Oracle contra PeopleSoft Ellison ruft zur Fahnenflucht auf

Oracle-Chef Larry Ellison nutzte eine Konferenzschaltung mit Wall-Street-Analysten, um die feindliche Übernahme des Rivalen PeopleSoft zu rechtfertigen. Der Software-Milliardär will nicht ruhen, bis PeopleSoft vom Markt verschwunden ist.

Von , New York


Auf Angriff geschaltet: Oracle-Chef Ellison
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Auf Angriff geschaltet: Oracle-Chef Ellison

New York - Selbst Larry Ellison wird mal nervös. Vor allem, wenn so viel auf dem Spiel steht wie jetzt mit seiner 5,1-Milliarden-Dollar-Offerte an die Aktionäre eines Konkurrenten. Und so dauerte es gestern Abend ein paar lange Minuten, bis der Boss des kalifornischen Software-Konzerns Oracle, sich durch ein Dickicht aus "Ähs" und "Öhs" stammelnd, die rechte Stimmlage gefunden hatte.

Dann aber lief Ellison zur üblichen Form auf und schaltete auf Angriff. Die Frage nach den Erfolgsaussichten seines Übernahmeangebots für den Rivalen PeopleSoft zum Beispiel begegnete er mit brutaler Selbstsicherheit: "Die Shareholder werden diese Entscheidung treffen", sagte er, als stehe der Ausgang längst fest. "Nicht Mr. Conway, und nicht das Board" - ein fast herablassender Seitenhieb gegen PeopleSoft-Chef Craig Conway, dessen Vorgesetzter er bei Oracle einst gewesen war.

Elektronische Konferenzschaltungen zwischen Konzernherren und Branchenanalysten sind Routine, ein Teil des täglichen Börsentangos. Die gestrige Schaltung jedoch, wohlweislich nach Börsenschluss zwischen der Oracle-Zentrale im Silicon Valley und dem Broker-Floors an der Wall Street gekoppelt, war, obwohl als reguläre Quartalsbilanz kaschiert, alles andere als Routine. Nicht umsonst war sie schnell um einige Wochen vorgezogen worden.

"Eine Wahl, wo es zuvor keine gab"

Der fernmündliche Auftritt, an dem SPIEGEL ONLINE teilnahm, war Ellisons erste Chance seit Zünden der Lunte am vorigen Freitag, nicht nur den Experten sein PeopleSoft-Abenteuer näher zu erläutern und schmackhaft zu machen. Auch die PeopleSoft-Aktionäre sollten umgarnt werden.

Ellison veranstaltete einen dramatischen, virtuellen Aufruf zur Fahnenflucht. Schonungslos und väterlich-wohltätig zugleich - ganz so wie es Ellison, als langjähriger Student orientalischer Kampfeskunst, aus der 2500-jährigen Schlachtbibel "Die Kunst des Krieges" vom chinesischen General und Philosophen Sun Tzu gelernt hatte.

Dass seine Worte in erster Linie ans Fußvolk gerichtet waren, an die einfachen Soldaten und nicht die Feldherren selbst, daran bestand kein Zweifel: Nicht die Analysten am anderen Ende der Telefonschaltung sprach Ellison an, sondern immer wieder die PeopleSoft-Eigner, die per Internet-Webcast teilnahmen. Denen gelobte er mehrfach "eine Wahl, wo es zuvor keine Wahl gab".

Lockruf an die Shareholder

Zuerst ließ Ellison seinen Finanzchef Jeff Henley die jüngsten, natürlich rosigen Quartalszahlen herunterbeten: Lizenzumsatz um drei Prozent gestiegen, Gesamtumsatz um zwei Prozent, "im Wettbewerb geht's uns besser". Analyst Sameer Bhasin von Okumus Capital wundert das nicht: "Schlechte Zahlen können die sich jetzt absolut nicht leisten. Du kannst keine feindliche Übernahme starten, wenn dein eigenes Haus in Unordnung ist."

Dann kam, geschickt platziert, die Liste neuer Business-Großkunden, die Oracle - Tusch! - PeopleSoft abgeworben habe: Merrill Lynch, Tower Airlines, Qantas, Digital Net. Lockruf an die Shareholder: Die neue Geliebte ist viel attraktiver als die Gattin.

Knallhart und eiskalt nahm der ehrgeizige Sportsegler Ellison, den die Harvard Business School einst zum "Unternehmer des Jahres" gekürt hatte, die Konkurrenz auseinander. Und zeigte so, dass er an deren Überleben und dem Schicksal der 8200 PeopleSoft-Mitarbeiter kein Interesse hat, sondern sie vom Markt wegkaufen und vernichten will. "Wir gehen durch eine Phase der Konsolidierung", hatte er in einem früheren Interview schon bezeichnend gesagt. "Die besten Companys werden Riesen sein. Sie werden die kleineren Firmen aufkaufen."

16 Dollar und keinen Penny mehr

Und das verdienten die auch nicht besser. "Ich finde, dass das Management keine gute Arbeit geleistet hat", sagte Ellison über die Mannschaft von Craig Conway. "Die Geschäfte bei PeopleSoft werden schlechter, nicht besser."

Wie Pfeile verschoss Ellison die mageren Bilanzergebnisse des Rivalen, zerlegte dessen Argumente gegen die Übernahme, machte sich süffisant über den Widerstand des kleinen Gegners lustig. Was sei schon von einem Unternehmen zu erwarten, dessen Lizenzerträge um 39 Prozent gesunken seien (eine Zahl, die er später, des besseren Effekts wegen, auf 40 Prozent aufrundete) und dessen Aktienkurs 28 Prozent verloren habe? Was bedeute schon die so oft beschworene "Kundentreue", wenn renommierte Klienten wie Merrill Lynch abtrünnig würden?

Auch kolportierte Ellison genüsslich, wie Conway noch letztes Jahr versucht habe, ihn persönlich zur Fusion der Anwendungsbereiche beider Firmen zu überreden. Die neue Company, so der damalige Plan, hätte von Conway geleitet werden sollen. Doch jetzt plötzlich, wo die Fusion ohne Conway stattfinden solle, sehe er darin Kartellprobleme? "Das finde ich schon sehr kurios", sagte Ellison.

Die Kunst des Krieges

Auch die Frage, ob er seine Offerte von 16 Dollar je PeopleSoft-Aktie noch nachbessern würde (der Kurs an der Wall Street lag nach Börsenschluss bei 17,27 Dollar), beantwortete Ellison klipp und klar: 16 Dollar Cash sei ein weit besserer Deal, als die Aktionäre von der geplanten Übernahme des Softwareanbieters J.D. Edwards durch PeopleSoft zu erwarten hätten.

Womit Ellison unbewusst gleich ein weiteres Motiv für seinen Milliarden-Coup offenbarte: die Fusion der zwei Rivalen zu sabotieren. Dieses Argument hatte wenige Stunden zuvor auch schon Bob Dutkowsky, der CEO von J.D. Edwards vorgebracht, als er Oracle in Kalifornien und Colorado, dem Firmensitz von J.D. Edwards, auf 1,7 Milliarden Dollar Kompensation verklagte: "Oracles einziges Ziel ist es, einen Zusammenschluss zu stören, der den Anteilseignern von J.D. Edwards und PeopleSoft Wert bringt."

Am Ende der Konferenzschaltung hatte sich Ellison warm geredet. Wenige Minuten später saß er, in schwarzem T-Shirt und braunem Sakko, vor der Kamera das TV-Wirtschaftssenders CNBC, um die breite Öffentlichkeit für seinen Feldzug zu gewinnen. Die Kunst des Krieges liegt auch in guter PR und gutem Aussehen.



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