Opel-Rettung Bundesregierung misstraut General Motors

Auch Porsche-Chef Wiedeking warnt jetzt vor einer Opel-Pleite - die Bundesregierung aber verweigert die Zusage von Staatshilfe. Das Wirtschaftsministerium sieht das Sanierungskonzept auf "tönernen Füßen" und fürchtet: Der Mutterkonzern GM könnte angekündigte Milliardentransfers noch stoppen.

Berlin - Ferdinand Dudenhöffer warf sich als erster unabhängiger Experte für Opel in die Bresche. Der Automobilprofessor von der Universität Duisburg-Essen hält es tatsächlich für möglich, dass die Traditionsmarke die Wirren der Krise überstehen und sogar in ferner Zukunft Profit abwerfen könnte. "Es ist durchaus möglich, einen eigenständigen Autobauer im Volumenmarkt mit weniger als zwei Millionen Fahrzeugverkäufen pro Jahr tragfähig darzustellen", fasst er seine jüngste Studie zusammen.

Opel-Werk in Eisenach: Mitarbeiter sollen Lohnverzicht üben

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Foto: DPA

Entsprechend macht Dudenhöffer sich auch für milliardenschwere Staatshilfen für Opel stark. Das Risiko, dass der Untergang Opels eine nicht beherrschbare Kettenreaktion auslösen könnte, sei sehr groß. "Deshalb muss der Staat eingreifen."

Vor wenigen Monaten klang das noch ganz anders: Da gab der Automobilökonom dem Traditionskonzern nicht die geringste Chance, ohne General Motors   zu überleben. Auch die Herauslösung aus dem US-Mutterkonzern hielt er für nahezu ausgeschlossen. Und er befand sich damit im Einklang mit den allermeisten der anderen Branchenexperten.

Seiner Meinungsänderung mag indes niemand so recht folgen - weder in der Wissenschaft noch in den Research-Abteilungen der Banken und schon gar nicht in der Politik. Nach einem Bericht der "Rheinischen Post" schließen sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als auch die Unionsfraktion eine direkte Bundesbeteiligung an Opel kategorisch aus. In Frage kämen allenfalls Garantien, Bürgschaften oder ein Darlehen unter der Voraussetzung, dass ein schlüssiges Rettungskonzept vorliege, ein zweiter Investor gefunden und alle rechtlichen Fragen geklärt seien, heißt es in dem Bericht.

Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) mahnte von Opel erneut die Vorlage eines tragfähigen Konzepts an. Bisher könne er davon noch nichts erkennen, monierte er.

Am Mittwoch machte Wirtschaftsstaatssekretärin Dagmar Wöhrl (CSU) im Namen der Bundesregierung die Bedenken an den bereits vorliegenden Plänen offiziell. "Seitens General Motors werden drei Milliarden Euro Unterstützung in Aussicht gestellt", erklärte sie im Bundestag. "Dabei bleibt allerdings unklar, inwieweit der amerikanische Mutterkonzern diese Unterstützung verbindlich in Aussicht gestellt hat", sagte sie.

Wöhrl machte bei dieser Gelegenheit klar, wie wenig sie dem US-Mutterkonzern von Opel über den Weg traut: "Die Gefahr, dass GM nach dem amerikanischen Insolvenzrecht Chapter 11 Gläubigerschutz anmeldet, ist weiterhin nicht ausgeschlossen." Nach Wöhrls Worten benötigt der Mutterkonzern GM weitere Hilfen in Milliardenhöhe. Die Rede sei von rund 15 Milliarden Dollar. Letztlich stehe das Opel-Konzept damit auf "tönernen Füßen". Auch von einer kreditgebenden Bank, von einem neuen Investor für Opel, sei der Regierung nichts bekannt. Dafür zu sorgen, sei nicht Sache des Staates, sondern des Unternehmens.

Aber selbst wenn man von den finanziellen Unwägbarkeiten absieht: Beim Nachdenken über einen Weg für die Zukunft ist den GM-Managern offensichtlich nur wenig Kreatives eingefallen. GM-Präsident Fritz Henderson setzt in erster Linie auf Einsparungen in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar, die die Arbeitnehmer tragen sollen - durch freiwilligen Abschied mit einer Abfindung, Lohnverzicht sowie die Kürzung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. Insgesamt stehen in Deutschland dem Vernehmen nach rund 3500 Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Das Produktionsvolumen werde an allen Standorten in Europa zurückgefahren, erklärte Henderson in einem Pressegespräch am Rande der Automesse in Genf. Auch die komplette Schließung von Werken seien als ultima ratio im Gespräch. Im Zuge der angestrebten Neuorganisation des Europageschäfts erwäge GM, die Komponenten- und Getriebetochter Powertrain wieder in den geplanten Verbund aus Opel und Vauxhall einzugliedern.

Opel und GM hatten diesen Plan am Montag der Bundesregierung unterbreitet. "Es geht bei einer etwaigen Beteiligung der Regierungen an dem europäischen Unternehmen Opel/GM lediglich um einen Zwischenschritt", sagte Forster.

Die Verfechter einer Staatshilfe - der hessische Ministerpräsident Roland Koch etwa oder sein nordrhein-westfälischer Kollege Jürgen Rüttgers (beide CDU) - halten die langfristige Überlebensfähigkeit allerdings längst nicht für den entscheidenden Faktor, der eine staatliche Intervention rechtfertigt. Sie verweisen ebenso wie Autoexperte Dudenhöffer auf die gefährlichen Auswirkungen eines Zusammenbruchs für die Gesamtwirtschaft.

Ihnen sprang jetzt sogar ein erklärter Marktliberaler, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, zur Seite: "Die Vernetzung in der Autoindustrie ist groß. Wenn über Nacht ein großer Volumenhersteller wegfiele, würde das die Lieferanten treffen, und das könnte nicht jeder verdauen. In einem solchen Fall würde es auch auf der Lieferantenseite eine gewisse Bereinigung geben", sagte Wiedeking dem "Handelsblatt".

Ein Argument, das bei Kanzlerin Merkel jedoch wenig Gehör findet. CDU-Kreisen zufolge hatte sie Opel sogar ausdrücklich als nicht "systemisch relevantes Unternehmen" bezeichnet. Es gebe zwar systemrelevante Finanzinstitute, aber keine systemisch wichtigen gewerblichen Unternehmen.

Auch der Autoexperte Stefan Bratzel hält Opel nicht für systemrelevant. Bei einem Marktanteil von bundesweit acht Prozent könne eine Pleite von Opel in der deutschen Autoindustrie keinen Dominoeffekt auslösen, erklärt er. Ein Ausfall von Opel als Marktteilnehmer könne zwar ernsthafte Konsequenzen für zahlreiche Zulieferer und Autohändler haben. Ein Zusammenbruch der Lieferkette, der dann für andere Hersteller wie BMW  , Mercedes oder Volkswagen   ein massives Problem darstellen würde, sei aber nicht zu befürchten.

Mit Material von Reuters
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