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Unternehmen »Perfekte Gauner«

aus DER SPIEGEL 32/1996

Schmilinsky, 60, ist Betriebswirt und hat als »Fehlzeiten-Berater« Führungskräfte aus 180 Unternehmen geschult.

SPIEGEL: Herr Schmilinsky, macht das hohe Niveau der sozialen Absicherung die Arbeitnehmer in Deutschland kranker, als sie eigentlich sind?

Schmilinsky: Es macht sie mit Sicherheit anfälliger, mal einen Tag zu Hause zu verbringen. Deutsche Unternehmer haben viel zu spät angefangen, sich zu wehren und den Wahrheitsgehalt des gelben Scheins anzuzweifeln.

SPIEGEL: Der Krankenstand ist also auch ein Managementproblem?

Schmilinsky: Hohe Fehlzeiten sind für mich immer auch ein Zeichen für Mißmanagement. Einer meiner Kunden hat an mehreren Orten in Deutschland vergleichbare Produktionsstätten. Die Fehlzeiten aber variieren zwischen acht und vier Prozent. Da hat ein schlapper Werksleiter seinen Laden nicht im Griff.

SPIEGEL: Was raten Sie solchen Kunden?

Schmilinsky: Mit der eisernen Hand im Samthandschuh durchzugreifen. Wir leben in einer Zeit, in der Arbeiter rund um sich herum beobachten, wie Stellen abgebaut werden. Niemand will unangenehm auffallen. Firmen neigen zunehmend dazu, diese Unsicherheit zu nutzen, um die Fehlzeiten deutlich zu senken.

SPIEGEL: Halten Sie es etwa für richtig, nach der Krankmeldung mit Arbeitsplatzverlust zu drohen?

Schmilinsky: So plump und so stereotyp darf man das Thema nicht anpacken. Um Fehlzeiten in den Griff zu bekommen, bedarf es zwei sich widersprechender Führungskulturen. Die nette, weiche Art, so wie bei Hewlett-Packard, wo das Betriebsklima stimmt und alle freundlich miteinander sind, wirkt nur, wenn alle motiviert sind. Normalerweise brauchen Sie aber auch Härte, um die, wie ich sie nenne, perfekten Gauner zu fassen. Die feiern krank, obwohl sie arbeiten könnten. Wer mit List blaumacht, muß auch mit List und Tücke überführt werden.

SPIEGEL: Raten Sie den Unternehmen auch dazu, ihre Beschäftigten zu bespitzeln, um so den Blaumacher zu überführen?

Schmilinsky: Bei zarten Seelen sollte man mit Höflichkeit, Lob und Lächeln arbeiten und sich nach dem Wohlbefinden der krankgeschriebenen Mitarbeiter erkundigen. Einige Mitarbeiter muß man allerdings auch kriminalistisch beobachten lassen, um sie mit Beweisen zu konfrontieren. Beide Techniken, das nette Einlullen und das Zähnezeigen, müssen Führungskräfte heute beherrschen.

SPIEGEL: Sie haben Hunderte von Fehlzeitenkursen durchgeführt. Da waren Sie nicht nur in der Industrie, sondern auch bei Behörden aktiv. Gelten dort die gleichen Regeln?

Schmilinsky: Die freie Wirtschaft hat früher angefangen, sich um den Krankenstand zu kümmern, weil es da um privates Geld geht. In unseren Amtsstuben hingegen liegen die Schmerzgrenzen sehr hoch, so daß, trotz großer Fehlzeiten, nicht viel passiert. Häufig sparen die Unternehmen bis zu 50 Prozent der vorhergehenden Fehlzeiten ein, wenn ich ihre Vorgesetzten geschult habe.

In Behörden, die stark überbesetzt sind, passiert hingegen oft gar nichts. Wo keine Personalknappheit vorliegt, gibt es automatisch höhere Fehlzeiten, besonders, wenn bei Zeitarbeitsunternehmen einfach Personal bestellt und die Rechnung dann an die Personalabteilung geschickt wird.

SPIEGEL: Opel lädt mit Zustimmung des Betriebsrates Rückkehrer aus der Krankheit zu Gesprächen ein. Was halten Sie von dem Modell?

Schmilinsky: Opel hat sich sehr lange eine Politik erlaubt, die ich Konfliktvermeidungsstrategie mit dem Betriebsrat nenne. Bei großen Unternehmen haben die Arbeitnehmervertreter in der Vergangenheit beachtliche Machtpositionen aufgebaut und die Arbeitgeber sich angewöhnt, vor dem Betriebsrat zu buckeln. Das war bei Opel extrem der Fall.

SPIEGEL: Heute arbeiten beide zusammen. Die Gespräche werden von Mal zu Mal schärfer geführt. Das muß Ihnen doch gefallen.

Schmilinsky: Ich halte das Ganze für eine Einschüchterungsstrategie mit Hilfe einer unverantwortlichen Rasenmähermethode. Echt Kranke werden in den gleichen Topf wie solche geworfen, die der Firma auf der Nase herumtanzen. Das ist genau das, was ich meinen Seminarteilnehmern abgewöhne.

SPIEGEL: Bei manchen Firmen gibt es Briefe an die Kranken, in denen ebenfalls ein scharfer Ton angeschlagen wird. Auch falsch?

Schmilinsky: Die Wirkung ist die gleiche: Jeder kennnt den Inhalt des schärfsten Briefes. Ein wirklich Kranker, der sich als Blaumacher verdächtigt fühlt, wird damit beleidigt und macht vielleicht erst recht blau - aus Rache. Und den schlauen Schwänzer erwischen die Firmen eh nicht, da sie keine Beweise haben. Mit Pauschalbriefen wird viel Schaden angerichtet.

SPIEGEL: VW wählt per Zufallsgenerator täglich ein paar Krankgemeldete aus, die spontan aus der Personalabteilung zu Hause Besuch bekommen.

Schmilinsky: Auch das ist sehr gefährlich. Sie wissen nie, in welchem Gemütszustand der Mitarbeiter ist. Da kann sehr viel Vertrauen und damit Motivation kaputtgemacht werden. Ein Grundsatz in der Kommunikation ist: Nicht der Absender einer Botschaft entscheidet, in welchen Hals sie gerät, sondern der Empfänger.

SPIEGEL: Sie gelten in Gewerkschaftskreisen wohl zu Recht als Scharfmacher. Stört Sie dieses Image?

Schmilinsky: Ich bin in einigen Firmen rausgeflogen, weil ich mitunter auch dem behäbigen Management zu hart war. Scharfmacher ist dennoch nicht ganz richtig. Aber ohne Zweifel bin ich der Meinung, daß man sich als Unternehmer nichts gefallen lassen sollte. Jede Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist eine Geschäftsbeziehung.

SPIEGEL: Wer ist der Kunde?

Schmilinsky: Der Kunde ist der Arbeitgeber. Jeder Mitarbeiter sollte wissen, daß er Kundenpflege betreiben sollte, daß er für sein Geld auch viel bringen muß. Wer durch Fehlzeiten nur kostet, schadet seinem Ruf als Lieferanten und fällt irgendwann durchs Sieb.

SPIEGEL: Solche Aussagen müssen wirklich Kranke als grob ungerecht empfinden.

Schmilinsky: Ich beschäftige mich nur mit denen, die eigentlich kommen könnten. Wenn Deutschland international überleben will, kann es das nur mit extrem rationell geführten Unternehmen, die eine ausgeprägte Elitepolitik betreiben. Firmen, die das verschlafen, ich nenne sie Gurken-GmbHs, haben irgendwann nur noch die Schwächsten.

SPIEGEL: Wer erkrankt, fällt in Ihren Augen automatisch raus aus der Elite?

Schmilinsky: In einem Rennstall überlegen Sie sich auch, welches Pferd noch das Gnadenbrot bekommt und welches nicht. Unternehmen, die heute überleben wollen, müssen zuweilen auch rabiat sein. Zuviel Güte kann einem Unternehmen den Hals brechen.

[Grafiktext]

Die Montagskrankheit (Beginn der Arbeitsunfähigkeit nach

Wochentagen, 1994)

Tage, die ein Mitglied der Betriebskrankenkassen im Durchschnitt

1994 krank geschrieben war

[GrafiktextEnde]

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