Schulden-Theorie Excel-Panne stellt Europas Sparpolitik in Frage

Die US-Forscher Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart lieferten den wissenschaftlichen Überbau für die weltweite Sparpolitik: Bei Staatschuldenquoten von mehr als 90 Prozent leide das Wachstum. Doch die beiden Star-Ökonomen haben sich verrechnet.
Star-Ökonom Rogoff: Verflixte Excel-Tabelle

Star-Ökonom Rogoff: Verflixte Excel-Tabelle

Foto: imago

Hamburg - Die 90 Prozent schienen in Stein gemeißelt. Ob EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn die Euro-Krisenländer ins Gebet nahm oder der US-Republikaner Paul Ryan gegen öffentliche Ausgabenprogramme wetterte: Wann immer es in den vergangenen Jahren ums Sparen ging, verwiesen Politiker auf diese magische Verschuldungsgrenze. Wenn Staaten diese Grenze überschreiten, so hieß es, dann werde ihre Wirtschaft erheblich langsamer wachsen. Das hätten wissenschaftliche Studien schließlich bewiesen. Weite Teile der Euro-Rettungspolitik mit ihren massiven Sparauflagen beruhen auf dieser Annahme.

Möglicherweise zu Unrecht. Denn die Studie, die all diesen Sparappellen zugrunde liegt, steht nun in der Kritik. Sie stammt von zwei amerikanischen Star-Forschern aus Harvard: Kenneth Rogoff, ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), und Carmen Reinhart.

Die beiden waren bei einem historischen Vergleich im Jahr 2010  zu dem Ergebnis gekommen, dass das Wirtschaftswachstum von Staaten immer dann rapide fällt, wenn das Verhältnis von Verschuldung und Wirtschaftsleistung über 90 Prozent steigt. Demnach lag das durchschnittliche Wachstum bei einer Schuldenquote zwischen 60 und 90 Prozent noch bei 2,8 Prozent, oberhalb dieser scheinbar magischen Grenze sackte es auf minus 0,1 Prozent ab. Die Sache schien eindeutig.

Doch nun bringen drei US-Forscher von der Universität Massachusetts in Amherst die wissenschaftliche Grundlage des politischen Spardogmas ins Wanken. Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin haben die Daten von Rogoff und Reinhard erneut durchgerechnet - und kommen zu ganz anderen Ergebnissen.

Statt um 0,1 Prozent zu schrumpfen, wachsen Volkswirtschaften mit einer Schuldenquote von mehr als 90 Prozent laut ihren Berechnungen um 2,2 Prozent - und damit nur einen Prozentpunkt schwächer als Länder mit einem niedrigerem Schuldenstand zwischen 60 und 90 Prozent.

Wie ist das möglich?

Nobelpreisträger Krugman triumphiert

Die drei Ökonomen aus Massachusetts haben eine so einfache wie schockierende Antwort parat: Die Starforscher Rogoff und Reinhart seien schlampig mit ihren Daten umgegangen.

"Codierungsfehler, der selektive Ausschluss vorhandener Daten und die unkonventionelle Gewichtung zusammenfassender Statistiken haben zu erheblichen Fehlern geführt, die das Verhältnis von öffentlichen Schulden und Wirtschaftswachstum ungenau wiedergeben", schreiben die Experten in ihrer nun veröffentlichten Studie .

Konkret werfen sie ihren Kollegen Folgendes vor:

  • Sie verwendeten nicht alle Daten, die ihnen vorlagen. Bestimmte Jahre würden ausgelassen.
  • Bei der Berechnung der Durchschnittswerte gewichteten sie Einzelfälle ungewöhnlich stark.
  • Bei der Verarbeitung der Daten in einer Excel-Datei haben Rogoff und Reinhart fünf Staaten offenbar versehentlich nicht berücksichtigt. Das allein soll den Durchschnittswert für das Wachstum hochverschuldeter Staaten um 0,3 Prozentpunkte gesenkt haben.

Die Ergebnisse aus Massachusetts lösten unter Ökonomen Entrüstung aus. Über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete sich der Skandal binnen weniger Stunden. Vor allem diejenigen, die aus ideologischen Gründen ohnehin eher fürs Geldausgeben als fürs Sparen sind, sahen nun das gewichtigste Gegenargument entkräftet.

"Einige von uns haben nie daran geglaubt", triumphierte der US-Nobelpreisträger Paul Krugman in seinem Blog . "Aber ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ein großer Teil der angeblichen Resultate womöglich auf nichts anderem als schlechter Berechnung beruht."

Die beiden Angegriffenen reagierten zunächst zögerlich, antworteten dann mit einer ausführlichen Verteidigung, die die britische "Financial Times" auf ihrer Internetseite veröffentlichte . Dabei müssen sie zugeben, dass sie tatsächlich einen Fehler in ihren Berechnungen hatten, der zu einer "beträchtlichen Veränderung der durchschnittlichen Wachstumsraten" bei den Staaten mit einer Verschuldungsquote von mehr als 90 Prozent führe.

Die beiden anderen Vorwürfe weisen Rogoff und Reinhart dagegen vehement zurück. Unter anderem argumentieren sie, dass ihnen die angeblich fehlenden Daten 2010 noch nicht zur Verfügung gestanden hätten. In einer neueren, 2012 veröffentlichten Studie  hätten sie diese aber berücksichtigt. Zudem kämen ja auch die drei kritischen Kollegen zu dem Schluss, dass die Wachstumsraten ab einer Staatsschuldenquote von 90 Prozent sinken - wenn auch nicht so stark wie ursprünglich suggeriert.

Rogoff und Reinhart sind dabei nicht die Einzigen, die in der Euro-Krise ihre Annahmen über Schulden und Wachstum korrigieren mussten. So gestand der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard, kürzlich ein, dass der IWF die negativen Effekte der Sparpolitik auf das Wachstum unterschätzt habe.

Was bleibt also am Ende von diesem Wissenschaftsskandal? Der Zusammenhang von hohen Schulden und schwachem Wachstum ist nicht zu leugnen. Er wird auch in der neuen Studie aus Massachusetts deutlich. Doch die Schwelle von 90 Prozent wird so schnell wohl kein Politiker mehr als Argument benutzen.