwacher Partner. Das Unternehmen schreibt seit Jahren gigantische Verluste, braucht jetzt Milliarden vom Staat. Ende März will die US-Regierung darüber entscheiden. Was machen Sie eigentlich, wenn Ihre Mutter komplett pleite geht?

Franz: Eine Pleite von GM wird die US-Regierung nicht riskieren. Das wäre der Anfang vom Ende für die gesamte Branche und würde sofort an die drei Millionen Stellen kosten. Zudem gelten unsere Rechte für die Technologienutzung auch, wenn GM nach Chapter 11 Insolvenz anmeldet. Das ist geklärt.



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