Perus vitaminreiche Knolle Comeback der Wunderkartoffel

Reis und Mais werden immer knapper, immer teurer - deshalb besinnen sich die Menschen in Peru auf ein Jahrtausende altes Produkt: die einzigartige, bunte Hochlandkartoffel. Im ganzen Land erlebt die besonders vitaminreiche Knolle eine Renaissance - und wird jetzt auch von der Haute Cuisine gefeiert.
Von Knut Henkel

Lima - Miguel Lau nimmt einen transparenten Beutel mit dem Aufdruck "T’ika Papa" aus dem Supermarktregal und deutet auf den Inhalt. "Vor drei Jahren haben wir angefangen, diese schmackhaften Kartoffeln zu verkaufen", erklärt der Einkäufer der größten Supermarktkette Perus. "Jetzt haben wir immer öfter Probleme, genug Nachschub zu organisieren."

Lau würde nur zu gern offensiv für die papas nativas werben - so werden die einzigartigen Sorten in Peru genannt. Doch die Bauern im Hochland kommen mit der Produktion kaum hinterher. "Diese Kartoffeln werden in Höhenlagen von 3500 Metern und mehr angebaut. Sie haben nicht nur einen einmaligen Geschmack, sondern auch ungewöhnliche Formen und Farben", erklärt Lau.

Vor vier Jahren kamen die Kartoffelexperten vom Internationalen Kartoffelinstitut (CIP) zu ihm und legten ihm ein fertiges Marketingkonzept für die papas nativas vor. Lau war angetan und nahm T’ika Papa, zu deutsch "Kartoffelblüte", ins Programm. Das hat sich ausgezahlt, denn von Jahr zu Jahr steigen die Verkaufszahlen der Knollen, die deutlich mehr Vitamine und Aminosäuren enthalten als ihre konventionellen Verwandten.

Ob in der Familienküche oder der gehobenen Gastronomie: Auch der Geschmack und die bunten Farben haben dazu geführt, dass die Hochlandknollen mehr und mehr zum Einsatz kommen. So wird das knallgelbe Kartoffelpüree der Tumbay-Kartoffel in Limas Luxusrestaurants in Miraflores zum frischen Thunfischsteak gereicht.

Wiege der Urkartoffel

Auch der Export der schmackhaften Knollen, die ausschließlich in Peru angebaut werden, ist in diesem Jahr auf Touren gekommen. "Allein im ersten Quartal 2008 wurde annähernd soviel exportiert wie im gesamten letzten Jahr", freut sich Miguel Ordinola vom Internationalen Kartoffelinstitut (CIP) in Lima. Ordinola arbeitet eng mit Bauern in den Anbauregionen zusammen. An dem international finanzierten Forschungsinstitut koordiniert er Programme, um die Produktion von Kartoffeln in Peru zu fördern.

Seit rund achttausend Jahren wird die Hochlandknolle angebaut - in der Gegend um den Titicacasee befindet sich die Wiege der Erdäpfel, von hier stammt laut den CIP-Experten die Urkartoffel. Am Institut lagern neben mehr als 4000 agrarisch genutzten Kartoffelsorten auch 141 Wildarten in mehreren Kühlkammern. "Beratung und Unterstützung von Kleinbauern ist eine unserer Kernaufgaben", erklärt Ordinola den Auftrag seines Instituts. Gemeinsam mit Kollegen hat er den Anden-Bauern erfolgreich geholfen, neue Märkte für ihre einzigartigen Knollen zu erschließen.

Die papas nativas wurden von Kleinbauern über Jahrtausende entwickelt - perfekt sind sie an die klimatischen Bedingungen im Anden-Hochland angepasst. Ein Vorteil gegenüber den Zuchtsorten der großen Saatgutlieferanten. Doch den Ausschlag für den Boom der heimischen Knollen gab - neben dem Geschmack - die Verteuerung der konkurrierenden Grundnahrungsmitteln. "Lange galt die Kartoffel in Peru als das Essen der Armen. Reis, Mais und Pasta hatten ein besseres Image und wurden gekauft", sagt Ordinola vom Kartoffelinstitut. Nationalen Statistiken zufolge werden pro Kopf im Jahr 78 Kilogramm Kartoffeln konsumiert - einst waren es 120 Kilogramm.

Köche als Vorreiter

Doch seit einiger Zeit zeichnet sich nun die Trendwende ab. "Die Preise für Reis, Mais und anderes Gretreide haben sich in den letzten Jahren verdoppelt", erklärt Alberto Salas. Der Wissenschaftler ist am Kartoffelinstitut nicht nur für die Wildsorten zuständig - er kümmert sich mit seinen Kollegen auch um den Erhalt der Kartoffelvielfalt in Peru. "Anders als Getreide, Mais und Reis wird die Kartoffel nicht auf dem Weltmarkt gehandelt und von einem Kontinent zum anderen verschifft. Sie wird lokal angebaut, lokal gehandelt und lokal gekauft".

Die Nachfrage steigt kontinuierlich - dazu haben auch die findigen Köche aus Lima, Arequipa, Trujillo und Co. einiges beigetragen. Deren "neue andine Küche" genießt international einen exzellenten Ruf. Das zeigt sich nicht nur an immer neuen Kochbüchern, es gibt auch eine Fülle von TV- und Radioreportagen.

Die Meister am Herd setzen gezielt traditionelle Agrarprodukte ein – vom Andengetreide Quinoa bis zu den farbenfrohen papas nativas. Die gehören zu den typischen Beilagen und überzeugen optisch und geschmacklich. Auch die Ankaufpreise für die Bauern werden immer attraktiver. "Für die gelbe Tumbay-Kartoffel muss man etwa zwanzig Prozent mehr zahlen als für die gewöhnliche Ware", erklärt Kartoffelexperte Ordinola.

Die herkömmlichen Sorten werden im Tiefland unter industriellen Bedingungen angebaut - die Tumbay-Kartoffel und papas nativas kommen in Regel von Kleinbauern. "Die arbeiten zumeist ohne den Einsatz von Pestiziden und chemischen Düngemitteln", erklärt Ordinola.

Der Agrarexperte fährt regelmäßig ins wichtigste Anbaugebiet Perus, die Region von Huancyo, und hat dort für den Anbau der traditionellen Sorten geworben. Doch erst, als man mit der Supermarktkette Wong zusammenging und so auch die Absatzkanäle anbieten konnte, kam das Ganze ins Rollen. "Die T'ika-Papa-Nachfrage ist stetig gestiegen, und die Bauern profitieren vom deutlich höheren Preis", erklärt Ordinola. Hochlandkartoffeln kosten rund 45 Prozent mehr als konventionelle. So entstehen neue Perspektiven in den oftmals abgelegenen Anbaugebieten.

Neue Perspektiven

Der Trend liegt im Interesse der peruanischen Regierung - sie wirbt mittlerweile für den Konsum der peruanischen Kartoffel und hilft den Kleinbauern mit Kreditprogrammen. "Ziel ist es, den Konsum pro Kopf auf 100 Kilogramm zu steigern", erklärt Ordinola. Auch über den Export der papas nativas denkt man in den Ministerien nach, wie Agrarminister Ismael Benavides jüngst in einem BBC-Interview sagte.

Für die Bauern in den wichtigsten Anbauregionen rund um Cusco und Huancayo sind das positive Nachrichten. Bisher profitieren erst einige hundert Familien von den Marketinganstrengungen der CIP-Experten. Die haben Konzepte für die Produktion von Kartoffelpüree und -chips entwickelt. Beide Produkte werden unter anderem auf dem internationalen Airport von Lima angeboten.

Darauf sind Bauern wie Alejandro Suca aus dem Dorf Charawayre mächtig stolz. "Endlich werden unsere Kartoffeln und unser traditionelles Kartoffelwissen gewürdigt", sagt der Kleinbauer, der sein Feld ohne mechanische Hilfsmittel bestellt. Schon der von Stieren gezogene Pflug ist in den Dörfern nahe Cusco ein Fortschritt. Oft wird der Boden noch per Hand umgegraben.

Die zumeist armen Gemeinden werden von den Nachkommen der Inkas geprägt. Die Kartoffelnachfrage hat hier für einen beachtlichen Auftrieb gesorgt. Erstmals seit Jahren müssen die Bauern ihre Kartoffeln nicht mehr zu Spottpreisen verkaufen. Ein Erfolg, über den sich auch Miguel Lau von der Wong-Supermarktkette freut. Er sucht wieder einmal nach Nachschub für seine Supermarktregale. Die letzte Plastiktüte mit dem Aufdruck "T’ika Papa" hat gerade eine Kundin gefunden.

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