Vatikanbank "In solche Abgründe habe ich noch nie geblickt"

Anonyme Nummernkonten, Verschwörung, schmutzige Geschäfte: Die Aufzeichnungen von Spitzenbanker Philippe de Weck offenbaren, wie korrupt es in der Vatikanbank zuging - und wie mancher um sein Leben fürchten musste.
Petersdom: "Es handelt sich um eine Verschwörung"

Petersdom: "Es handelt sich um eine Verschwörung"

Foto: JOHANNES EISELE/ AFP

Robert Holzach wählte eine höfliche Anrede. "Mein lieber Herr de Weck", begann er. Doch der Brief, den der Chef der Schweizer Großbank UBS seinem Amtsvorgänger schrieb, hatte es in sich. Er wolle "nicht verhehlen, dass mich der Stand der Dinge und die möglichen Entwicklungen mit etwelcher Sorge erfüllen". Wie groß seine Sorge war, enthüllte er ein paar Zeilen weiter. "Ihr persönliches Prestige, darüber hinaus aber auch Ihre physische Existenz sind im beträchtlichen Maße exponiert."

Mit anderen Worten: Holzach warnte den Adressaten, sein Leben sei in Gefahr. Es mag schon außergewöhnlich klingen, dass ein Bankchef den anderen vor Attacken auf Ruf und Leben warnt. Tatsächlich überraschend aber ist der Grund für Holzachs Besorgnis, die er im Juli 1982 festhielt: der Empfänger der Zeilen, der langjährige UBS-Chef Philippe de Weck, hatte kurz zuvor ein Beratungsmandat im Vatikan angenommen. Zusammen mit anderen weltlichen Finanzexperten sollte er helfen, die Vatikanbank aus der Klemme zu holen.

Wenige Wochen zuvor war eine der größten Banken Italiens, die Mailänder Bank Ambrosiano, unter tatkräftiger Mithilfe der Vatikanbank zusammengebrochen. Banco-Ambrosiano-Präsident Roberto Calvi war erhängt, mit Geldscheinen und Bauschutt in den Taschen, unter einer Brücke in London aufgefunden worden.

Dem Vatikan drohten Forderungen von mehr als 1,3 Milliarden Euro wegen seiner Beteiligung an dem Bankencrash - und nun rief er nach Hilfe. Neben de Weck engagierte er den legendären Ex-Chef der Deutschen Bank Hermann Josef Abs und zwei weitere Finanzexperten als Berater. De Weck hielt seine Erinnerungen an die Zeit im Dienst der Vatikanbank schriftlich fest - sie erlauben einen tiefen Einblick in die Methoden des päpstlichen Geldhauses.

De Weck empfand sein Engagement für den Heiligen Stuhl "ohne zu viel Bescheidenheit" als "mutige Tat". Aber er nahm Holzachs Warnung durchaus ernst. Wenn er sich in Rom zu Beratungen über die Vatikanbank aufhielt, schlief er jedes Mal in einem anderen Hotel.

An hochkomplexen Manipulationen beteiligt

Der gläubige Katholik hegte auch sonst einen tiefen Argwohn gegenüber den Kirchenmännern und vor allem gegenüber ihren Geldmanagern. Über Mitarbeiter, die der Vatikan seinen weltlichen Beratern an die Seite gestellt hatte, schrieb er lobend, sie hätten zuvor nichts mit der Vatikanbank zu tun gehabt. "Sie misstrauten ihr als, wäre sie die Pest", hielt er weiter fest.

Offenbar zu Recht: Schnell fanden de Weck und seine Kollegen heraus, dass die Vatikanbank seit zehn Jahren über Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen von Liechtenstein bis Panama an umfangreichen, hochkomplexen Manipulationen zu Lasten der Bank Ambrosiano und deren Kunden und Kreditgebern in Milliardenhöhe beteiligt war. In einer Stellungnahme für den Kardinalstaatssekretär sprach de Weck vom "aktuellen Desaster".

Es ging nur noch um Schadensbegrenzung - und einen Neuanfang. Die externen Berater empfahlen einen Vergleich mit dem Zwangsverwalter der Bank Ambrosiano. Schon einen Monat nach Amtsantritt forderte de Weck zudem gemeinsam mit einem Kollegen den Rauswurf von Erzbischof Paul Marcinkus, dem mächtigen Chef der Vatikanbank. Sie seien "nicht der Meinung, dass die gegenwärtig autorisierten Angestellten angemessen und ausreichend qualifiziert" seien. Man solle die "verantwortlichen Personen zum nächstmöglichen Zeitpunkt ersetzen".

Allein der Vatikan dachte gar nicht daran. Er schützte Erzbischof Marcinkus unter Berufung auf die strafrechtliche Immunität vatikanischer Würdenträger vor einem Strafprozess in Italien und ließ ihn weitere sieben Jahre im Amt.

Den Gläubigern der Bank Ambrosiano überließ die Vatikanbank 242 Millionen Dollar - ausdrücklich unter dem Verweis, damit sei kein Schuldeingeständnis verbunden. Das Geld dafür hatte sie unter anderem, weil de Weck für sie den Verkauf einer kleinen Schweizer Bank einfädelte - an de Wecks Ex-Arbeitgeber, die UBS.

De Weck schloss sein Mandat ein wenig verärgert ab. Darüber, dass es dem Vatikan gelungen war, die Verantwortlichen für die Manipulationen bei der Vatikanbank vor der Strafverfolgung zu schützen. Das sei "weniger brilliant", notierte er. "Sie hätten eine Verurteilung mehr als verdient gehabt."

Auch de Wecks Co-Berater machten sich keine Illusionen über die Zustände bei der Vatikanbank. Joseph Brennan, ein Mitglied der fünfköpfigen Truppe sagte immer wieder über die Machenschaften dort: "Es handelt sich um eine Verschwörung." Der Ex-Chef der Deutschen Bank, Hermann-Josef Abs wurde gegenüber einem Vertrauten sogar noch deutlicher. "Ich habe in meinem Leben schon viel erlebt", sagte er demnach, "aber in Abgründe, wie ich sie bei der Vatikanbank gesehen habe, habe ich noch nie geblickt."

De Weck allerdings konnte von dem Institut nicht lassen. Als Marcinkus 1989 gehen musste, ließ er sich zum stellvertretenden Aufsichtsratschef wählen - nur um erneut schockiert zu sein. Die Bank hatte keine funktionierende EDV und ihre Jahresabschlüsse wurden nicht nach international anerkannten Standards geprüft.

Weiter kam ans Licht, dass das päpstliche Geldhaus ohne behördliche Genehmigung Bankgeschäfte in den USA betrieb und einem Einkaufszentrum in Arizona mehr als 20 Millionen Dollar geliehen hatte. Davon ließen sich nur noch acht Millionen wieder eintreiben.

Auch die neu gewählten Aufsichtsräte - allesamt weltliche Finanzfachleute - misstrauten der Vatikanbank zutiefst. Den Prälaten der Bank nannte de Weck "das Auge Moskaus" - um sich ohne ihn besprechen zu können trafen sich die Aufsichtsräte der Vatikanbank an den Vorabenden ihrer Sitzungen stets heimlich.

Stiftungskonten gehörten Politikern und Industriellen

Das Misstrauen war berechtigt - wie eine Überprüfung der Konten angeblich wohltätiger Stiftungen bei der Vatikanbank ans Licht brachte. Der Prälat hatte für die italienische Industriellen-Familie Feruzzi mehrere Konten auf angeblich wohltätige Stiftungen eingerichtet, über die die Wirtschaftsmagnaten dann Millionen an Schmiergeldern in Italiens Politik und Verwaltung verteilten. Ein weiteres, scheinbar einer Stiftung zugehöriges Konto, so fanden die Aufsichtsräte heraus, gehörte in Wahrheit dem langjährigen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti. Auch über dieses Konto liefen Millionenbeträge.

Die Stiftungskonten hätten nichts mit wohltätigen Stiftungen gemein, konstatierte daraufhin ein interner Prüfbericht. Vielmehr seien sie etwas, was in anderen Staaten als "anonyme Nummernkonten" bekannt sei.

Der Aufsichtsrat "ging in die Luft", berichtet de Weck aus dieser Zeit. Diesmal allerdings musste der betroffene Prälat gehen. Aber nicht ohne, dass der Aufsichtsrat ihm noch eine kleine Spende für sein "wohltätiges Werk" zukommen ließ.

Schon früh, schreibt de Weck in seinen Erinnerungen, habe er verstanden, "dass im Vatikan nichts so ist wie woanders."

Er überstand seine Zeit bei der Vatikanbank unversehrt. Doch Sorge um ihr Leben hatten auch andere Manager des Instituts. Ettore Gotti Tedeschi, bis 2012 Chef der Vatikanbank, hinterließ seiner Sekretärin wenige Wochen vor seinem Rauswurf ein umfangreiches Dossier mit sensiblen Informationen mit einer Anweisung: Sie solle es an vier Vertraute schicken, falls ihm etwas zustoße.

Als kurz darauf italienische Staatsanwälte vor seinem Haus standen, soll er geglaubt haben, es handele sich um ein Killerkommando.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Gottes schwarze Kasse. Der Papst und die zwielichtigen Geschäfte der Vatikanbank" von SPIEGEL-Redakteur Fidelius Schmid.