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Luftfahrt Optimal ausgelastet

British Airways steigt bei USAir ein; die erfolgreiche britische Konkurrenz wird für die Lufthansa immer gefährlicher.
aus DER SPIEGEL 31/1992

John King verstand nicht viel von der Luftfahrt, als Premierministerin Margaret Thatcher ihn 1981 an die Spitze von British Airways berief.

Doch King, lange Zeit Chef eines Maschinenbau-Unternehmens, hatte eine Vision. Er wolle, so verkündete er selbstbewußt, aus dem nationalen Luftfahrt-Unternehmen die »erste globale Fluggesellschaft« der Welt machen.

Jetzt, elf Jahre später, hat er sein Ziel fast erreicht: British Airways (BA) beteiligt sich an der amerikanischen Gesellschaft USAir. Die Engländer wollen für 750 Millionen Dollar bis zu 44 Prozent der Anteile an der fünftgrößten US-Linie erwerben.

Der »globale Traum«, schwärmte die sonst eher nüchterne Financial Times in Anspielung auf Kings damaligen Spruch, sei nun »zum Start bereit«.

Der inzwischen geadelte Lord King, 74, genießt den späten Triumph. Die US-Gesellschaft, prahlt er, sei für British Airways ein idealer Partner: »Sie bringen uns den amerikanischen Markt, wir bringen ihnen den Rest der Welt.«

Die starken Worte sind nicht ganz unberechtigt. Tatsächlich verschafft das Bündnis den beiden Unternehmen eine einzigartige Startposition im weltweiten Konkurrenzkampf der Fluggesellschaften. Keine andere kann ein so umfassendes Streckennetz anbieten, keine andere so viele Passagiere transportieren wie die neue anglo-amerikanische Allianz.

USAir ist zwar kleiner als die Konkurrenten American Airlines, Delta und United. Aber die Gesellschaft mit Sitz in Arlington (Virginia) kann auf den inneramerikanischen Strecken durchaus mit den Großen mithalten. Vor allem an der Ostküste, wo sie im vergangenen Jahr den Shuttle-Dienst zwischen Washington, New York und Boston übernahm, ist USAir stark.

Und genau darauf kam es den Briten an. Der Nummer eins unter den europäischen Fluggesellschaften fehlte bisher ein Brückenkopf auf dem amerikanischen Markt, der immerhin 40 Prozent des globalen Flugverkehrs ausmacht.

Noch bis in die achtziger Jahre kamen sich die europäischen und die amerikanischen Gesellschaften kaum ins Gehege: US-Bürger flogen mit Pan Am oder TWA über den Atlantik, die Europäer mit ihren nationalen Linien.

Das hat sich geändert. Mit der Deregulierung des Luftverkehrs in den Staaten drängten die sogenannten Megacarrier American, United und Delta immer stärker auf die Nordatlantik-Routen. Pan Am verschwand, TWA verkümmerte.

Die Europäer verloren zunehmend Marktanteile. Sie dürfen auf dem riesigen nordamerikanischen Kontinent nur wenige Großflughäfen anfliegen. Passagiere, die woanders hinwollen, müssen auf einem der Drehkreuze auf eine US-Linie umsteigen - was meistens ziemlich umständlich und zeitaufwendig ist.

Die Amerikaner wissen dies geschickt zu nutzen. Sie haben auf den großen Drehkreuzen sowohl die Anschluß- als auch die Zubringerflüge exakt auf ihre Transatlantikdienste eingestellt. Die Passagiere verlieren wenig Zeit und können im selben Terminal umsteigen.

Genau diesen Wettbewerbsnachteil vermeiden die Briten nun durch ihren Pakt mit USAir. Die Gesellschaft, die mit 439 Maschinen fliegt, wird British Airways ihre Terminals in Pittsburgh, Charlotte und Baltimore als Drehscheiben für Nordatlantikflüge zur Verfügung stellen. Die Briten können fortan Umsteige-Verbindungen zu 204 US-Zielen anbieten.

Kings Triumph ist vor allem für die Deutsche Lufthansa bitter. Die Bundeslinie leidet schwer unter dem Konkurrenzkampf auf den Nordatlantikstrecken. Der von den US-Gesellschaften entfesselte Preiskrieg belastet die Lufthansa-Bilanz mit einem jährlichen Defizit von etwa 250 Millionen Mark.

Die Deutschen suchen daher schon seit langem einen Partner in den USA. Auch Lufthansa-Chef Jürgen Weber verhandelte mit den Managern der finanziell schwer angeschlagenen USAir.

Am Ende aber bekam die hochprofitable britische Konkurrenz den Zuschlag. Sie kann, im Gegensatz zur Lufthansa, den Preis bezahlen, den die Amerikaner forderten.

Lord King und sein Chefmanager Sir Colin Marshall haben das Unternehmen in den vergangenen Jahren allein auf den geschäftlichen Erfolg ausgerichtet. Im Geschäftsjahr 1991, in dem fast alle Fluglinien wegen des Golfkriegs hohe Verluste machten, erzielte British Airways einen Gewinn von über 800 Millionen Mark.

Die Briten, die in der Bundesrepublik seit kurzem mit der Deutschen BA vertreten sind, haben schon hinter sich, was der Lufthansa erst noch bevorsteht: harte Rationalisierung und schmerzhafte Personalschnitte. Früher als alle anderen führte British Airways zudem ein computergesteuertes Verkaufssystem ein. So können die Maschinen auch in schwachen Zeiten optimal ausgelastet werden.

Branchenkenner rechnen damit, daß der Aufstieg der Briten zur globalen Fluggesellschaft mit dem Einstieg bei USAir noch nicht beendet ist. Sie glauben, daß die neue Allianz schon das nächste Ziel ansteuert: die Übernahme der kränkelnden US-Gesellschaft TWA.

Lord King hingegen kann sich jetzt schon zurücklehnen. Vom nächsten Jahr an soll er zum ersten Ehrenpräsidenten von British Airways gewählt werden - auf Lebenszeit.

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