Opel-Proteste In Rüsselsheim, Antwerpen und Eisenach stehen die Bänder still

Der wilde Streik im Opel-Werk Bochum bringt den Konzern in immer größere Schwierigkeiten: Wegen Teilemangels muss das Werk in Antwerpen seine Produktion einstellen. Im Stammwerk Rüsselsheim stehen die Endmontagebänder seit zehn Uhr still.

Antwerpen/Brüssel - Eine kurzzeitige Wiederaufnahme der Produktion ist nicht zu erwarten. Im belgischen Werk müssten die Bänder am frühen Nachmittag angehalten werden, wie ein Opel-Sprecher bestätigte. Für die Beschäftigten sei Kurzarbeit angemeldet worden. Die Fabrik in Antwerpen, in der der Astra produziert wird, ist von der Zulieferung von Autoteilen aus Bochum abhängig.

Die Arbeitnehmervertreter in Antwerpen wollen die 5400 Beschäftigten im Laufe des Tages genauer über die Lage unterrichten. An dem Standort will der US-Mutterkonzern General Motors 300 befristete Jobs abbauen. Von Unruhe wie in Bochum oder Rüsselsheim war in Antwerpen bisher keine Rede.

Auch im Werk Eisenach ruht die Produktion. Grund sind dort jedoch seit längerem angekündigte Freischichten wegen fehlender Auslastung.

Protestzug in Bochum gestartet

Im Opel-Stammwerk werden heute rund 15.000 Mitarbeiter zu einer Informationsveranstaltung erwartet. Sie findet im Rahmen eines Aktionstages statt, der in allen Standorten von GM Europe geplant ist. In Bochum sind bereits rund 10.000 Opel-Arbeiter und ihre Angehörigen vom Werk zu einer Demonstration in der Innenstadt aufgebrochen.

An die Spitze des Protestzugs hat die Belegschaft einen Lastwagen mit einer 500 Kilogramm schweren Gussstahlglocke gesetzt, die zur Mahnung gegen Arbeitsplatzabbau lautstark geschlagen wird. Um "fünf vor Zwölf" ist vor dem Bochumer Schauspielhaus eine Kundgebung geplant, bei der Gewerkschafter und Kirchenvertreter sprechen wollen.

Zugleich gibt es indes erste Enspannungssignale: In Rüsselsheim haben sich Betriebsrat und Vorstand bei den Verhandlungen über die drastischen Sparpläne angenähert. Sie gaben eine gemeinsame Erklärung heraus, in der es hieß, beide Seiten verfolgten das Ziel, die Standorte Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern wettbewerbsfähig zu machen und "über 2010 hinaus als Automobilwerke zu erhalten". Der Standort Eisenach wurde in der Mitteilung nicht genannt. Allerdings hat er bereits eine günstigere Kostenstruktur, so dass mit einer Schließung nicht gerechnet wird.

Funktionäre suchen Kompromiss, Arbeiter wütend

Vorstand und Gesamtbetriebsrat vereinbarten zudem, "nach Lösungen zu suchen, um die Personalanpassungen im Rahmen der geplanten Restrukturierung sozialverträglich zu gestalten". Dies schließe auch "die Regelung zur Beschäftigungssicherung in der für alle Standorte der Adam Opel AG gültigen Turnaround-Betriebsvereinbarung ein".

Der Chef des Bochumer Gesamtbetriebsrates, Dietmar Hahn, sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung." Nun müsse die Belegschaft entscheiden. Detlef Wetzel, Bezirksleiter der IG Metall, äußerte sich ähnlich. "Das ist ein gutes Ergebnis und ein Sieg für die Belegschaft." Betriebsbedingte Kündigungen würden durch die erste Annäherung erschwert. Allerdings müsse die Einigung in weiteren Verhandlungen "noch mehr Fleisch auf den Knochen bekommen".

Während Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre damit offenkundig auf ein Ende des wilden Streiks zielen, gab es bei den Opel-Mitarbeitern Verunsicherung. "Das ist nicht akzeptabel", sagte ein Mitarbeiter. Ein anderer fragte: "Was heißt denn sozialverträglich?" Eine weitere Stimme: "Das ist nur eine Umformulierung dessen, was ohnehin geplant war."

Experte: "Wird betriebsbedingte Kündigungen geben"

Auch ein Vertrauensmann der IG Metall sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Der Belegschaft reicht das nicht. Die Blockade wird aufrecht erhalten." Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöfer, der sich ebenfalls in Bochum aufhält, zweifelte an der Realisierbarkeit des Rüsselsheimer Beschlusses. "Es wird betriebsbedingte Kündigungen geben", urteilte er.

An Aktionstag sollen sich Arbeitnehmerangaben zufolge alle Standorte von Portugal über Spanien, Belgien und Großbritannien bis nach Schweden beteiligen. Der Europäische Metallgewerkschaftsbund rechnet eigenen Angaben zufolge mit insgesamt 40.000 protestierenden Beschäftigten.

Einem Bericht der Tageszeitung "Welt" zufolge erwägt Opel, fristlose Kündigungen gegen mutmaßliche Rädelsführer auszusprechen, die die Stimmung im Bochumer Werk zusätzlich aufheizten. Die Kündigungen sollen demnach mit Verstößen gegen das Betriebsverfassungsgesetz begründet werden, da es keine Handhabe für die Informationsveranstaltungen gebe, mit der Belegschaft und Gewerkschaft die "wilden Streiks" erklären. Opel wollte den Bericht nicht kommentieren. Betriebsratsmitglied Biagiotti sagte im ARD-Morgenmagazin, von der Androhung fristloser Kündigung wisse er nichts.

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