Pessimistische Prognosen SPIEGEL-ONLINE-Leser vom Boom überrascht

Wie entwickeln sich Dax, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum? Ende 2005 hatte SPIEGEL ONLINE seine Leser gebeten, eine Prognose zu wagen. Ein Jahr später steht fest: Das Wirtschaftsjahr lief viel besser als erwartet.


Hamburg - Weniger als vier Millionen Arbeitslose - das schien den meisten SPIEGEL-ONLINE-Lesern zum Jahresanfang noch unvorstellbar. Nur 3,7 Prozent der Teilnehmer bei unserer Online-Umfrage glaubten, dass die Zahl der Menschen ohne Job 2006 erstmals seit vier Jahren unter die magische Vier-Millionen-Grenze rutschen könnte. Ende Dezember 2005 hatten wir die User im Artikel "Wie wird 2006 - schätzen Sie mit" aufgerufen, eine eigene Prognose über die Entwicklung der wichtigsten Wirtschaftsdaten abzugeben.

Prognoseplattform 2006: Eine Mehrheit der Umfrageteilnehmer sagte ein Wachstum von 1,4 bis 1,6 Prozent voraus
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Prognoseplattform 2006: Eine Mehrheit der Umfrageteilnehmer sagte ein Wachstum von 1,4 bis 1,6 Prozent voraus

Die klare Mehrheit von 34 Prozent schätzte, dass es Ende 2006 etwa 4,3 bis 4,6 Millionen Erwerbslose geben würden. Über 20 Prozent glaubten sogar an eine Zahl von über fünf Millionen. Damit lagen sie ziemlich daneben: Seit mehreren Monaten sinkt die Erwerbslosigkeit beständig. Im November waren laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit 3,995 Millionen Menschen ohne Job, das ergibt eine Quote von 9,6 Prozent. Besonders erfreulich: Erstmals seit Jahren wurde der Abbau der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung gestoppt, seit einigen Monaten nimmt sogar die Zahl der Langzeitarbeitslosen ab.

Doch nicht nur beim Thema Arbeitsmarkt wurden die Umfrage-Teilnehmer vom Wirtschaftsjahr 2006 positiv überrascht: Auch bei vielen anderen Wirtschaftsdaten waren ihre Prophezeiungen für dieses Jahr zu düster.

Was inzwischen unter Ökonomen so gut wie sicher scheint - ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent oder mehr in diesem Jahr - hielten zum Jahreswechsel etwa nur 11,2 Prozent der SPIEGEL-ONLINE-Leser für möglich. Eine knappe Mehrheit von 23,7 Prozent rechnete mit 1,4 bis 1,6 Prozent. 12,7 Prozent erwarteten für dieses Jahr sogar nur ein Wachstum zwischen 0,5 bis 0,9 Prozent.

Einen Trost gibt es für alle Hobby-Ökonomen: Auch ausgewiesene Experten haben sich mit ihren Konjunkturerwartungen für dieses Jahr ordentlich geirrt. Sämtliche Wirtschaftsforschungsinstitute und auch internationale Organisation wie der Internationale Währungsfonds haben ihre Prognosen inzwischen mehrmals nach oben korrigiert. Zum Jahreswechsel rechnete etwa das Kieler Institut für Weltwirtschaft für 2006 noch mit nur 1,5 Prozent Wachstum für dieses Jahr, das Institut für Wirtschaftsforschung Halle sagte 1,7 Prozent voraus.

Auch bezüglich der Binnennachfrage gaben sich die Umfrage-Teilnehmer zu pessimistisch. 68,9 Prozent erwarteten eine verhaltene Entwicklung der Kaufkraft, rund 20 Prozent glaubten sogar, die Deutschen würden noch knickriger. Weit gefehlt: Vor allem zum Jahresende trugen die Deutschen so viel Geld in die Läden wie lange nicht mehr. Der Konsumklimaindex der Gesellschaft für Konsumforschung etwa stieg im November mit 9,2 Punkten auf einem Fünf-Jahres-Hoch. Hintergrund der plötzlichen Einkaufslust ist allerdings vor allem die anstehende Mehrwertsteuererhöhung im Januar. Da wurden Experten zufolge ziemlich viele Großanschaffungen vorgezogen, die ohne Steuererhöhung erst nächstes oder übernächstes Jahr dran gewesen wären.

Über 1,30 Dollar ist der Euro Chart zeigen zurzeit wert. So viel hatten der Gemeinschaftswährung nur 15,1 Prozent der Leser zugetraut. Fast ein Drittel hatte auf einen Euro-Dollar-Kurs von 1,20 bis 1,24 getippt. 26,5 Prozent rechneten mit 1,25 bis 1,30 Dollar. Rund 28,9 Prozent sahen den Euro sogar unter die 1,20-Dollar-Grenze abrutschen.

Dass der Dax Chart zeigen Ende des Jahres die 6600-Punkte-Marke knacken würde, lag ebenfalls jenseits der Vorstellungskraft vieler Leser. Nur zehn Prozent trauten dem Index einen Wert von über 6300 Punkte zu. Kein Wunder, Ende 2005 bewegte sich der Index etwa bei 5400 Punkten. 33,5 Prozent der Hobby-Ökonomen und damit die Mehrheit sagten voraus, dass der Leitindex Ende dieses Jahres zwischen 5700 und 5999 Punkten betragen würde.

Richtiger lagen die Umfrage-Teilnehmer beim Thema Ölpreis. Rund 40,6 Prozent der Befragten hatten erklärt, dass der Preis für ein Barrel (159 Liter) sich dieses Jahr zwischen 60 und 70 Euro Dollar einpendeln werde. Tatsächlich kostet ein Fass Öl zurzeit rund 60 Dollar. Zwischenzeitlich sah es 2006 allerdings ganz nach einem Ölpreisschock aus. Im Juli stieg der Preis auf über 78 Dollar - die Raketenangriffe von Israel auf Libanon, die Spannungen wegen des Atomprogramms Irans und die damals gerade anstehende Hurrikan-Saison in den USA machten den Händlern Sorge.

Beim Thema Inflation tippte immerhin mehr als ein Drittel der Leser richtig. Rund 35 Prozent schätzten, die Preissteigerungsrate werde zwischen 1,5 und 1,9 Prozent liegen. 28,5 Prozent der Umfrage-Teilnehmer glaubten an einen Wert zwischen zwei und 2,1 Prozent, rund 29,4 Prozent warnten sogar vor über 2,1 Prozent. Nach ersten Schätzungen des Statistischen Bundesamtes sind es tatsächlich 1,7 Prozent gewesen - womit die Teuerungsrate erstmals seit drei Jahren wieder gesunken ist.



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