S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Das Undenkbare durchdenken

Frieden und Wohlstand: Vor 100 Jahren erschien Europa als Insel der Stabilität. Wenige Monate später begann der Erste Weltkrieg. Geschichte wiederholt sich nicht. Aber ein paar Parallelen sollten uns in der Euro-Krise schon zu denken geben.

Ich gebe ungern Prognosen über zukünftige politische und wirtschaftliche Entwicklungen ab. Eine der wenigen, die ich wagen würde: Auch in 100 Jahren werden wir unter Fachleuten keinen Konsens über die wirtschaftlichen Verwerfungen unserer Zeit haben. Mit dem Ersten Weltkrieg ist es genau so. Selbst 100 Jahre später streiten die Historiker noch über ihn.

Viele von ihnen, etwa die Britin Margaret MacMillan, sehen Parallelen zwischen der Vorkriegszeit 1900 bis 1913 und der heutigen Situation. In der "New York Times" schrieb die Autorin des im letzten Jahr (2013) erschienenen Buches "The War that Ended Peace" über Parallelen zu den heutigen Beziehungen zwischen den USA und China. Ich selbst sehe wirtschaftspolitische Parallelen zu unserer Situation in Europa.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg herrschten in Europa wirtschaftlicher Wohlstand und scheinbare politische Stabilität. Die Bündnispolitik, die Frankreich mit Russland und Deutschland und Österreich aneinander kettete, gaukelte ein politisches Gleichgewicht vor. Ein relativ trivialer Anlass löste eine Kettenreaktion aus, die das Gleichgewicht zerstörte. Alle Beteiligten hatten ihre nationalen Erklärungsmuster, mit der sie Europa aus ihrer Perspektive erklärten.

Hier sind die Parallelen offensichtlich. Der Euro gab uns scheinbare Stabilität, deren Gleichgewicht ins Wanken gekommen ist. Und alle versuchen, die Probleme mit ihrer nationalen Brille zu erklären. Heute droht kein militärischer Krieg. Es ist die nachhaltige historische Leistung der Europäischen Union, genau das verhindert zu haben. Aber es droht das wirtschaftliche Äquivalent:

  • Lange anhaltende Instabilität;
  • eine hohe lang anhaltende Arbeitslosigkeit in den Ländern der europäischen Peripherie;
  • eine verlorene Generation junger Menschen, die auf absehbare Zeit schlechte berufliche Aussichten haben;
  • soziale Spannungen und politische Radikalisierung.

Man mag die Geschichte als die Lehre von Ereignissen definieren, die sich nicht wiederholen. Ich sehe es eher wie Karl Marx, der einst schrieb, dass Ereignisse zweimal auftreten, zunächst als Tragödie, später als Farce.

Die Farce wird aus der Vogelperspektive umso deutlicher. Für Angela Merkel sind die anderen Staaten schuld an der Krise, eben weil sie anders als Deutschland ihren Arbeitsmarkt nicht reformiert, ihren Staatshaushalt nicht unter Kontrolle gebracht haben.

Die permanente Verharmlosung der Situation

Die Italiener halten von der deutschen Angebotspolitik nichts und setzen auf makroökonomische Koordination und europäische Schuldeninstrumente. Vertrackt ist die Position des französischen Präsidenten, die einerseits keine Einmischung in seine nationale Souveränität duldet, andererseits aber von Deutschland eine Bereitschaft erwartet, Opfer zu bringen. Die Spanier stimmen im Grunde mit Merkel überein. Sie sind aber zu stolz und verbitten sich jede Einmischung. Die Briten interessieren sich nur für die Briten. Ihnen ist die Debatte ziemlich egal, solange wir Premierminister David Cameron die Möglichkeit geben, die eine oder andere EU-Kompetenz in das Königreich zurückzuholen. Die Niederländer sind deutscher als die Deutschen, und die Finnen sind niederländischer als die Niederlande.

Eine weitere Parallele ist die permanente Verharmlosung der Situation. Eins der spektakulärsten journalistischen Fehlurteile aus der Vorkriegszeit kam vom englischen Nachrichtenmagazin "The Economist", das seinen Lesern vor fast exakt 100 Jahren erklärte: "Es gibt keinen Grund, warum die Einwohner dieser wohlhabenden kleinen Insel nicht ihr Weihnachtsfest genießen sollten." Man bestaunte den zivilisatorischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Fortschritt des frühen 20. Jahrhunderts. Krieg war ausgeschlossen, weil er nicht sein durfte.

Und so ist es auch mit der Debatte über die Zukunft des Euros. Heute sind es Politiker, die die Krise für beendet erklären. Ob emotionale Euro-Befürworter oder emotionale Euro-Hasser - sie alle stemmen sich gegen bestimmte Lösungen, weil diese Lösungen nicht sein dürfen - sei es die Übertragung weiterer Kompetenzen auf die Europäische Union, die Akzeptanz eines Schuldenschnitts, die Vergemeinschaftung von Schulden oder der vorübergehende Austritt eines Mitgliedstaats aus der Währungsunion. Weil wir es für nicht denkbar halten, denken wir es nicht durch.

Man sollte historische Parallelen nicht überstrapazieren. Es gibt keinen logischen oder auch anderen Grund, warum Ereignisse, die genau 100 Jahre zurückliegen, heute von Bedeutung sein sollten. Ihr Nutzen besteht darin, uns die Illusion der Einzigartigkeit unserer heutigen Situation zu nehmen. Unter Historikern mag es keinen Konsens über die Ursachen des Ersten Weltkriegs geben. Unter Wirtschaftshistorikern gibt es deutlich mehr Konsens über den Unsinn einer Währungsunion ohne politische Union.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.