Peinliche Ölpreis-Prognosen Er sinkt! Er steigt! Er bleibt!

Wie viel kosten künftig Öl und Benzin? Mit ihren Preis-Prognosen liegen Volkswirte und Analysten regelmäßig kräftig daneben. SPIEGEL ONLINE zieht Bilanz - und zeigt Prognosen, die von der Wirklichkeit überholt wurden.

Hamburg - Im Frühjahr 2004 veröffentlichte die Investmentbank Goldman Sachs eine Prognose, die an Schwammigkeit kaum zu überbieten war: Bis 2007 fluktuiere der Ölpreis "in einem Korridor von 50 bis zu 105 Dollar", heißt es in dem Dokument mit dem peppigen Namen "Super Spike".

Wer sich so wenig festlege, sei feige, höhnten damals böse Zungen. Doch in punkto Ölpreis-Prognosen machten es die "Super Spike"-Autoren eigentlich genau richtig. Denn Analysten tun sich höllisch schwer damit, den Verlauf des Ölpreises korrekt vorherzusagen. Wer es trotzdem versucht, verschätzt sich meist im großen Stil. In den Jahren 2004 und 2005 etwa lagen Experten mit ihren Preisprognosen um bis zu 100 Prozent daneben.

Wodurch entstehen sie eigentlich, die teils eklatanten Fehleinschätzungen? Analysten verlängern bei ihrer Prognose nur bereits bekannte Trends in die Zukunft. Sonderfaktoren wie Naturkatastrophen oder politische Spannungen bleiben meist unberücksichtigt, gelten als zu einmalig, zu verzerrend - und sind doch oft genug der Grund dafür, dass die Experten danebenliegen.

Vor allem bei Worst-Case-Szenarien spielt zudem das Interesse der mit Öl handelnden Staaten eine Rolle. Oft genug steigert schon die Angst vor negativen Einflüssen den Ölpreis - für Händler und Lieferanten von Öl ein Vorteil.

Das aktuelle Rekordhoch von gut 100 Dollar pro Barrel Öl ist nach Einschätzung von Experten zu einem beträchtlichen Teil eine Folge von Spekulation. Angeschoben habe den Preis zuletzt unter anderem die fragwürdige These, dass die Ölreserven der Opec im schlimmsten Fall bereits 2024 zur Neige gehen könnten. Herausgeber der Studie: die Opec selbst.

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2004 - Das Jahr der Daneben-Lieger

Anfang 2004 lagen die Rohölnotierungen der Leitsorten Brent und WTI bei 31 bis 33 Dollar pro Barrel - Preise, die Experten allgemein als zu hoch einstuften. Im Frühjahr, wenn die Nachfrage saisonal abflaut, würden die Preise auf gut 24 bis 26 Dollar sinken, schrieben das Economist Intelligence Unit (EIU) in London, das Centre for Global Energy Studies (CGES) und viele andere Institute. Auch die Organisation ölexportierender Länder (Opec) schätzte die Situation falsch ein und beschloss noch im Frühjahr eine Förderkürzung.

Dann, im Herbst 2004, explodierten die Preise. Die Opec drehte den Ölhahn bis zum Anschlag auf, setzte Fördergrenzen zeitweise ganz außer Kraft. Doch auch das änderte nichts am Preisschub: Im Oktober kostete das Barrel WTI kurzzeitig 55,67 Dollar und erreichte damit die nominell höchste Notierung aller Zeiten.

Die Jahres-Bilanz 2004 weckt arge Zweifel an der Verlässlichkeit von Expertenvorhersagen. Der deutsche Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung etwa hatte in seiner Jahresprognose für 2004 einen Ölpreis von 27 Dollar verwendet. Tatsächlich lag der Jahresdurchschnitts-Preis bei 41,47 Dollar je Barrel WTI und bei 38,31 Dollar pro Barrel Brent.

2005 - Fehlprognosen um bis zu 100 Prozent

2005 ging die Expertenirrfahrt munter weiter. Das Rohstoffteam von Lehman Brothers hatte im August 2004 prognostiziert, dass die Nordseesorte Brent Mitte 2005 bei 35 Dollar liegen wird. Die Deutsche Bank sagte zur gleichen Zeit, der Ölpreis werde sogar unter 35 Dollar fallen.

Mal wieder falsch: Der Ölpreis stieg und stieg, lag Mitte 2005 bei knapp 70 Dollar - doppelt so viel wie von Experten angenommen.

Die Experten hätten den Nachfrageschock im aufstrebenden China und die nachlassenden Investitionen Saudi-Arabiens in neue Produktionskapazitäten unterschätzt, kritisierte die "Frankfurter Allgemeine" seinerzeit. Dabei hätten beide Faktoren den Experten schon 2004 hinlänglich bekannt sein können.

"Die Stärke der Ölnachfrage hat uns überrascht - vor allem in den Vereinigten Staaten und in China", räumte Goldman Sachs im Frühjahr 2005 ein. Bei China sei man davon ausgegangen, dass die Volksrepublik ihre Energienachfrage weiter mit Kohle decke. Doch der Bedarf war so groß, dass die Kapazitäten der Kohlekraftwerke nicht mehr ausreichten - in der Folge explodierte die Nachfrage nach Öl.

Auf dem US-Markt, analysierte die "FAZ", hätten die Experten nicht berücksichtigt, dass die Raffinerien schon länger unter voller Auslastung arbeiteten, also nur mangelhaft gewartet wurden. Dadurch sei es immer wieder zu Produktionsausfällen gekommen - und in der Folge zu Versorgungsengpässen und Preisschüben.

Fehlerhaft, kritisierte Goldman Sachs, sei auch die Bewertung der US-Ölvorräte ausgefallen. Deren Bestand sank 2004 auf ein bedenklich niedriges Niveau, doch die meisten Analysten hätten weiter stur die Vorratspreismodelle der neunziger Jahre angewandt.

Auch den Konflikt der US-Regierung mit dem Iran hätten viele Finanzexperten mehr als ein halbes Jahr lang ignoriert. Dabei sei das Überwürfnis mit dem wichtigen Opec-Land schon damals einer der Hauptgründe für die Nervosität am Ölmarkt gewesen.

1972 - "Das Ende allen Wachstums"

1972 prognostizierte der Wissenschaftler Dennis Meadows im Auftrag des Club of Rome das Ende allen Wirtschaftswachstums. Schuld daran, so Meadows, sei der Ressourcenmangel, besonders der Mangel an Öl. "Wenn die Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen anhält, werden die Wachstumsgrenzen im Lauf der nächsten hundert Jahre erreicht", schrieb er in seiner legendären Studie "Die Grenzen des Wachstums".

Meadows' Werkzeuge waren das modernste, was Computer und Wissenschaft damals hergaben: 99 Regelkreise simulierten das Wachstum von Bevölkerung, Nahrungsmittelproduktion, Industrialisierung, Umweltverschmutzung und die Ausbeutung von Rohstoffen. Neben der Wirkung steigender Preise unterschätzte dieses Modell vor allem die Möglichkeiten zur Verbesserung der Technik.

Problematisch war, dass manche Experten Meadows' Vision vom leergepumpten Planeten schon Mitte der siebziger Jahre herbeizitierten - obwohl die Prognose bis 2072 reicht. Der Grund: Rohstoffe schienen damals knapp zu werden, die Ölpreise stiegen gen Himmel. An Sonntagen gab es in Deutschland Autofahrverbot zwecks Benzineinsparung.

Doch nicht die materielle Knappheit des Erdöls behinderte seinerzeit das Wachstum. Schuld war das Opec-Kartell, das durch die Begrenzung seiner Exporte den Preis hoch trieb.

Paradoxerweise wirkte dieser Preisanstieg einer Ressourcenknappheit aber gerade entgegen: Das teure Öl machte immer kompliziertere Förderverfahren wirtschaftlich - dadurch wurden nun auch abgelegene Rohstoffe erschlossen. Die Grenzen des Wachstums sind jedenfalls gut 40 Jahre später noch nicht erreicht.

Meadows' Studie genießt noch heute bei vielen Kultstatus. Immerhin läuft sie ja auch noch bis 2072. Zudem zeigt sie, dass zwar die Prognosemethoden inzwischen viel komplexer geworden sind - die Prognosen aber dadurch nicht unbedingt besser.

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