Outsourcing-Experiment Die Kampfübersetzer aus der Fejér-György-Straße

Die Nachrichtenagentur Dow Jones-vwd geht beim Outsourcing neue Wege: Sie lässt einen Teil ihrer Meldungen für deutsche Leser nicht mehr in Hessen schreiben, sondern im billigeren Budapest. Aber kann man deutsche Nachrichten im Ausland produzieren? Ein Redaktionsbesuch.

Budapest - Wenn Andreas Vogler eine typische Handbewegung bei der Arbeit hat, dann diese: Er hämmert, er schlägt und drischt mit dem Ringfinger auf die rechte Cursor-Taste seiner Tastatur ein. Tack-tack-tack macht es dabei, sehr schnell und sehr laut.

Andreas Vogler hat einen deutschen Text auf dem Bildschirm, einer seiner Leute hat ihn eben übersetzt. Jetzt rast Vogler mit dem Cursor an den Worten entlang. Er prüft, er löscht, er korrigiert. Er hat maximal fünf Minuten Zeit.

"Ich steh' mordsmäßig unter Druck, lass uns nachher telefonieren", sagt Vogler dann in sein Nokia-Handy. Gleich darauf sagt er: "Wir kriegen Luft - wunderprimstens." So widersprüchlich ist Voglers Zehn-Stunden-Tag - ein stetiger Slalom zwischen Adrenalinglück, Koffeinkick und kleinen Ärgernissen.

Seit Januar lebt der 32-Jährige in Budapest, Ungarisch spricht er nicht. Das muss er auch nicht - für seinen Job spielt es keine Rolle. Vogler ist Chefredakteur in einer kleinen Firma namens Alfa Press im Zentrum der Stadt. Sie hat eine Arbeit übernommen, die früher in Eschborn von Redakteuren der Nachrichtenagentur Dow Jones-vwd erledigt wurde - dann wurde sie outgesourct, der Kosten wegen. Es ist das erste Mal, dass frühere Journalisten-Aufgaben aus Deutschland an einen Billigstandort exportiert wurden.

Ein paar Quadratmeter Ungarn

Auf Voglers Monitor gibt es einen Ordner namens "Posteingang" - dort laufen über 200 englische Finanznachrichten und andere Texte pro Tag ein. Sie stammen aus dem Dow-Jones-Büro in London, von Korrespondenten in den Hauptstädten Europas. Die Meldungen enthalten Analysten-Kommentare zu Aktien, beschreiben das Auf und Ab an den Börsen. Sie tragen Titel wie: "London Stocks Seen Down a Touch After Open". Manche sind vier Sätze lang, andere eine DIN-A4-Seite.

Von 7.45 Uhr an behält der Chef den Posteingang stetig im Blick. Alle paar Minuten sagt er Sätze wie: "Den Comment Zürich müssen wir machen." Einer seiner Mitarbeiter sputet sich dann, den Text zu übersetzen. Vogler redigiert die deutsche Fassung, schickt sie ins Dow-Jones-Büro nach Eschborn. All das sollte bei einer Ein-Absatz-Meldung nicht länger dauern als 15 Minuten. Ein Journalist, der den Dienst kennt, sagt: Bei Alfa Press werde "Kampfübersetzen" praktiziert.

Voglers Crew sitzt in der Fejér György utca 10, ein Wohnhaus in einer Straße mit wenig Verkehr. Auf den Klingelknöpfen stehen Namen wie Péter Veress und Dr. Kokai - Alfa Press hat noch kein eigenes Schild. Die Truppe ist im zweiten Stock untergekommen, in einer früheren Wohnung. Zwei Sofas und ein Sessel stehen ungenutzt herum.

Gearbeitet wird im früheren Wohnzimmer. Auf 25 Quadratmetern sind Tische zum Quadrat formiert, an jeder Seite stehen zwei Monitore. Im Nebenraum noch zwei Terminals. "Eigentlich ist es zu eng", sagt Vogler. Die Frühschicht beginnt um 7.30 Uhr, die meisten Mitarbeiter kommen um neun Uhr herum, wenn die Börsen öffnen. Ab elf Uhr tippen allein am Tischquadrat sechs Männer und eine Frau. Vogler hockt unter ihnen, neben sich die Tasse mit "zähflüssigem ungarischen Kaffee". Seine Leute rufen ihm Fragen zu: "Was heißt volume-constricted orders?"

Als Dow Jones-vwd das Projekt anschob, sah man sich an noch billigeren Standorten um - Rumänen, Serbien. Schnell erwies sich: Erträgliche Qualität war dort nicht zu bekommen. "Budapest ist teurer", sagt Vogler, "aber es gibt hier einen Pool von Muttersprachlern und Einheimischen, die Deutsch sprechen."

Die meisten Ungarn indes sind mit dem Job überfordert - Tempo ist nötig, Blättern im Wörterbuch raubt Zeit. Am Anfang arbeiteten drei Ungarn bei Alfa Press. "Der erste", sagt Vogler, "ist nach 90 Minuten freundlich grüßend gegangen." Übrig blieb Rita Németh, 27, die einzige Frau im Team. Sie macht ihr zweites Jura-Examen, jobbte vorher in einer Kanzlei.

So arbeitet Alfa Press in Ungarn, aber mit deutschen Leuten. Ihr typisches Profil: männlich, um die 30, seit Monaten oder Jahren in Budapest zu Hause. Eleftherios Kiriakidis ist darunter, "ein schwäbischer Grieche", der mal Bankkaufmann war. Er ist seiner ungarischen Frau gefolgt, hat in einem Vorort gebaut. Ein anderer studiert VWL an der deutschen Uni der Stadt. Außer Vogler hat nur einer eine Ausbildung als Journalist: Clemens Schöll stieg dank Erfahrung bei dpa zum "Supervisor" auf - er darf redigieren, wie Vogler. Auch Schöll kam für die Arbeit eigens aus Deutschland.

"Die haben ganz schön gestöhnt"

Die Branche blickt mit Neugier auf das Dow-Jones-Experiment, teils auch mit Sorge. Auch bei den Konkurrenten Reuters und Associated Press werden englische Texte übersetzt. Dort wird die Arbeit in Deutschland erledigt, zum tariflichen Lohn. Wandern auch diese Aufgaben gen Osten ab, wenn Alfa Press Maßstäbe setzt?

Der deutsche Dow-Jones-Chefredakteur Rolf Anders klingt eine Spur defensiv, wenn er über das Projekt spricht. "Jede Redaktion muss heute kostendeckend arbeiten", sagt er und schiebt nach: Keine einzige Stelle in Eschborn sei dem Outsourcing zum Opfer gefallen. "Meines Wissens gibt es auch keine Ängste." Der reguläre Dow-Jones-Dienst kommt weiter aus Hessen - News über Dax-Konzerne und Kommentare. In Ungarn würden nur standardisierte Aufgaben erledigt und solche, "die nicht ganz so zeitkritisch sind" - ein Zehntel des Dienstes.

Noch wagen die Eschborner nicht, die Nachrichten mit dem Kürzel "alfap" direkt an die Kundschaft zu schicken - sie werden kritisch geprüft. An diesem Morgen kommt ein Text zurück mit dem Hinweis: "So nicht sendbar, bitte überarbeiten." Der Übersetzer hatte "Passagiergebühren" mit "Passagierklagen" verwechselt, gleich im ersten Satz. "Am Anfang haben wir eine Menge nachgearbeitet", sagt Anders. "Aber es ist eine Leistung, was Alfa Press geschafft hat in so kurzer Zeit."

"Beim Lohn 20 bis 50 Prozent unter deutschem Niveau"

Die Gehälter bei Alfa Press beziffert keiner genau, weder Anders noch Vogler. "Wir liegen zum Teil 20 Prozent unter dem deutschen Niveau, zum Teil auch 50", sagt Vogler nur und nimmt Agenturredakteure als Maßstab. Das Lohnniveau sei nicht der einzige Grund für das Outsourcing - hinzu komme die "höhere Flexibilität". Das meint: "Bei der Kündigungsfrist haben wir Zeiten zwischen 14 Tagen und vier Wochen."

Anders preist das Outsourcing als Schritt zu besserer Arbeitsteilung. Dank Alfa Press könne man mehr Texte übersetzen - auch manches Hintergrundstück aus dem "Wall Street Journal", das früher liegen geblieben wäre. Seit Januar überträgt Alfa Press auch PR-Meldungen des US-Anbieters "Business Wire" - diesen Service gab es früher nicht. Die deutsche Redaktion gewinne Zeit für Recherche, Qualität. Den Eschborner Schreibern habe die Übersetzungsplackerei ohnehin nie behagt: "Die haben ganz schön gestöhnt."

Gegen 13 Uhr übersetzt Rita Németh ihre 22. Meldung. "Das ist unterdurchschnittlich, für einen Donnerstag ist es ruhig." Németh hält heute den Tagesrekord - nur drei Minuten für ihren besten Kurztext. Wer von den Mitarbeitern wie rasch übersetzt, die Top- und die Flop-Zeit - das steht in einer Tabelle an der Pinnwand. "Aber ich muss nicht die Peitsche rausholen", sagt Vogler - die Tabelle hänge auf Wunsch seiner Leute da. In der Mittagspause wärmt sich Németh Essen per Mikrowelle auf. Die Kollegen essen meist Brötchen am Schreibtisch.

"Budapest machen wir nicht?"

Für viele ist die Arbeit ein Glücksfall. Der Lohn liegt über dem Schnitt im Land. Némeths alter Job in der Kanzlei brachte Überstunden in Mengen - bei Alfa Press kommt sie pünktlich zur Uni. Zwei Mittfünfziger gehören zum Team, beide gingen noch aus der DDR nach Ungarn. "Ich bin hier irgendwie hängen geblieben", sagt Uli Brockmeyer. Jahre lang schrieb er frei für Blätter wie die "Sächsische Zeitung", gut lief das Geschäft nicht. Jetzt ist auch er Supervisor.

Andreas Vogler hat Ambitionen. Früher mal war er Ressortchef beim Dow-Jones-Konkurrenten dpa-AFX - dann arbeitete er selbständig als freier Schreiber, Schwerpunkt Osteuropa. Kontakte zu Experten konnte er knüpfen, das Geld floss eher spärlich. Bei Alfa Press will er das Tempo steigern, die Qualität heben. "Wenn dann Kapazitäten frei werden", würde er gern "in Eigenregie Beiträge" über den Osten schreiben, sie gen Eschborn senden oder anderswohin. Alfa Press wäre dann eine Korrespondenten-Basis, kein reines Übersetzerbüro.

Bisher bleibt die Ironie, dass die Übersetzer in der Fejér-Straße von 7.30 bis 19 Uhr über die Hochtief AG  schreiben, über Telecom Italia   und die Börse Zürich - aber kaum über Ungarn. Zu klein sind die Konzerne des jungen EU-Landes, zu dürftig die Kapitalströme an den Finanzmärkten.

Irgendwann gegen 10.30 Uhr landet der englische Marktbericht über die ungarische Börse im Posteingang. "Budapest machen wir nicht, oder?", fragt da einer der Übersetzer in den Raum hinein. Andreas Vogler ruft zurück: "Nee, was interessiert uns Budapest?!" - und schiebt die Meldung in den Papierkorb.

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