Parkett Börse der Analphabeten

Die Buchmesse geht zu Ende. Ansonsten ist sie auch nicht anders als der Aktienmarkt, wo die Lesefaulheit grassiert.

Von Bernd Niquet


REUTERS

Während es drinnen heftig zur Sache ging, gedrängelt und geschubst wurde, explodierten draußen die Kurse. So war das auf der Frankfurter Buchmesse. Alles wie zu schönsten Börsezeiten, als das Parkett noch voller Händler war.

Der Buchmarkt ist eine Börse. Die cleveren Verlage bringen dicke Bücher heraus, die sie wunderbar bunt anmalen und illustrieren. Und die Buchanleger kaufen sie in Scharen, lesen sie aber nur vereinzelt. Deswegen gibt es dann viele öffentliche Lesungen, damit die Leserschaft wenigstens einige Passagen aus den Büchern mitbekommen hat.

Hier ist es wie bei den Aktien: Es werden wunderbar bebilderte Broschüren gedruckt, die niemand liest. Und die Aktien werden gekauft, ohne verstanden zu werden. Oder wie wäre es ansonsten möglich gewesen, Gesellschaften wie Gigabell und viele andere, die wir in der Zukunft noch von ihrer anderen Seiten kennenlernen werden, überhaupt dem Publikum anzudrehen?

Und da sind noch die Rezensenten, die Analysten der Bücher. Sie können trefflich über Bücher schreiben, die sie gar nicht gelesen haben. Schließlich müssen Bücher doch besprochen werden, aber wer wird denn seine kostbare Zeit mit dem Lesen verbringen. Und für Emissionsprospekte ist Schlimmeres zu befürchten, denn sie können noch viel langweiliger sein.

Insgesamt ergibt sich auf dem Börsenmarkt genauso wie auf dem Buchmarkt eine gespenstische Szene. Hunderttausende, ja Millionen von Leuten reden über etwas, was sie eigentlich nur aus den Medien kennen. Harry Potter ist erfolgreich, weil Harry Potter erfolgreich ist. Warum hat sich eigentlich EM.TV die Rechte daran noch nicht gesichert?

Das goldene Rezept für ein erfolgreiches Buch und für eine erfolgreiche Aktie lautet identisch: Mach so viel Wirbel in den Medien wie irgend möglich, doch im Gegenzug muss das Buch so dick sein, dass es garantiert niemand bis zu Ende liest. Und bei der Aktie, dass das Unternehmenskonzept einen möglichst hohen Freiheitsgrad aufweist.

Und so schleppt dann der arme Maxim Biller ebenso schwer an dem Buch, aus dem er vorlesen will, wie manch einer der Ritter des Neuen Marktes an seinem Business-Modell. Oder Elfriede Jelinek. "Gier" auf 462 langen Seiten. Dies ist in der Tat ebenso unerträglich wie die Performance des Neuen Marktes. Wobei der Neue Markt wenigstens etwas Modernes ist, dicke Wälzer jedoch eher ein Relikt des vorletzten Jahrhunderts.

Man kann also nur gespannt sein, wann die Buchindustrie endlich analog zur Börse den Trend der Zeit erfassen wird. Und das heißt: Nix mehr mit Parkett und mit physisch anfassbaren Dingen. Sondern endlich rein mit den Büchern in den Computer - und eine Maschine erfunden, die sie in Sekundenschnelle liest. Das Xetra-System sollte das Vorbild sein. Dann haben wir es, das Xebuch. Automatisch geordert und automatisch gelesen. So können wir endlich den ganzen Abend im Fernsehen Christoph Daum und Big Brother zuschauen. Die lesen ja auch nicht.



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