Osmani-Prozess Aufmarsch der Nadelstreif-Angeklagten

Dubiose Immobiliengeschäfte im Kiez-Milieu, fragwürdige Millionenkredite: In Hamburg hat der spektakuläre Wirtschaftsprozess gegen die Gebrüder Osmani begonnen. Es geht um Anstiftung und Beihilfe zu schwerer Untreue – und den Niedergang eines mysteriösen Familien-Imperiums.

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Hamburg - Sie feierten einen kometenhaften Aufstieg, gehörten zur feinsten Hamburger Gesellschaft - nun rückt ihr ebenso kometenhafter Abstieg näher: Die Osmani-Brüder Burim und Bashkim stehen seit heute vor der 8. Großen Strafkammer. Sie sollen zwischen Januar 2003 und Februar 2006 über Strohmänner Kredite von mehr als 30 Millionen Euro erlangt haben.

Herzliche Begrüßung: Bashkim (l.) und Burim Osmani im Gerichtssaal
DPA

Herzliche Begrüßung: Bashkim (l.) und Burim Osmani im Gerichtssaal

Beide betraten den prunkvollen, stuckverzierten Saal 300 in schwarzen Nadelstreifanzügen. Burim Osmani, 44, allerdings in Handschellen. Sein jüngerer Bruder Bashkim, 41, marschierte dagegen selbstbewusst grinsend, den Justizvollzugsbeamten auf die Schulter klopfend und den Kameras freundlich zuwinkend als freier Mann durch den Haupteingang. Der als eloquent geltende Albaner war seit September mit internationalem Haftbefehl gesucht worden. Anfang Februar stellte er sich den Behörden, nachdem ihm unter Auflagen freies Geleit für das Verfahren zugesichert worden war. Der Haftbefehl wurde gegen eine Kaution von 600.000 Euro außer Vollzug gesetzt.

Die beiden Brüder begrüßten sich mit einer innigen Umarmung. Fünf Verteidiger flankierten sie auf der Anklagebank. Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Staatsanwalt Karsten Wegerich verlas fast zwei Stunden eine komprimierte Fassung der 267-seitigen Anklage. Demnach wirft sie Burim neunfache Anstiftung zur Untreue im besonders schweren Fall vor, davon zwei in Tateinheit mit Betrug. Seinem Bruder legen sie zwölffache Anstiftung und Beihilfe zur Untreue im besonders schweren Fall zur Last. "Bei der Vergabe der Darlehen in eklatanter Weise" hätten sie "gegen diverse Richtlinien und bankenüblichen Anforderungen verstoßen".

Hausbank der Osmanis

Für ihre dubiosen Immobiliengeschäfte sollen sich die Brüder ausgerechnet die kleine Volksbank in Lauenburg, einem 12.000-Einwohner-Städtchen rund 50 Kilometer von Hamburg entfernt, ausgesucht haben. Vor Jahren noch gehörte die Provinzbank mit gerade einmal 3000 Kunden und spartanischer Fünfziger-Jahre-Einrichtung zu den erfolgreichsten Volksbanken der Republik: Sie war schuldenfrei und vorbildlich geführt.

Bis sie zur Hausbank der Osmanis wurde: Die Brüder sollen den Direktor der Lauenburger Volksbank, Carsten Heitmann, und den ehemaligen Aufsichtsrat Hauke Hillmer angestiftet haben, ihnen über Hausmeister und Kellner als Strohmänner faule Millionenkredite für Bauprojekte gewährt zu haben. Mit dem Geld sollen jedoch Immobiliengeschäfte im Hamburger Rotlichtmilieu, das Bordell "Atmos" in Harburg und Bauprojekte auf dem Balkan finanziert worden sein.

Die Bank schlitterte deswegen Ende 2006 mit rund 60 Millionen ungedeckten Krediten knapp am Ruin vorbei. Der 64 Jahre alte Heitmann und der 55-jährige Hillmer wurden nach überraschenden Geständnissen bereits wegen schwerer Untreue zu viereinhalb sowie drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Die Taktik der Top-Verteidiger beschränkte sich zum Prozessauftakt darauf, in endloser Ausführung formulierte Anträge zu stellen, um Zeit zu schinden: Sie hielten eine Schöffin für befangen und hoffen auf eine vorübergehende Aussetzung des Verfahrens.

Erstens halten sie das Hamburger Landgericht nicht für zuständig. Die Volksbank Lauenburg, zu deren Lasten die Osmanis mehr als 30 Millionen Euro veruntreut haben sollen, falle in den Zuständigkeitsbereich der Lübecker Justiz. Nur der Hauptwohnsitz der Brüder, nämlich Hamburg, reiche nicht aus. Vielmehr gebe es "lose Absprachen" und "freie Vereinbarungen" zwischen den beiden Staatsanwaltschaften, die zu dieser "willkürlichen Entscheidung" geführt hätten. Im Namen beider Angeklagter stellte Rechtsanwalt Gerhard Strate deshalb einen Antrag auf Aussetzung des Verfahrens, bis der Bundesgerichtshof die Zuständigkeit geklärt habe.

"Kein Grund zur Hysterie"

Zudem habe Burim Osmani keine ausreichende Einsicht in die Akten erhalten, weil er bis vor kurzem noch auf der Anklagebank vor dem Landgericht Würzburg wegen Beihilfe zum Betrug in einem besonders schweren Fall saß. Er wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Osmani hat dem Urteil zufolge zum Schein 33 Wohnungen einer Potsdamer Seniorenresidenz gekauft, damit ein Investor aus Schweinfurt einen Bankkredit von zehn Millionen Euro erhalten konnte. Tatsächlich soll zuvor der Rückkauf vereinbart worden sein und Osmani dafür 500.000 Euro kassiert haben. Sein Mandant, nebenbei auch wegen Steuerhinterziehung vorbestraft, habe sich nicht ausgiebig vorbereiten können.

Es kam zu teils heftigen, für das Publikum erheiternde Wortgefechte zwischen dem Vorsitzenden Richter ("Kein Grund zur Hysterie!") dem Staatsanwalt ("Ich werde versuchen, meine Wortwahl Ihrem Gemüt anzupassen") und den fünf Osmani-Verteidigern sowie der Strafverteidigerin des 40 Jahre alten Sven P., der wegen Beihilfe zur Untreue, angeklagt ist.

Der aktuelle Prozess könnte noch weiter am Ansehen der Osmanis kratzen, die ein Immobilienimperium aufgebaut haben: Der Legende nach kam Ende der siebziger Jahre der damals 19-jährige Quazim Osmani als erster des Familienclans aus dem Kosovo-Städtchen Djakovica angeblich nur mit einer Plastiktüte mit dem Nötigsten nach Hamburg. Er kommt schnell zu dem Spitznamen "Felix" (der Glückliche), weil er sich in der Glücksspielszene jede Menge Geld erspielt.

"Heimlicher Kiez-König"

Seine Brüder Burim und Bashkim folgen ihm Mitte der achtziger Jahre. Burim jobbt als Kellner und wird in Windeseile einer der berühmtesten Immobilienhaie: Er kauft Hotels, Häuser, Nachtclubs und Lokale in der Innenstadt wie das Erotic-Art-Museum und das ehemalige Bayrischzell an der Reeperbahn, deren Wert insgesamt auf rund 40 Millionen Euro geschätzt werden soll. Was ihm den Ruf als "heimlicher Kiez-König" einbringt. Nur die kürzlich verstorbene Kiez-Legende Willi Bartels soll mehr Grundstücke auf dem Kiez besitzen. Bashkim pachtet Anfang der neunziger Jahre die Diskothek "Pupasch" samt Restaurant an den Landungsbrücken, bis er 2007 aussteigt. Er verdient Geld mit Immobilien auf dem Balkan und einer Vielzahl von Firmen.

Das Immobilienvermögen der Geschwister habe der Bundesnachrichtendienst einmal auf 250 Millionen Euro taxiert, berichtete vor einem Jahr der "stern". Seit mehr als 15 Jahren gibt es Gerüchte, dass die albanischstämmige Familie Teil einer kriminellen Vereinigung sei. Doch Beweise konnten die Hamburger Ermittler nicht vorlegen. Ihre Kontakt in die Politik gelten als glänzend: Mario Mettbach, ehemaliger Bausenator der Schill-Partei, war viele Jahre Berater der Osmanis.

Die Akte Osmani umfasst mehr als 200 Ordner. 110 Zeugen hat die Staatsanwaltschaft für den bevorstehenden Prozess im Visier, mehr als 600 Urkunden und 200 Protokolle. Am Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt.



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