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HYPOVEREINSBANK Opfer oder Täter?

Der Sturz des Eberhard Martini: Der zurückgetretene HypoVereinsbank-Aufseher will die Schuld nicht allein auf sich nehmen. Hypo-Kontrolleure hätten die Schummelei gedeckt.
aus DER SPIEGEL 44/1999

So haben ihn nur wenige erlebt. Leicht abgemagert und um Haltung bemüht, nahm Eberhard Martini am vergangenen Dienstag zusammen mit seiner Frau ein bescheidenes Abendessen ein. Statt des einst so geliebten Bordeaux begnügte sich der Banker mit einer Flasche Bier (Augustiner Edelstoff), die passte besser zu seiner Stimmung.

Wenig war zu sehen von dem Selbstbewusstsein, von dem Martini, 64, einst nur so strotzte, als er noch Chef der bayerischen Hypo-Bank war. Ein Mann, der es wie kaum ein anderer Bankmanager verstand, seine Macht auch nach außen zu demonstrieren. Dessen Zigarren stets ein bisschen länger und dicker waren. Und der, wenn er prominente Wirtschaftsbosse zu einem Glas Wein einlud, nur die feinsten Tropfen bestellte.

Der ehemalige Bankenpräsident war einer, der sich wohl fühlte in der Geldszene, einer, dessen Wort galt. Und jetzt? Jetzt wird Martini von ehemaligen Kollegen so rüde und gnadenlos öffentlich hingerichtet, wie vor ihm noch kein anderer deutscher Bankführer. »Was ist der Unterschied zwischen der 'Titanic' und der Hypo-Bank?«, heißt ein eingängiger Banker-Scherz. Die Antwort: »Auf der 'Titanic' war der Martini besser.«

Dabei sollte der vergangene Dienstag für Eberhard Martini ein richtig schöner Tag werden. Vormittags wollte der Ex-Chef der Hypo-Bank mit seinen Aufsichtsratskollegen der fusionierten HypoVereinsbank die neuesten Zahlen des Kreditinstituts diskutieren. Danach freute Martini sich schon auf das Essen mit den Aktionärsvertretern, das traditionell der Münchner Edelgastronom Käfer auffährt. »Das habe ich bei der Hypo-Bank so eingeführt«, bekannte der Feinschmecker einst stolz.

Doch statt mit seinen Kollegen zu plaudern und zu tafeln, saß Martini einsam und verbittert im 21. Stock des Münchner Hypo-Hochhauses. Dort hatte ihm sein Aufsichtsratschef Kurt Viermetz 24 Stunden vorher eröffnet, dass er sein Kontrollmandat bei der Bank niederlegen müsse. Andernfalls, drohte Viermetz seinem Freund aus alten Augsburger Zeiten, werde er auf der Hauptversammlung am 17. Dezember seine Entlassung fordern.

Als Martini erfuhr, dass auch sechs andere ehemalige Hypo-Topmanager abtreten würden, willigte der einst so kampfeslustige Bayer ein. Voller Groll musste er später am Bildschirm mit ansehen, wie Viermetz und Albrecht Schmidt, Chef der HypoVereinsbank, 20 Stockwerke tiefer mit ihm und seinen Ex-Kollegen abrechneten.

Munitioniert mit einem 132-Seiten-Gutachten der Münchner Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO holten die neuen Herren zum entscheidenden Schlag gegen die alte Hypo-Führung aus. Weil Martini und seine Mannen kein funktionierendes Kontrollsystem für ihre Kreditrisiken aus Immobiliengeschäften installiert hatten, so stellen es die Prüfer fest, hätten sie drohende Verluste aus waghalsigen Grundstücksgeschäften um 3,6 Milliarden Mark zu niedrig bewertet. Damit, folgern die Experten, sei auch der 97er-Bilanzabschluss der Hypo-Bank null und nichtig. So etwas wurde vor Martini noch keinem anderen Bankchef bescheinigt.

Verstehen möchte oder kann Martini das alles noch immer nicht. Wohl auch, weil zum Verständnis gehört, dass der Bankmanager erkennt: Schuld an seinem Absturz sind nicht nur die anderen.

Bis zuletzt weigerte sich der Spross einer Augsburger Fabrikantenfamilie, von einem Wirtschaftsblatt einst als »Deutschlands unkonventionellster Banker« gefeiert, zuzugeben, dass er Fehler gemacht hatte. Stattdessen beschimpfte er öffentlich seinen Rivalen und Vorstandsvorsitzenden Albrecht Schmidt: »So ein Mann kann keine Bank führen.«

Die Konkurrenz zu Schmidt begann schon vor vielen Jahren. Erfüllt von dem Wunsch, die benachbarte Vereinsbank zu überrunden, ließen sich Martini und seine Mitarbeiter Anfang der neunziger Jahre auf Geschäfte ein, die ihre Kollegen am nahe gelegenen Tucherpark lieber nicht anfassten.

Während Schmidt und seine Berater konservativ Anteile an der Allianz und Münchener Rück erwarben, investierten Martini und seine Mannen in Brauereibeteiligungen und den Fleischkonzern März, dessen skandalumwitterter Firmengründer Josef März einst eng verbandelt war mit dem ehemaligen DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski.

Trotz dreistelliger Millionenbeträge, die sie auf ihre maroden Beteiligungen abschreiben mussten, hielten die Hypo-Banker an ihrem Expansionskurs fest - und hatten damit teilweise sogar Erfolg. Immerhin waren es die experimentierfreudigen Bayern, die 1994 als erste deutsche Großbank einen Billigableger gründeten, die Direktanlagebank. Das Aldi-Institut, das den Münchnern Anlaufverluste von 50 Millionen bescherte, ist inzwischen gut zwei Milliarden Mark wert und soll demnächst an die Börse gebracht werden.

Auch waren die Hypo-Banker die ersten, die nach der Wende in Ostdeutschland Selbstbedienungsfilialen errichteten. »Wir waren die Kreativen«, sagt ein Ex-Hypo-Vorstand, »die Vereinsbanker galten dagegen als brav und stocksolide.«

Berauscht von den eigenen Großtaten, setzten Martini und seine Kollegen zu ihrem bis dahin größten Coup an und verhoben sich dabei kräftig. Für zweistellige Milliardenbeträge kauften die Hypo-Manager im großen Stil unbebaute Grundstücke und Geschäftshäuser auf. Doch die Bürobrachen erwiesen sich zum größten Teil als gigantische Fehlspekulation.

Martini weigerte sich lange, zu lange, das drohende Desaster wahrzuhaben. Um Details der Bilanzenstellung und Risikokontrolle habe er sich nie gekümmert, rechtfertigte er sich gegenüber Vertrauten. Sein Terrain waren Empfänge und Galaveranstaltungen, wo der Lebemensch selbst seine Kritiker für sich einnahm.

Mulmig wurde es Martini offenbar erst, als seine eigenen Immobilienexperten immer massiver drängten, die Grundstücke und die darauf ausgereichten Kredite abzuschreiben. Doch auch das konnte einen Mann wie Martini nicht erschüttern. Die wollten die Projekte doch nur bewusst runterreden, um bei einem späteren Verkauf besser dazustehen, glaubte er zunächst.

Im Herbst 1997 dämmerte Martini und seinem Finanzchef Werner Münstermann, dass die Probleme durch Aussitzen nicht lösbar waren. Deshalb schlugen sie dem Aufsichtsrat vor, Verlustobjekte im Jahresabschluss um rund 2,2 Milliarden Mark abzuwerten.

Dass es so weit nicht kam, so stellt es Martini heute im kleinen Kreis dar, habe vor allem am damaligen Großaktionär Allianz gelegen, der noch knapp 25 Prozent an der Hypo-Bank hielt. Zumindest hätten zwei der Allianz nahe stehende Aufsichtsräte - darunter ein ehemaliger Allianz-Finanzchef - Bedenken geäußert, ein solcher Ausreißer bei den Abschreibungen könnte angesichts der bevorstehenden Fusion mit der Vereinsbank einen schlechten Eindruck machen. Ein Allianzsprecher, nach Rücksprache mit dem Vorstand: »Uns ist ein solcher Vorgang bis heute nicht bekannt.«

Auch die Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Wedit hätten Zweifel gehabt, ob ein so hoher Betrag von den Finanzbehörden anerkannt werde, so Martini im kleinen Kreis. Nach guter bayerischer Sitte einigte man sich schließlich auf einen Kompromiss, der Martini heute belastet, ihm damals aber nicht ganz unrecht war. 1,5 Milliarden Mark wurden abgeschrieben, der Rest der Immobilien blieb als Wert in den Büchern.

Die Nonchalance, mit der er solche Konflikte jahrelang geregelt hatte, wurde dem Banker nun zum Verhängnis. Martini hoffte offenbar bis zuletzt, das von seinem Widersacher Schmidt offenbarte 3,5- Milliarden-Loch mit raffinierter Bilanzkosmetik kaschieren zu können, wenn nur alle mitzögen.

Umso entsetzter reagierte der Ex-Bank-Chef, als er jetzt das Gutachten der Prüfer in den Händen hielt.

Der gläubige Katholik hatte allen Ernstes gehofft, die Bilanzexperten würden ihm und seinen Kollegen darin endlich die lang ersehnte Absolution erteilen. Stattdessen besiegelten sie das Ende seiner Karriere.

Martini versteht die Bankenwelt, in der er jahrelang eine zentrale Rolle spielte, nicht mehr. Und die Bankenwelt versteht ihn nicht mehr.

Nach wie vor glaubt Martini, dass er seine rund ein Dutzend Aufsichtsratsmandate, die er noch ausübt, auch in Zukunft behalten kann, darunter Posten bei der Spaten-Franziskaner-Brauerei oder dem Bankhaus Maffei. Die Chefaufseher der Firmen überlegen dagegen längst, wie sie ihn elegant loswerden können.

Selbst sein Vorstandsbüro am Arabellapark inklusive Fahrer und Sekretärin nutzt Martini weiterhin, als wäre nichts gewesen. Den täglichen Spießrutenlauf in den 21. Stock will der tief gestürzte Ex-Banker offenbar bewusst in Kauf nehmen. Schließlich läuft sein Vorstandsvertrag, der noch nach seinem Wechsel in den Aufsichtsrat verlängert wurde, bis Mai nächsten Jahres. Und den will Martini auskosten - bis zum letzten Tag. DINAH DECKSTEIN

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