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INDUSTRIE Paket-Diplomaten

Ein Team ausgesuchter Spezialisten kauft dem Schah von Persien jene westlichen Firmen auf, die für den Iran nützlich sein können.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Siebenunddreißigmal trafen sich britische Bosse und iranische Firmeneinkäufer an wechselnden Geheimplätzen -- mal in abgeschiedener Landhaus-Idylle bei Manchester. mal in einem Stadtrandhotel bei London.

Letzte Woche war der Handel perfekt: Zum Preise von 178 Millionen Mark verkaufte der englische Maschinenbaukonzern Babcock seinen 25-Prozentanteil an der Deutschen Babcock & Wilcox AG in Oberhausen an den Schah. Vergebens hatten die Londoner Konzernmanager ihre Schachtel zuvor monatelang deutschen Banken, Industrieunternehmen und der zweiten Babcock-Großaktionärin Berliner Handels-Gesellschaft -- Frankfurter Bank (Anteil: rund 15 Prozent) angeboten. Auch Krupp und die Deutsche Bank lehnten dankend ab.

Schah Resa griff um so bereitwilliger zu. Als Einstand spielte er dem deutschen Babcock-Chef Hans L. Ewaldsen den größten Auftrag in der 78jährigen Geschichte des Oberhausener Kessel- und Maschinenbaukonzerns zu: Lieferungen für das geplante Riesenkraftwerk Neka am Kaspischen Meer im Wert von 600 Millionen Mark.

Gleichzeitig stellten die Finanzdiplomaten aus Teheran den Deutschen weitere lukrative Projekte in Aussicht. Schon jetzt erwartet Konzernchef Ewaldsen, daß die neue Liaison »Iran und die Gruppe Deutsche Babcock in die Lage versetzen wird, Arbeitsgemeinschaften für Projekte in Drittländern zu bilden«.

Der Einstieg der Perser in die Oberhausener Kesselschmiede (erwarteter Umsatz 1974/75 rund 3,4 Milliarden Mark) entspricht haargenau dem Konzept, nach dem der Schah seine Ölmilliarden anlegt. Seine Finanzemissäre schwor er darauf ein, nur nach solchen Firmen Ausschau zu halten, deren technisches Know-how der industriellen Entwicklung des Iran zugute kommt. Forcieren will der Ölmonarch dabei vor allem den Aufbau einer modernen Stahlindustrie und konventioneller und atomarer Kraftwerke.

Schon der erste Coup verriet System: Im Sommer letzten Jahres übernahmen die Perser 25 Prozent vom Kapital der Krupp-Hüttenwerke. Gleichzeitig gründeten Kruppianer und Iraner eine Engineering Firma, über die sie Industrieprojekte in Persien und anderen Ländern in Angriff nehmen wollen. Just als Mitte letzter Woche der Babcock-Handel publik wurde, eruierten Krupp-Aufsichtsratsboß Berthold Beitz und Finanzchef Alfred Lukac in Teheran erste Partner-Pläne.

Ähnlich bei der US-Fluggesellschaft Pan Am: Neben einer Beteiligung von rund 13 Prozent an der überschuldeten Airline und dem Mehrheitserwerb an der zur Pan Am-Gruppe gehörenden Hotelkette Interconti sicherten sich die Perser amerikanisches Know-how für den Ausbau ihrer »Iran Air« zu einer internationalen Luftfahrt-Gesellschaft.

Bei seinen Firmeneinkäufen kann sich der Schah auf einen kleinen Stab international erfahrener Finanzexperten verlassen. Allen voran sondiert Kyros Antari, Bruder des iranischen Wirtschaftsministers, ständig neue Einstiegs-Möglichkeiten. Der als Anwalt in Washington niedergelassene Globetrotter (ein deutscher Topmanager: »Der schläft am Tag in zwei Betten") fingerte nicht nur das Krupp-Geschäft, beim jüngsten Verhandlungs-Marathon um Babcock bewährte sich ein Ansari-Freund aus früheren Studienjahren als Paket-Diplomat von hohen Graden: David Suratgar, Leiter des Iran-Geschäfts in der Londoner Investment-Bank Morgan Grenfell.

Seine Hände hatte Suratgar auch mit im Spiel, als die Perser um die Jahreswende das wohl heikelste Geschäft anfaßten. Flankiert durch vorsichtige Kontakte mit Bonn, gingen sie die zum Flick-Konzern gehörende Münchner Maschinen- und Panzer-Schmiede Krauss-Maffei um Großlieferungen des deutschen

Standard-Panzers »Leopard 1« an.

Zu einem späteren Zeitpunkt, so ließen die iranischen Unterhändler wissen. wollten sie ihre Armee auf den bisher erst als Prototyp vorgestellten »Leopard 2« umrüsten und dieses Nachfolgemodell sogar überwiegend in einer eigenen Waffenfabrik nach Krauss-Maffei-Lizenz bauen.

Zwar befürwortete Wirtschaftsminister Hans Friderichs die Lieferung der von den Persern gewünschten 1000 Panzer. Kanzler Helmut Schmidt jedoch fürchtete außenpolitische Komplikationen durch das Waffengeschäft und brachte das Projekt gar nicht erst ins Kabinett. Durch die lange Bonner Entscheidungs-Prozedur verärgert, bestellte Schah Resa schließlich englische »Chieftain«-Panzer.

Dennoch haben die Teheraner Ölmilliardäre offenbar schon neue Geschäfte mit den Deutschen im Sinn. Bereits in dieser Woche haben sich Kyros Ansari und David Suratgar wieder in Frankfurt angesagt.

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