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Charterflug Ordnung schaffen

Bei der Charterflugfirma Atlantis brachte eine geplante Kapitalerhöhung nicht das notwendige Geld. Jetzt kann dem Unternehmen, das zudem 40 Prozent seiner Aufträge verlor, langwieriges Siechtum drohen.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Laufende Verhandlungen mit einem bestimmten Investor«, so tickerte das Frankfurter Luftverkehrsunternehmen Atlantis Donnerstag vergangener Woche an seine Geschäftspartner, »werden voraussichtlich bis Dienstag, 10. Oktober 1972. abgeschlossen sein.«

In den Büros der Atlantis-Partner wurden die Telex-Empfänger munter: Mitteilungen über einen geheimnisvollen Unbekannten, so erinnerten sie sich. waren auch von den Bedarfsluftfahrtfirmen Paninternational und Air Commerz hochgepustet worden -- kurz bevor die Unternehmen niedergingen.

Ähnlich wie bei der luftbrüchigen Konkurrenz soll der große Unbekannte auch der Atlantis aus der Geldklemme helfen: Die Luftfirma wollte ihr dividendenloses 12.75-Millionen-Aktienkapital durch Bezugsrechte für die Altaktionäre verdoppeln und blieb damit erfolglos. Denn die größte Aktionärsgruppe, die von dem bayrischen Bauunternehmer Josef Schörghuber beherrschten drei Atlantis-Finanzierungsgesellschaften in München, spendierte keinen Pfennig.

Kapital aber war sehr vonnöten. Denn ultimo September, wenige Tage vor dem Ablauf der Zeichnungsfrist für die neuen Atlantis-Aktien, wurde die Rückzahlung eines Drei-Millionen-Darlehens fällig, das Großaktionär Schörghuber der flügellahmen Firma im Frühjahr als Betriebsmittelkredit gegeben und durch Hypothek auf die Atlantis-Wartungshalle in Frankfurt gesichert hatte. Atlantis-Vorstand Tuman Uhlig: »Wenn Atlantis die Kapitalerhöhung nicht bewältigt, dann geht sie am Stock.«

Auf zwölf Millionen Mark, den Betrag der Kapitalerhöhung, schätzen Insider den Geldbedarf der mittellosen Airline bereits für Ende Oktober. Mitte November aber muß Atlantis weitere sieben Millionen Mark an US-Banken zahlen, die das moderne Jet-Geschwader der Atlantis finanziert haben.

In seiner Not trat Atlantis-Uhlig. Chef-Optimist des Unternehmens. Geldforderungen gegen den Touristenversender Josef Neckermann kurzfristig an den Bayern Schörghuber ab. Um seine Kreditwürdigkeit zu bessern, streute Uhlig per Fernschreiber und Agenturen zudem fröhliche Verlautbarungen über die Geschäftslage des Unternehmens. So erfuhren die Atlantis-Partner am vergangenen Donnerstag: Für den nächsten Winter sei die Auftragslage »sehr befriedigend« und übersteige die der entsprechenden Vorjahresperiode.

In Wirklichkeit droht zur Jahreswende die große Flaute. So wird der wöchentliche Flug einer 260sitzigen Atlantis DC-8-63 nach der Kenia-Hauptstadt Nairobi ausfallen, der bisher von Josef Neckermanns N-U-R gebucht war. Wackelig wurden die Verträge mit der einst von Atlantis gegründeten Firma Terramar, die für ihre Mexiko-Flüge künftig Jets der Lufthansa-Tochter Condor chartern will. Aus dem Atlantis-Vertrag hinaus möchte auch das Fernost-Unternehmen Far East Travel Centre, für das bislang ein Atlantis-Jet zwei Tage je Woche unterwegs war.

Für den nächsten Sommer sieht es erst recht böse aus, denn drei der wichtigsten Atlantis-Kunden sprangen kurzfristig ab: Kaufhofs Reisetochter ITS, die neuerdings mit der Atlantis-feindlichen Touristik-Union (TUI) kooperiert, kündigte ein Auftragsvolumen von 15 Millionen Mark. Neckermanns N-U-R zog 33 Millionen zurück, und der Stuttgarter Reiseunternehmer Hetzel, der jährlich 110 000 Schwaben versendet, stornierte 16 Millionen.

Die Kündigungen von N-U-R und Hetzel waren Folge eines selbst in der windigen Charterflugbranche beispiellosen Management-Chaos, das der Essener Atlantis-Großaktionär Hubert Kogge, 63, verursachte, der sieh im Juni auf den Sessel des Aufsichtsratsvorsitzenden geschwungen hatte.

Der rheinische Kaufhaus- und Textil-Millionär, Hühnerzüchter und zypriotische Wahlkonsul ("Mein oberstes Prinzip ist, Ordnung zu schaffen") hatte sich auf Rat des schon damals um Geld ringenden Tilman Uhlig mit 17 Prozent in die Atlantis eingekauft. Dann feuerte Kogge den Atlantis-Chef (Uhlig erbost: »So sprang man im vergangenen Jahrhundert mit kleinen Leuten um") und schickte den pensionierten Bundeswehr-General Eike Middeldorf als Exerziermeister ins Unternehmen.

Sofort zogen sich spezifische Uhlig-Kunden wie Hetzel zurück. Großversender Josef Neckermann fürchtete Schlimmes und ging ebenfalls. Beide liefen zur neuen Hapag-Lloyd-Airline über, die vom nächsten Frühjahr an mit drei Boeing 727 ins Charterflug-Geschäft einsteigt.

Erst als auf solche Weise 40 Prozent des Auftragsvolumens weg waren, holte Kogge den Tilman Uhlig zurück und besuchte brav seinen Aktionärs-Rivalen Schörghuber, der noch Anfang des Jahres aus Atlantis, seiner Germanair und seiner Beteiligung an der Münchner Charterfirma Bavaria einen großen privaten Chartertrust basteln wollte.

Aber der Bayer hatte sich längst auf die Germanair ("Klein, mickerig und fein") zurückgezogen, die im Frieden mit dem Branchenführer Condor und dem Reise-Establishment lebt. »Ich bin nicht bereit«, beschied der Hobby-Flieger den Hubert Kogge vor drei Wochen, als der ihn auf den alten Monster-Plan zurückbringen wollte, »einen Gesunden mit einem Kranken zusammenzubinden.«

So wurde dem Kranken nicht wohler. Branchenkenner glauben nicht mehr daran, daß sich der Zustand des Unternehmens bessern wird. Allein Tilman Uhlig bleibt Optimist. Frohgemut ließ er verkünden, Atlantis werde im Winter Tausende amerikanischer Gis über den Atlantik fliegen. Schon nächste Woche will er den Unbekannten mit dem großen Geld entschleiern: Es ist, wie Insider vermuten, der US-Bürger Paul Shoffner. der in Frankfurt eine Agentur für den Militär-Flugreise-Verkehr unterhält.

Was die Atlantis-Aktionäre freilich noch nicht wissen: Die Lufthansa-Tochter Condor will im Winter ihren 490sitzigen Jumbo mit US-Soldaten regelmäßig über den Atlantik schicken. Bayer Schörghuber: »Daß Atlantis dabei seinen letzten Treffer kriegt, kann man nicht ausschließen.«

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