Zur Ausgabe
Artikel 36 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MANAGER Peinlich berührt

Machtkampf auf der Hauptversammlung: Banken wollen Thyssen-Chef Dieter Spethmann loswerden. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Dieter Spethmanns Karriere lief immer steil nach oben. Mit 47 Jahren, 1973, war er bereits Chef des größten europäischen Stahlkonzerns, der Thyssen AG - ein wichtiger Gönner hatte mitgeholfen.

Hans-Günther Sohl, langjähriger Vorstandsvorsitzender des Konzerns, hatte Spethmann systematisch zu seinem Nachfolger bei Thyssen aufgebaut. Es ist der gleiche Mann, heute 77jährig, der sich nun alle Mühe gibt, die Laufbahn seines einstigen Proteges abrupt zu beenden.

Sohl, dessen Wort in Industriekreisen noch immer respektiert wird, läßt keine Gelegenheit aus, sich von seinem einstigen Schützling abzusetzen. Er wirft Spethmann Führungsschwäche vor, die den Konzern in Schwierigkeiten gebracht habe.

Gewichtige Bundesgenossen teilen die kritische Einstellung des ehemaligen Industriesprechers Sohl. Seit dem Herbst vergangenen Jahres versuchen die Großbanken, Spethmann zu Fall zu bringen. Sie inszenierten einen öffentlichen Machtkampf, der in der Bundesrepublik ohne Beispiel ist.

Auf der Thyssen-Hauptversammlung am Freitag dieser Woche soll die endgültige Entscheidung fallen. Vier Banken wollen dem Management des Duisburger Stahlkonzerns diesmal nicht Entlastung erteilen, wie sie es sonst routinemäßig, mit den Leihstimmen ihrer Depotkunden, stets getan hatten.

Bayerische Vereinsbank und die Bank für Gemeinwirtschaft wollen sich auf der Hauptversammlung der Stimme enthalten, sofern ihre Depotkunden nicht ausdrücklich andere Weisung geben. Auch die Dresdner Bank, die mit einem Kreditengagement von 650 Millionen Mark die Hausbank des Stahlkonzerns ist, will sich diesem Mißtrauensvotum gegen Spethmann anschließen. Die Deutsche Bank geht noch weiter. Eine Entlastung des Vorstandes, teilte sie ihren Kunden mit, »können wir Ihnen aus heutiger Sicht nicht empfehlen«.

Zu dieser harten Äußerung hatte sich der Vorstand der Deutschen Bank nach stundenlanger Diskussion durchgerungen. »Wir dürfen«, hatte Vorstandssprecher Friedrich Wilhelm Christians seine Kollegen gemahnt, »nicht unsere Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen.«

Aus Sorge, die Aktionäre könnten eines Tages der Deutschen Bank und ihrem in den Thyssen-Aufsichtsrat entsandten Vorstandssprecher Wilfried Guth eine zu lasche Kontrolle vorwerfen, setzte sich die größte deutsche Privatbank an die Spitze der Aktionärs-Opposition. Guth war es dann auch, der seine Kollegen von der Anteilseigner-Seite gegen Spethmann mobilisierte.

Die Bankiers, darunter Aufsichtsratschef Harald Kühnen vom Bankhaus Oppenheim, sowie Günter Vogelsang, Chefberater der Deutschen Bank, und Wolfgang Schieren, Vorstandsvorsitzender der Allianz, verständigten sich darauf, Spethmann vorzeitig in den Ruhestand zu schicken. Schon Mitte 1984 wollen sie einen Nachfolger präsentieren.

Die Deutsche Bank ließ inzwischen bei Ruhrgas-Chef Klaus Liesen anfragen, und Thyssen-Senior Sohl sondierte bei Manfred Lennings. Der ehemalige GHH-Chef lehnte jedoch ebenso wie Liesen das Angebot ab.

Lennings fühlte sich vielleicht zu sehr an den eigenen Rausschmiß erinnert. Er selbst war Ende 1983 das Opfer einer gemeinsamen Aktion von Commerzbank und Allianz geworden.

Wie im Falle Lennings glauben die Großbanken auch diesmal gute Gründe zu haben, den Spitzenmann abzulösen: Thyssen, das einst profitabelste europäische Stahlunternehmen, hat im vergangenen Jahr fast eine Milliarde Mark Betriebsverluste angesammelt.

Der größte Brocken war eine Fehlinvestition in den USA. Die Tochterfirma Budd steuerte 1983 zum Konzernergebnis Verluste von über 400 Millionen Mark bei. Im Inland ging Spethmann ebenfalls einiges daneben. So schaffte er es nicht, den Anfang der siebziger Jahre von Sohl aufgekauften Stahl- und Maschinenkonzern Rheinstahl, die heutige Thyssen-Industrie AG, so zu sanieren, daß nennenswerte Gewinne abfallen.

Schließlich legte sich Spethmann durch sein Taktieren bei der geplanten Neuordnung der Stahlindustrie mit den Banken an. Da ihm die von Bonn für die Fusion von Thyssen und der Krupp Stahl AG avisierten Subventionen nicht reichten, ließ Spethmann den Partner hängen, die Fusion gelang nicht.

Weil dadurch die Sanierungspläne im Stahlbereich völlig durcheinandergerieten, fürchten die Großbanken nun um ihre Milliardenkredite. Denn die vorwiegend von der Dresdner Bank finanzierte Krupp Stahl, aber auch die Klöckner-Werke (Hausbank: Deutsche Bank) sind allein nicht lebensfähig.

Spethmann verscherzte sich weitere Sympathie, als er schließlich gegen seinen einstigen Gönner Sohl, Ehrenvorsitzender im Thyssen-Aufsichtsrat, Front machte. Die Handhabe dazu bot ein Gutachten, das der Bonner Aktienrechtler Marcus Lutter im Auftrag eines Großaktionärs verfertigt hatte. Die Funktion des Ehrenvorsitzenden, so Lutter, berechtige nicht zur Anwesenheit bei Abstimmungen. Spethmann bestand dann sogar darauf, Sohl zu den Sitzungen nicht mehr einzuladen. »Die meisten«, so ein Aufsichtsrat, »hat das peinlich berührt.«

Doch noch ist über Spethmanns Schicksal nicht entschieden. Wenn am Freitag in der Duisburger Mercator-Halle abgestimmt wird, dann steht der Thyssen-Chef keineswegs allein: Claudio Graf Zichy-Thyssen, der mit seiner Familie knapp 30 Prozent des Konzern-Kapitals hält und schon mit dem Sohl-Gutachten Spethmann helfen wollte, wird seine Stimmenmacht für den Angegriffenen einsetzen. Weil sich die vier Kritiker-Banken der Stimme enthalten wollen, reicht schon ein geringer Prozentsatz von Ja-Stimmen. Mit Graf Zichy-Thyssen werden die Westdeutsche Landesbank und die Commerzbank, aber auch ein Großteil der anwesenden Kleinaktionäre für die Entlastung des Vorstands stimmen.

Spethmanns Kritiker würden sich mit einem solchen Ergebnis kaum zufriedengeben. Wenn viele Kleinaktionäre, deren Stimmrecht von den Banken wahrgenommen wird, gegen das Management votieren, werden die Bankiers neue Bedenken gegen den Vorstandschef vorbringen. Mit dem Argument, Spethmann habe nicht das volle Vertrauen der Aktionäre, könnte ein neuer Versuch gegen den Thyssen-Chef gestartet werden - dann allerdings im Aufsichtsrat.

Weil sich die Arbeitnehmervertreter aus dem Gerangel raushalten, haben Spethmanns Kritiker im Kontrollgremium die Mehrheit. Graf Zichy-Thyssen könnte dann nichts mehr ausrichten - im Aufsichtsrat hat auch er nur eine Stimme.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 36 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel