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AKTIEN Papiere von St. Pauli

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ist einer großangelegten Aktienfälschung auf die Spur gekommen. In Hamburg wurde der Unternehmensberater Peter Linnert verhaftet.
aus DER SPIEGEL 50/1976

In der Hamburger Villa Elbehaussee 359 wartete Hausherr Peter Linnert ungeduldig auf einen Finanzkurier. Da meldeten sich am Portal seines Anwesens unerwartete Besucher: Mehrere Kriminalbeamte wiesen sich kurz aus und verhafteten den Inhaber der renommierten »Gesellschaft für Marketing und Logistik« von der Diele weg.

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hatte den bei Geschäftsfreunden als »Dr. Hokuspokus« bekannten Unternehmer aus dem Verkehr ziehen lassen, weil Linnert bei seinem letzten Finanzspiel allzu forsch gepokert hatte.

Das sorgfältig eingefädelte Geschäft platzte, als ein Mittelsmann von Linnert bei der Deutschen Bank in Frankfurt ein Paket falscher Linde-Aktien im Wert von rund zwei Millionen Mark beleihen lassen wollte.

Bevor die Stücke ins Bankdepot gingen, waren einem aufmerksamen Wertpapier-Experten der Bank einige Absonderlichkeiten aufgefallen. Einige Farbtöne waren nicht genau getroffen und auch die Stücknummern der Aktien entsprachen nicht der Größe des Originals. Die Bank alarmierte die Fankfurter Kripo, und die schaltete sofort das Bundeskriminalamt ein.

Mit dem Coup bei der Deutschen Bank machte Linnert einen letzten Versuch, sein bröckelndes Firmen-Imperium vor dem Zusammenbruch zu retten. Der unermüdliche Firmenbastler, der mit einem weltweiten Gemischtwaren-Konzern aus Möbelfabriken, Kosmetik- und Textilfirmen auf einem 25 000 Hektar großen Waldareal in Guatemala die angeblich »erste Freihandelszone Südamerikas« errichten wollte, verspekulierte sich, als er vor Jahresfrist Deutschlands zweitgrößtes Möbelversandunternehmen, die Steinheimer Möbel-Becker GmbH, kaufte. Bereits im Mai dieses Jahres war das Unternehmen, das in seinen besten Jahren 110 Millionen Mark umsetzte, so hoch verschuldet, daß Linnert von seinen Gläubigern zum Konkurs gezwungen wurde.

Die Pleite verdarb dem Firmenchef etliche der sorgfältig vorbereiteten Firmenneugründungen. Hart traf ihn auch, daß eine für Mai dieses Jahres angekündigte Fusion von Möbel-Becker mit Linnerts »Vereinigte Zünder- und Kabelwerke AG« platzte.

Das bei Aktionären als »Vereinigte Zaster-Werke« bekannte Unternehmen stellte schon lange weder Zünder noch Kabel her, sondern beschäftigte sich ausschließlich mit Vermögenstransaktionen. Folgerichtig wollte sich der wieder einmal in Geldnöte geratene Firmenchef auf der Fusions-Hauptversammlung auch noch die Ausgabe neuer Aktien genehmigen lassen.

Als daraus nichts wurde, stürzte er sich in ein neues Abenteuer. Er meldete dem Konkursverwalter von Möbel-Becker, Karl-Heinz Käck, die Vereinigten Zünder- und Kabelwerke wollten der Pleitefirma für 4,3 Millionen Mark die Grundstücke abkaufen.

Als bei Käck Zweifel an der Seriosität der Offerte auftauchten, renommierte Linnert-Bevollmächtigter Erhard Heinze-». Die Linnert-Gruppe arbeitet mit einem Schweizer Treuhänder zusammen, der jederzeit 27,5 Millionen Mark lockermachen kann.«

Käck blieb jedoch unnachgiebig. Denn inzwischen hatte sich herausgestellt, daß ein Teil der Zünder-Aktien nur den Wert bedruckten Papiers hatte. Im Oktober war das Amtsgericht Lage außerdem dahintergekommen, daß Linnert seit 1974 alle von seiner Aktionärsversammlung beschlossenen Veränderungen nicht ins Handelsregister hatte eintragen lassen: Unter anderem fehlte der Vermerk für eine im April 1975 vorgenommene Kapitalerhöhung, nach der 34 875 Stücke neuer Aktien ausgegeben wurden. Als Gegenstand des Unternehmens weist das Handelsregister zudem noch immer »die Herstellung und den Vertrieb von isolierten Drähten und ... Zündern, von Kleinkalibermunition und von jeglichen für diese und andere Zwecke erforderlichen Gegenständen« aus.

Als das Amtsgericht schließlich die Staatsanwaltschaft alarmierte, suchte das Bundeskriminalamt bereits im ganzen Bundesgebiet nach der Druckerei von Linnerts gefälschten Aktien.

Ende vergangener Woche waren die Beamten jedoch noch immer nicht fündig geworden. Linnert, Autor von zehn Wirtschafts-Fachbüchern, unter denen sich auch ein 382 Seiten dicker »Clausewitz für Manager« befindet, behauptete ungerührt, er habe die Falsifikate von einem Verkäufer in Hamburg-St. Pauli erworben. Linnert: »Ich habe nicht gewußt, daß die Papiere gefälscht waren.«

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