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TOURISMUS Paßt bestens

Der Hotelkonzern Steigenberger und der Touristikriese TUI ringen um die Macht im Robinson Club.
aus DER SPIEGEL 23/1989

Wolfgang Momberger, 41, wollte einfach mal mit der Familie ein paar Tage Urlaub machen - faulenzen, entspannen, Ski fahren. Der Spitzenmanager des Hotelkonzerns Steigenberger hatte sich dafür den österreichischen Robinson Club auf der Schlanitzen Alm ausgesucht.

Doch kaum eingetroffen, Anfang des Jahres war das, schickte Momberger Frau und Kinder allein auf die schneearme Piste. Vater hatte plötzlich ganz andere Interessen.

Per Telefax ließ sich Momberger aus Frankfurt die letzten Geschäftsberichte der Touristikfirma Robinson schicken. Statt das Club-Leben zu genießen, vertiefte sich der Hotelmanager in Zahlenkolonnen und Kostenrechnungen. »Ich muß endlich wissen«, beschied er seine Frau, »wie es um Robinson steht.«

Der Arbeitseifer in den Bergen hatte Folgen. Momberger kehrte mit einer trostlosen Unternehmensanalyse an seinen Schreibtisch zurück.

Auf mehr als 50 Seiten hatte Momberger das Fazit seiner Bemühungen aufgeschrieben: Die Robinson-Gesellschaft habe mit ihren Urlaubsdörfern am Mittelmeer, auf den Kanaren und in den Alpen, in Ostafrika und Fernost »langfristig keine Überlebenschancen« im hart umkämpften internationalen Touristikmarkt. Das Unternehmen bedürfe dringend der Sanierung. Und das wollte der forsche Hotelmanager übernehmen. Lange galt der Robinson Club als Glanzstück der deutschen Reisezunft. Jahr für Jahr präsentierte die Ferienfirma, die je zur Hälfte Steigenberger und der Hannoveraner Touristik Union International (TUI) gehört, prächtige Steigerungsraten. Seit der Gründung Anfang der siebziger Jahre verbrachten weit über eine Million meist deutsche Gäste ihren Urlaub in den von der Außenwelt sorgsam abgeschirmten Feriendörfern, in denen auf Spektakel spezialisierte Animateure den lauten Ton angeben.

Steigenberger und TUI gaben sich in aller Stille mit den Erfolgsmeldungen aus der Frankfurter Robinson-Zentrale zufrieden. Dort konnten Geschäftsführer Johann-Friedrich Engel und sein Kollege Wolfgang Arthur Mankel die Firma weitgehend nach eigenem Gutdünken führen. Vor allem Engel profilierte sich als Urlaubsphilosoph und Erfolgsmanager.

Nur dreimal im Jahr trafen sich je zwei Vertreter der beiden Großgesellschafter, um sich von Engels Plänen unterrichten zu lassen. Warum sollten sie ihm auch dreinreden? Der Laden lief ja glänzend.

Auch Momberger, einer der vier Robinson-Kontrolleure, kümmerte sich wenig. Lediglich ab und an mäkelte er sanft an den vorgelegten Zahlen herum oder an Engels Unternehmensstrategie.

Zum ersten Krach kam es im Oktober vergangenen Jahres. Engel beging, so befanden die Steigenbergers, im harten Alltagsgeschäft Fehler, die das Unternehmen zumindest kurzfristig viel Geld und auch einen Teil der zahlungskräftigen Kundschaft kosten.

Drei der bis dahin 18 Robinson Clubs mußten geräumt werden. Die Pachtverträge für die Urlaubsdörfer Cala Vadella auf Ibiza, Calampiso auf Sizilien und Phocea im Norden Griechenlands liefen aus. Ersatz steht für die Saison 1989 nicht bereit. Neue Anlagen sind zwar geplant oder bereits in Bau. Doch das dauert.

Die Bettennot bei Robinson kommt der Konkurrenz gerade recht. Vor allem der französische Club-Riese Mediterranee hofft auf zusätzliche deutsche Kundschaft. Auch der Club Aldiana, ein Ableger des Frankfurter Touristikkonzerns NUR, sieht gute Chancen, näher an den Branchenführer Robinson heranzukommen.

Für Momberger war der Schuldige an dem Dilemma schnell gefunden. »Wir haben den Engel«, so der starke Mann im Steigenberger-Vorstand, »zu lange allein herumwurschteln lassen.« Das Unternehmen (Jahresumsatz 1988: 156 Millionen Mark) verdiene zuwenig Geld. Die Rendite sei von über drei Prozent 1978 auf zuletzt unter ein Prozent abgerutscht und damit hart an der Verlustgrenze. Mit falschen Belegungszahlen soll Engel zudem seine Aufsichtsräte über die Schwierigkeiten in vielen Clubs getäuscht haben.

Vergangenen März forderte Momberger die sofortige Ablösung des Club-Gründers. Engel habe mehrfach gegen die Satzung der Gesellschaft verstoßen. Etwa, als er gegen den erklärten Willen Steigenbergers den Pachtvertrag des defizitären Clubs Boabab in Kenia verlängerte.

Doch die Partner in Hannover lehnten eine Kündigung ab. Die Robinson-Geschäftsführung, so TUI-Chef Paul Lepach trotzig, »hat unser volles Vertrauen«. Das gute Einvernehmen zwischen TUI und Steigenberger allerdings ist gründlich dahin. Inzwischen geht es längst nicht mehr um den Posten des umstrittenen Robinson-Geschäftsführers. Es geht um die Macht im Unternehmen.

Dabei gerät der behäbige Reiseriese TUI zunehmend in die Defensive. Der Touristikkonzern hat selbst genug Probleme. Die Geschäfte mit hauseigenen Urlaubsmarken wie Scharnow oder Touropa laufen nicht mehr so gut wie früher. Ein neues Unternehmenskonzept soll TUI, einen der größten Reisekonzerne der Welt, für die neunziger Jahre rüsten. Da bleibt kaum Zeit, sich intensiv mit dem Robinson Club zu befassen.

Das Formtief in Hannover will Steigenberger nutzen. Der florierende Hotelkonzern drängt immer stärker ins internationale Geschäft. Robinsons Ferienbetriebe mit ihren 7650 Betten passen bestens ins Expansionskonzept.

Doch ohne die Mehrheit bei Robinson kann Steigenberger die Ferienfirma kaum nach eigenen Wünschen umbauen. Reiseveranstalter TUI hat andere Interessen als die Hotelfirma Steigenberger. »Was immer wir vorschlagen, um die Robinson Clubs zu sanieren und international wettbewerbsfähig zu machen«, klagt Momberger, »wird in Hannover ohne Begründung abgeschmettert.«

Der Bruch zwischen den einst harmonischen Reisegesellschaftern ist kaum noch zu kitten. Inzwischen werden die Firmenanteile sogar gegenseitig zum Kauf angeboten. Zwischen Angebot und Nachfrage allerdings klafft eine beträchtliche Lücke. Sowohl Steigenberger als auch TUI wollen ihren Anteil für rund 70 Millionen Mark an den ungeliebten Mitgesellschafter veräußern. Zahlen allerdings wollen sie jeweils nur höchstens 30 Millionen.

Momberger ist fest entschlossen, noch in diesem Jahr eine Entscheidung zu erzwingen. So fordert er, die Robinson-Zentrale in Frankfurt aufzulösen und in sein Hotelunternehmen zu integrieren. Auch den Alleinvertrieb der Club-Dörfer durch TUI will der Steigenberger-Mann notfalls gerichtlich aufheben lassen. Dann dürften auch Konkurrenten die Robinson-Betten vermarkten.

Die aggressiven Attacken Richtung Hannover dienen vor allem einem Ziel: Der verunsicherte TUI-Vorstand soll weichgeklopft werden und die Lust an Robinson verlieren. »Steigenberger will uns doch nur schlucken, weil wir Spitze sind - und das möglichst billig«, hat Engel erkannt.

Seinen ärgsten Widersacher wird Momberger denn auch so leicht nicht loswerden. »An mir beißt dieser Mensch sich noch die Zähne aus«, sagt Engel. »Ich habe gute Verträge und noch bessere Anwälte.« Die allerdings wird der gelernte Jurist auch brauchen. #

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