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Ökonom Bofinger zu hohen Energiepreisen »Putin ist derzeit der beste Klimaschützer«

Ökonom Peter Bofinger ruft die künftige Bundesregierung auf, den CO₂-Preis vorerst nicht weiter zu erhöhen. Sein Argument: Die ohnehin hohen Energiekosten schaffen genug Anreiz, Öl und Benzin einzusparen.
aus DER SPIEGEL 49/2021
Öl- und Gasfeld in Westsibirien

Öl- und Gasfeld in Westsibirien

Foto: Gazpromneft / Itar Tass / IMAGO

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Zur Person
Foto: © Tobias Schwarz / Reuters/ REUTERS

Peter Bofinger (Jahrgang 1954) gehörte von März 2004 bis Ende Februar 2019 dem Gremium der fünf Wirtschaftsweisen an. Er hat Volkswirtschaftslehre in Saarbrücken studiert und promovierte dort 1984. Seit 1992 ist er Professor an der Universität Würzburg.

SPIEGEL: Herr Bofinger, die Energiepreise sind auf einem Rekordhoch. Ab Januar soll die CO₂-Abgabe auf 30 Euro pro Tonne CO₂ steigen. Ein richtiger Schritt?

Bofinger: Nein! Für die Verbraucher sind die Preise für Benzin schon jetzt so hoch, als würde man gegenüber 2019 einen Zuschlag von etwa 75 Euro pro Tonne CO₂ erheben. Die hohen Ölpreise schaffen massive Anreize für Verbraucher, Öl und Benzin einzusparen. Wladimir Putin und das Opec-Kartell sind mit ihrer Preispolitik, ohne das zu wollen, derzeit die besten Klimaschützer.

SPIEGEL: Wäre die neue Regierung glaubwürdig, wenn sie ihre Pläne für den CO₂ -Preis so schnell ändert?

Bofinger: Allerdings. Keine Regierung würde es wagen, einen CO₂ -Preis von 75 Euro zu fordern, obwohl das für das Klima ideal wäre. Für den Verbraucher zählt nur der Endpreis …

SPIEGEL: … der durch die Erhöhung der CO₂ -Abgabe weiter steigen dürfte.

Bofinger: Es ist aktuell klimapolitisch gar nicht nötig, die CO₂-Abgabe zu erhöhen. Zudem würde man damit die Inflation weiter anheizen. Man sollte die Erhöhung nachholen, wenn die Preise auf dem Weltmarkt wieder sinken. Bis dahin sollte die Regierung abwarten und die Ärmeren in Form von Heizkostenzu­schüssen un­terstützen. Finanziert werden könnte das mit den zusätzlichen Mehrwertsteuern, die durch die hohen Energiepreise reinkommen.

SPIEGEL: Weltmarktpreise ändern sich ständig. Wie soll die Politik reagieren?

Bofinger: Feste CO₂-Abgaben ergeben keinen Sinn, weil der Basispreis für Rohöl ein Kartellpreis ist. Sollten die Weltmarktpreise in Zukunft deutlich sinken, könnte man das durch eine flexible CO₂-Abgabe so kompensieren, dass die Verbraucherpreise zumindest konstant bleiben. Die erzielten Einnahmen könnte man den Verbrauchern über Steuerschecks zurückgeben.

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