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AFFÄREN Paßt auf

In Bochum begann der Prozeß gegen die Geschäftsführer des zusammengebrochenen Stumm-Konzerns. Nach Meinung von Stumm-Aktionären gehören auch Prominentere auf die Anklagebank.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Als Westdeutschlands größter Wirtschafts-Krimi der Nachkriegsgeschichte am letzten Freitag Gerichtspremiere hatte, war er längst zur Materialschlacht ausgeufert.

In fast zweijähriger Kleinarbeit sammelten die Rechercheure der Bochumer »Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Wirtschafts-Kriminalität« 190 Leitz-Ordner voll Beweismittel.

Sie sammelten Lieferzettel und Rechnungen, analysierten Buchungen und Belege und addierten den Schaden schließlich auf zwei Stellen hinter dem Komma: Um genau 1 334 465 724 Mark und 21 Pfennig -- so ermittelten die Bochumer Fahnder -- haben die drei früheren Top-Manager Walter Maier, 42, Herbert Hartmann, 38, und Theodor Nölken-Bockhoff, 52, den im Herbst 1974 zusammengebrochenen Stumm-Konzern geschädigt.

Diese drei allerdings sind nach Ansicht ihrer Verteidiger und einiger der geprellten Stumm-Aktionäre keineswegs die Hauptdarsteller. Die wegen Betrug, Untreue. Konkursverbrechen und Urkundenvernichtung angeklagten Geschäftsführer haben nach dieser Lesart lediglich im Schlußakt des Stumm-Spiels die wichtigsten Rollen besetzt . »Sollen vor der Öffentlichkeit nur die bereits inhaftierten Öl-Manager schuldig gesprochen werden?« fragte die verbitterte Familien-Aktionärin Ursula von Stumm letzte Woche in einem Brief den Altbankier Hermann Josef Abs.

Der Nestor des deutschen Kreditgewerbes hatte bis 1968 die Geschicke des 116 Jahre alten Konzerns als Aufsichtsrats-Chef überwacht und sich »aus Anhänglichkeit zur Familie Stumm« (Abs) anschließend zum Ehren-Vorsitzenden wählen lassen.

Der ehemalige Verteidigungs-Staatssekretär und unrühmlich abgelöste VW-Aufsichtsrats-Vorsitzende Josef Rust übernahm nach Abs den Posten des Chef-Kontrolleurs. Und die Liste feinster Industrie-Adressen im Stumm-Rat vervollständigte der rheinische Stahlhändler und DIHT-Präsident Otto Wolff von Amerongen.

Mit dem Segen der prominenten Konzern-Aufpasser schüttete die ertragsschwache Familienfirma in 20 Jahren über 100 Millionen Mark Dividende aus -- größtenteils aus der Substanz.

Die Großherzigkeit der Aufsichtsräte war um so leichtfertiger, als sich der ständig überforderte Konzern in besonders risikoreichen Branchen engagierte.

So ließen es die Aufsichtsräte zu, daß sich die mit dem kargen Kapital von zehn Millionen Mark ausgestattete Konzerntochter »Stumm-Handel« in milliardenschwere Öl-Spekulationen einließ. Allein durch diese Geschäfte verlor die Firma in den ersten sechs Monaten des letzten Stumm-Jahres 85 Millionen Mark.

AR-Chef Rust hätte das tödliche Risiko durchschauen müssen: Er ist bis heute auch Aufsichtsrats-Boß der zum BASF-Konzern gehörenden Öl-Firma Wintershall.

Auch die Banken taten kaum etwas, den Schaden unter Kontrolle zu halten. Noch in den letzten Monaten vor dem Firmen-Kollaps pumpten sie immer neue Millionen in die leere Stumm-Kasse.

Dabei wußten die Institute aus der monatlichen Evidenzliste der Bundesbank, daß der marode Konzern bereits hoffnungslos überschuldet war. So wiesen die Frankfurter Statistiker nach, daß allein von März bis Mai 1974 Stumms Schulden um 33,6 auf 466,4 Millionen Mark gestiegen waren.

Die Entschuldigung der Stumm-Kontrolleure, von den riskanten Öl-Geschäften nichts gewußt zu haben, offenbart nur ihre eigene Ohnmacht und Nachlässigkeit. Weil »die Berichterstattung nach wie vor nicht den heutigen Erfordernissen« entspricht, hatte bereits Ende 1972 Casimir Prinz Wittgenstein, Vorstands-Vize der Frankfurter Metallgesellschaft, sein Stumm-Aufsichtsrats-Mandat bei Rust gekündigt.

Auch Ferdinand Ritter von Marx quittierte seinen Rats-Dienst. In einem Rechtfertigungs-Schreiben an führende Familienmitglieder gab der Stumm-Verwandte seinen letzten Willen zu Protokoll: »Ich empfehle Euch, für die Neuwahl eine ganz neue Verwaltung auszusuchen, mit einem erfolgreichen starken Mann an der Spitze.« Ritter Marx weiter: »Paßt auf.«

Der Rat kam zu spät. Bereits im März 1974 ließ der wenig später zum stellvertretenden Aufsichtsrats-Vorsitzenden gewählte Franz von Martinitz, der einen Teil der Sippe vertrat, unter »streng vertraulich« dem in der Schweiz lebenden Stumm-Aktionär Janos Graf Pálffy wissen: »Da die Zeit offenbar gegen unsere Interessen läuft, muß das Potemkinsche Dorf gehalten werden, solange es geht.«

Es hielt nur bis zum 25. Oktober, dann brach der einst ruhmreiche Industrie-Konzern zusammen. Zwei Wochen zuvor hatte sich Otto Wolff -- so Ursula von Stumm -- »aus der Firma geschlichen« und sein 25-Prozent-Paket Stumm-Aktien zum Erinnerungspreis von einer Mark an das Hamburger Öl-Unternehmen Mabanaft abgestoßen.

Wolff-Gegnerin von Stumm will nun -- notfalls durch Armenrecht ("ein Armenattest habe ich schon") -- über eine Organhaftungs-Klage den säumigen Aufsichtsrat geradestehen lassen. Die verwitwete Einzelkämpferin weiß: »Wenn ich verliere, werden sie mich eben auf 480 Mark monatlich pfänden.«

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