Pfleger-Notstand "Wenn zwei stürzen, bleibt einer liegen"

Seit 1995 haben Klinikmanager Zehntausende Pflegestellen gestrichen – schon heute führt der Stress nach Überzeugung von Fachleuten zu vielen tödlichen Fehlern. Die Zukunft der Pflege könnte noch düsterer aussehen.

München - Christian Schirmer* sieht zu Boden, als suche er dort nach der Antwort - auch wenn er die Frage, warum er das eigentlich alles noch macht, sicher schon oft gehört hat. "Pflege kann viel für die Patienten leisten", sagt er dann mit hörbarem Zweifel in der Stimme. "Aber immer häufiger bleibt das nur ein frommer Wunsch."

Viel hat sich im Krankenhausalltag verändert, seit Schirmer vor 25 Jahren seine Ausbildung beendete. Das in Altenheimen längst alltägliche Prinzip "satt, sauber und fertig", so kritisiert er, gelte zunehmend auch im Krankenhaus. "Wir sind zu Case-Managern geworden, die Fallpauschalen verwalten", sagt der Mann, Mitte 40, in nüchternem Tonfall.

Schirmer arbeitet in einem Krankenhaus im Großraum München und betreut vor allem Schlaganfall- und Diabetespatienten. Doch für eine Versorgung, die auch den Heilungsprozess fördert, fehlt regelmäßig die Zeit. "Sogar Selbstverständlichkeiten, etwa Patienten aufzurichten, so dass sie im Sitzen essen können, bleiben da auf der Strecke", sagt er. Auch Fitnessübungen mit den Kranken seien kaum mehr möglich.

Weiterer Stellenabbau absehbar

Der Pfleger ist keiner, der einfach jammert, das belegen die Zahlen: 50.000 Pflegestellen bauten deutsche Krankenhausmanager nach Statistiken des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (dip) seit Mitte der neunziger Jahre ab. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Patienten kontinuierlich an. Inzwischen werden in den Kliniken jährlich rund eine Million Patienten mehr versorgt als noch in den neunziger Jahren. Im Schnitt entlässt das deutsche Pflegepersonal laut einer McKinsey-Studie pro Person und Jahr 52 Patienten, in Frankreich sind es 31 und in den Niederlanden gerade einmal 14. Nur in Österreich ist das Zahlenverhältnis ähnlich ungünstig wie hierzulande.

Die Aussicht, dass sich die Lage entspannt, ist gleich Null: Mehr als ein Drittel der deutschen Krankenhäuser gab bei einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts im vergangenen Herbst an, auch weiter Stellen streichen zu wollen. Noch versorgen auf Schirmers Station nachts zwei Schwestern die mehr als 40 Schwerstkranken – doch in naher Zukunft soll eine Stelle wegfallen. "Wenn dann zwei Notfälle auf einmal sind, könnte das lebensbedrohliche Folgen haben", kritisiert Schirmer. Dann macht er eine einfach Rechnung auf: Stürzen zwei Patienten, bleibt einer erst einmal liegen. Bereits jetzt sei die Belastung der Mitarbeiter "extrem hoch". Weil der Anteil an Hilfskräften gestiegen sei, passierten zudem öfter als früher Fehler bei der medizinischen Behandlung.

Bei Ver.di häufen sich seit einiger Zeit Berichte besorgter Krankenhausmitarbeiter. "Die Zahl der Fälle, in denen Schwestern und Pfleger falsche Medikamente oder Fehlspritzungen verabreichen, nimmt zu", sagt Ver.di-Sprecher Jan Jurczyk im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Viele Pfleger hätten Angst, irgendwann könnte ein stressbedingter Fehler tödliche Folgen haben, so der Gewerkschafter.

Die Sorgen der Gewerkschafter bestätigt auch eine repräsentative Studie des dip. Danach gab nur ein Viertel der von den Forschern befragten Einrichtungen an, eine "engmaschige Kontrolle von Patienten, etwa nach einem operativen Eingriff, jederzeit gewährleisten zu können". "Der Pflegenotstand hat tödliche Folgen", sagte Untersuchungsleiter Frank Weidner zu SPIEGEL ONLINE. Bei nächtlichen Schlaganfällen und Herzinfarkten sei in manchen Kliniken nicht zu jeder Zeit kompetentes Personal für eine Sofortversorgung verfügbar. Wie viele Todesfälle auf die Misere zurückzuführen seien, darüber gebe es allerdings keine Erkenntnisse, weil nur die wenigsten untersucht würden.

Fallpauschalen führen zur Überlastung

Nach Überzeugung von Marie-Luise Müller, Präsidentin des Deutschen Pflegerates, hat sich die Lage in erster Linie nach der Einführung des Fallpauschalensystems im Jahr 2003 erheblich verschlechtert. Die strikte Deckelung der Krankenhausausgaben durch den Staat habe zu einer "massiven Unterversorgung mit – zumindest in Einzelfällen – lebensbedrohlichen Folgen" geführt. Ihr Resümee: "Die Überlastung der Pflegekräfte gefährdet die Patientensicherheit."

Aber auch Patienten mit nicht lebensbedrohlichen Krankheiten sind betroffen: Gut drei Viertel der 2007 vom dip befragten Krankenhäuser gaben an, dass Patienten manchmal länger als 15 Minuten auf eine notwendige Verabreichung von Schmerzmitteln warten müssen. Ein Drittel der Einrichtungen räumte ein, operierte Patienten nicht in dem notwendigen Maße durch Mobilisation fit machen zu können - eine direkte Folge des massiven Stellenabbaus.

Tarifrunde mit Sprengkraft

Durch die zu erwartenden Tarifsteigerungen für Ärzte und Krankenschwestern werde sich die Situation verschärfen, fügt Weidner hinzu. "Der Pflege-Exodus in deutschen Krankenhäusern geht weiter." Dabei dürfen die Krankenhäuser nach dem Willen des Gesetzgebers in diesem Jahr ihr Budget um gerade einmal 0,64 Prozent erhöhen.

Vor allem staatliche Kliniken stehen damit vor großen Problemen: Der Marburger Bund verlangt für die kommunalen Klinikärzte durchschnittliche Gehaltserhöhungen von rund zehn Prozent und eine umgehende Angleichung der Ostgehälter an das Westniveau. Zugleich fordert Ver.di eine Steigerung von acht Prozent für das restliche Krankenhauspersonal. Setzen sich die Gewerkschaften mit ihren Gehaltsforderungen durch, droht den Kliniken laut einer Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) für 2008 ein Defizit von bis zu 2,2 Milliarden Euro. Eine Summe, die reichen würde, um 40.000 Klinikärzte oder 66.000 Pflegekräfte zu bezahlen.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sieht schon jetzt viele Kliniken am Rande ihrer Leistungsfähigkeit. So rechnet etwa Bruno Wirnitzer, Personalchef der Münchner Stadtkliniken, vor, dass in den städtischen Krankenhäusern schon jetzt fast 70 Prozent des Budgets für Personalkosten verwendet würden. "Wenn die Abschlüsse zu hoch sind, wird das dazu führen, dass frei werdende Pflegerstellen nicht besetzt werden", sagt Wirnitzer.

Bei Ver.di kennt man dieses Dilemma. Doch sieht Gewerkschaftssprecher Jurczyk angesichts der schlechten Bezahlung der Pfleger wenig Spielraum. Rund 1200 Euro netto im Monat verdient eine unverheiratete Krankenschwester laut dem geltenden Tarifvertrag als Einstiegsgehalt. Auch Weidner sieht das Problem viel weniger in den Forderungen der schlecht bezahlten Mitarbeiter. Vielmehr seien im deutschen Medizinsystem die Kliniken weit stärker vom Sparzwang betroffen als andere Bereiche - kirchliche Kliniken ebenso wie staatliche oder private.

Auf dieses Argument stützen sich auch Ver.di und die Deutsche Krankenhausgesellschaft, wenn sie ein Abrücken von der Deckelung fordern. Darauf hofft auch Pfleger Schirmer. "Eine menschenwürdige Pflege gibt es eben nicht zum Nulltarif", sagt er.

(*) Name geändert.

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