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RUHRKOHLE Partner aus Paris

Weil Ruhrkohle-Chef Karlheinz Bund manchen seiner Aufsichtsräte allzu eigenmächtige Beschlüsse faßt, soll er künftig von einem starken Aufsichtsratschef kontrolliert werden.
aus DER SPIEGEL 22/1976

Nicht einmal der Aufsichtsratschef der Mammutzeche Ruhrkohle AG (RAG) war in die Pläne seines Vorstands eingeweiht: Diskret und ohne Konsultation seiner Räte bereitete RAG-Chef Karlheinz Bund den delikaten Deal vor.

Erst als alles ausgehandelt war, informierte Bund sein Kontrollgremium über das Großgeschäft. Das mit Milliarden Steuergeld gestützte Kohlekombinat will 8,25 Prozent seines Kapitals an den französischen Stahlkonzern Sidechar abtreten. Noch am Mittwoch dieser Woche soll eine eilig einberufene außerordentliche Hauptversammlung den Einstieg der Franzosen in die deutsche Riesengrube formal abzeichnen.

Bereits im vergangenen Jahr hatte der ebenso agile wie eigenmächtige Doppel-Doktor (Volkswirt und Ingenieur), der vor zweieinhalb Jahren den glücklosen ersten RAG-Manager Hans-Helmut Kuhnke ablöste, den Unwillen einiger seiner Aufsichtsräte provoziert, weil er sich »zu schnell und zu teuer« bei der Teer- und Kunststoff-Firma Rütgers eingekauft hatte.

Die Kritiker unter Bunds Aufsichtsräten bemängeln vor allem, die RAG gehe unter seiner Führung allzu leichtfertig mit Bonner Alimenten um. Ohne Staatshilfen wie Kokskohlensubventionen an die Stahlindustrie, Verstromungsbeihilfen, Haldenfinanzierung und Investitions-Zuschüsse für Kohle-Kraftwerke sowie Einfuhrsperren nämlich wäre der Kohle-Koloß längst bewegungslos geworden. Allein in den ersten drei Jahren nach seiner Gründung im November 1968 hatten die Manager des Monopolbetriebes Jahr für Jahr dreistellige Millionenbeträge als Verlust abbuchen müssen.

Erst die Aufwertung der Kohle während der Ölkrise brachten den nach Bahn und Post größten Minusmacher Westdeutschlands aus der Verlustzone: Seit drei Jahren legen die RAG-Manager nahezu ausgeglichene Bilanzen vor.

Mit Rücklagen von rund 650 Millionen Mark überstanden sie sogar die Absatzkrise der letzten zwölf Monate ohne ernsthafte Schäden. Und weil Bonns Sozialliberale sich die Gunst der 145 000 Kumpels an der Ruhr etwas kosten lassen, machte das Bundeskabinett erst unlängst den Verkaufschefs der Zechen neue Abnahmeversprechen.

Wohlausgestattet mit derlei Garantien und Erfolgsmeldungen, ging RAG-Boß Bund zur Partnerwahl ins Ausland. Bund bot ein Paket von 8,25 Prozent feil, das die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau »interimistisch« (Bund) hielt.

Das kleine Paket war im Oktober 1974 aus drei Päckchen -- der Hamborner Bergbau AG, der Monopol-Bergwerks GmbH und der Stumm AG -- geschnürt und per Kabinettsbeschluß der Kreditanstalt zur Verwahrung übergeben worden. Seinem Vertrauten Ernst Wolf Mommsen, damals noch Krupp-Chef, hatte Bundeskanzler Helmut Schmidt Interesse am Kauf des Mini-Anteils bekundet.

RAG-Chef Bund dachte da anders. Er suchte Partner, die ihm »langfristigen Absatz« zusichern konnten. Nach einer Reise in die südafrikanische Republik im Herbst 1975 sinnierte er über engere Beziehungen: Als Gegenleistung für billigere Kraftwerkskohle aus südafrikanischen Zechen könnte die Ruhrkohle ihre hochwertigeren Produkte an die südafrikanische Stahlindustrie liefern.

Doch als die Beziehungen zwischen Bonn und Johannesburg nach der Rall-Affäre abkühlten, besann sich Bund seiner europäischen Teilhaber. Sidechar kam als erster in Frage. Der Pariser Konzern besitzt bereits über seine Tochter Harpener Bergbau AG 4,77 Prozent der RAG-Papiere.

Die Franzosen, die ohnehin bereits sieben Millionen Tonnen Ruhrkohle verfeuern (zehn Prozent der RAG-Förderung), griffen schnell zu. Sie vereinbarten mit Bund:

* einen Kaufpreis von 44 Millionen Mark, von denen 13,2 Millionen noch in diesem Jahr überwiesen werden; der Rest wird zehn Jahre lang über die Kohle- und Kokspreise verrechnet;

* bislang bindende Verträge, die Sidechar das Recht einräumen, Ruhrkohle unter dem Marktpreis einzukaufen, werden revidiert.

Nachdem Bund den verblüfften Aufsichtsräten schriftlich seine Rechnung aufgemacht hatte, mochte keiner widersprechen. Nur im Kollegenkreis argwöhnten manche Kontrolleure aus der Stahlindustrie, die RAG-Manager wollten mit ihrem Sidechar-Pakt vor allem ein Gegengewicht gegen die Übermacht der westdeutschen Stahlindustriellen aufbauen. Die Montankonzerne nämlich halten rund 50 Prozent der Ruhrkohle-Aktien.

Mißtrauisch beäugen auch die Beamten des für die Kohle zuständigen Bonner Wirtschaftsministeriums den Aktientransfer über die westliche Grenze. Auch ihr Einfluß könnte vom neuen Großaktionär angetastet werden.

Bislang verfügt Bonn über seinen Energietrust Veba-Gelsenberg, seinen Stahlkonzern Salzgitter AG und die Kreditanstalt für Wiederaufbau über 46,33 Prozent des RAG-Kapitals. Nach dem Einstieg von Sidechar wären es nur noch gut 38 Prozent.

Ein Gegengebot freilich mag sich Bonn nicht leisten: Die ohnehin angeschlagenen Steuerkassen lassen derlei Pläne kaum zu. Auch die Aussichten, wenigstens jene 9,83 Prozent der RAG-Aktien. die dem Kohlenkonzern selbst gehören, in besseren Kassenjahren zu erwerben, schwinden. Denn Kohleboß Bund ist bereits auf der Suche nach neuen Käufern.

Ganz ungeschoren wollen die Kohle-Kontrolleure in den Bonner Amtsstuben und den Beletagen der Stahlkonzerne ihren eigenmächtigen Statthalter dennoch nicht davonkommen lassen.

Anstelle des in wenigen Monaten aus seinem Amt als Aufsichtsratsvorsitzender scheidenden Heinz P. Kemper, 72, will Thyssen-Chef Dieter Spethmann nach Absprache mit Wirtschaftsminister Hans Friderichs einen resoluten Aufpasser einsetzen, der die Interessen der Stahlindustrie genauso vertritt wie die Bonns: den Chef der bundeseigenen Salzgitter AG Hans Birnbaum, Aufsichtsratsboß bei VW. Ein RAG-Rat: »Der hat den VW-Vorstand geschafft, der schafft auch den Bund.«

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