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AUTOINDUSTRIE Piëchs Planspiel

Kurswechsel bei BMW: Der neue Chef will die Plattformstrategie von Volkswagen auch in München einführen. Konkurrent VW würde BMW am liebsten übernehmen.
aus DER SPIEGEL 7/1999

So freundlich und zurückhaltend hat sich VW-Chef Ferdinand Piëch selten über den Konkurrenten BMW geäußert. Er wolle zur möglichen Übernahme oder Beteiligungsplänen an dem angeschlagenen Münchner Autobauer »lieber nichts sagen, damit nicht noch mehr Unruhe in das Thema kommt«.

Heimlich aber läßt der VW-Vorsitzende derzeit prüfen, wie eine Verbindung der beiden Konzerne doch noch zustande kommen könnte. VW hat die Investmentbank Morgan Stanley beauftragt, Modelle für eine mögliche Beteiligung an BMW auszuarbeiten.

Das detaillierteste Modell sieht vor, daß BMW und die VW-Tochter Audi mit einem Aktientausch eine wechselseitige Kapitalbeteiligung von bis zu 24,9 Prozent erreichen. BMW gehört dann ein Stück Audi, Audi besitzt ein Stück BMW. Die Audi-Anteile sind derzeit an der Börse weniger als ein Zehntel wert wie die von BMW. Deshalb würde VW einen Ausgleich an BMW zahlen. Vor allem aber: Der VW-Konzern würde von BMW die Personenwagenproduktion von Rover übernehmen, den schwierigen Sanierungsfall.

Die Wolfsburger könnten den britischen Hersteller ähnlich wie die VW-Töchter Seat und Skoda kostengünstig mit Plattformen, bestehend aus Motoren, Achsen, Getrieben und der Fahrzeugelektronik, versorgen, auf denen Rover dann eigene Kompaktklassemodelle aufbaut.

Und was sagen die Hauptaktionäre von BMW, Johanna Quandt und ihre beiden Kinder Stefan Quandt und Susanne Klatten, zu den erneuten Avancen aus Wolfsburg? Sie lassen dementieren, wie schon so oft in den letzten Monaten: Sie dächten nicht an einen Verkauf.

Es muß sie maßlos ärgern, daß ihre wichtigste Unternehmensbeteiligung in der Branche als Übernahmekandidat gehandelt wird. Die Führungsmannschaft wird zusätzlich verunsichert, das Image der Marke BMW droht Schaden zu nehmen. Doch in der Automobilindustrie geht es derzeit zu wie in einem Haifischbecken: Sobald ein Fisch Schwäche zeigt, umkreisen die Raubfische das potentielle Opfer.

BMW war bereits angeschlagen durch die 1998er Verluste von über 1,6 Milliarden Mark bei Rover. Nachdem Aufsichtsratschef Eberhard von Kuenheim in einer chaotischen Aufsichtsratssitzung am vorvergangenen Freitag auch noch die beiden führenden Manager, Bernd Pischetsrieder und Wolfgang Reitzle, aus dem Unternehmen gedrängt hat, wittern die Konkurrenten Blut: DaimlerChrysler-Chef Robert Eaton prophezeit, daß schon bald »die ersten Angebote eintreffen«.

Neben VW gelten auch Ford und Fiat als Interessenten. Doch sie alle müssen sich erst mal mit einer Familie einigen, die seit Jahrzehnten in eiserner Treue an BMW festgehalten hat.

Seit drei Generationen sind die Quandts an BMW beteiligt. Derzeit halten Johanna Quandt und ihre beiden Kinder Stefan Quandt und Susanne Klatten 46,6 Prozent der Aktien im Wert von 17 Milliarden Mark. Stefan und Susanne, beide studierte Ökonomen, vertreten die Familie im Aufsichtsrat.

Sie betrachten ihr Investment nicht nur als Renditequelle. Auf der letzten Sitzung beteuerte Stefan Quandt, der »Börsenwert ist ein reiner Papierwert«, wenn die Familie »nur spekulieren wollte, dann säßen wir nicht hier im Aufsichtsrat«.

Doch die Quandt-Erben sehen ihr Unternehmen in Gefahr. Und sie halten sich nicht mehr vornehm zurück wie ihre Mutter, die den Familienstamm zuvor im Aufsichtsrat vertrat. Die jungen Quandts drängten auf die vorzeitige Ablösung des Vorstandsvorsitzenden, ein einmaliger Vorgang in der jüngeren BMW-Geschichte.

Branchenkennern ist klar: In den nächsten beiden Jahren entscheidet sich die Zukunft von BMW. Nach Jahrzehnten des Erfolgs steht erstmals wieder die Existenz von BMW als selbständigem Unternehmen auf dem Spiel. Entscheidend ist, ob die Marke BMW mit ihren Gewinnen weiterhin die Milliardenverluste bei Rover ausgleichen kann.

Daniel T. Jones, Autor des Bestsellers »The machine that changed the world«, verriet der »Zeit«, er sei bereit zu wetten, daß sich der Wunsch Piëchs nach einer Überkreuzbeteiligung mit BMW schon bald erfülle. Und auch im BMW-Aufsichtsrat glauben nicht mehr alle an eine Zukunft in Selbständigkeit. Ein Kontrolleur: »Das wird jetzt eine sehr kritische Phase.«

In den Jahren 1999 und 2000 wird Rover internen Finanzplänen zufolge Verluste von zusammen knapp vier Milliarden Mark einfahren. Weiter belastet wird BMW durch das Triebwerksgeschäft, das 1998 einen Verlust von rund 300 Millionen hinnehmen mußte. Und auf die Marke BMW, die mit ihren Rekordgewinnen bislang die beiden kranken Schwestern mitfinanzierte, kommen schwere Zeiten zu.

Dank steigender Absatzzahlen der 3er-Reihe will BMW 1999 zwar wieder 700 000 Autos verkaufen. Doch die Produktion der 5er- und 7er-Reihe, die bisher für das Gros der Gewinne sorgt, muß gedrosselt werden. Nachdem DaimlerChrysler die neue S-Klasse anbietet, rechnet BMW beim 7er nur noch mit einem Absatz von 41 000 Fahrzeugen, minus 15 Prozent gegenüber dem vergangenen Jahr.

Überraschungschef Joachim Milberg verkündete am Montag nach seiner Ernennung vor den obersten Führungskräften, daß alles, was unter Pischetsrieder beschlossen wurde, weiterhin gilt. Doch in Wahrheit will Milberg eine andere Strategie verfolgen, die in vielem auf dem Sanierungsplan basiert, den Reitzle entwickelt hat.

Es soll künftig nicht mehr zwei getrennte Vertriebsnetze für BMW und Rover geben, sondern nur noch eines. Im Idealfall sollen große Händler einen Schauraum für die Marke BMW, einen für Rover und einen weiteren für die Geländewagen von Landrover aufbauen. Der Vorteil sind große Rationalisierungseffekte, wenn von der Buchhaltung bis zur Ersatzteilbeschaffung alles in einer Hand liegt.

Milberg ändert auch die Pläne für die künftige Modellpolitik. Pischetsrieder wollte für knapp vier Milliarden Mark zwei Kompaktklassemodelle für Rover entwickeln. Ein Projekt, dem kaum einer eine Chance gab, und das zum Sturz des BMW-Vorsitzenden entscheidend beitrug.

Der neue BMW-Vorsitzende will ähnlich wie VW auf einer gemeinsamen Plattform mehrere Modelle bauen: einen Rover, einen kleinen 2er BMW, einen MG und einen größeren Mini. Dadurch soll der Konzern die nötige Verkaufszahl von insgesamt rund 500 000 Fahrzeugen in dieser Klasse erreichen.

Die Entwicklung dieser Fahrzeuge wird zu einem Wettlauf mit der Zeit. Die Modelle können erst 2003 auf den Markt kommen. Doch die Absatzzahlen für die derzeit angebotenen Kleinwagen Rover 200 und Rover 400 brechen bereits jetzt ein.

Der BMW-Vorsitzende, ein Produktionsexperte, weiß kaum, wo er zuerst anpacken soll. Dabei machen es ihm seine Kollegen nicht gerade leichter. Einige BMW-Manager beginnen bereits mit seiner Demontage.

Der Professor wird als durchsetzungsschwach beschrieben. Das Angebot, BMW-Chef zu werden, nahm er nicht gleich an. Milberg telefonierte erst mal mit seiner Frau darüber. Das erste Etikett, das dem neuen BMW-Vorsitzenden aufgeklebt werden soll, ist klar: Milberg sei Zauderer, kein Zupacker. Und überdies ist er bereits 55 Jahre alt. Da bei BMW eine Altersgrenze für Vorstände von 60 Jahren gilt, kann Milberg nur noch überschaubare Zeit wirken. Zweites Etikett: Der Mann sei ein Übergangskandidat.

Beides ist möglicherweise ungerecht. Betriebsratschef Manfred Schoch, der Milbergs Ernennung mit durchdrückte, hat ihn in den Verhandlungen als »nett und freundlich«, zugleich aber auch als »knochenharten Hund« erlebt. So habe der neue BMW-Vorsitzende beispielsweise die Produktion von Kabelbäumen nach Ungarn verlegen lassen.

Daß der BMW-Vorsitzende dennoch ein Akzeptanzproblem in der Führungsmannschaft hat, liegt auch an der chaotischen Form seiner Ernennung. Milberg muß als dritte Wahl gelten, weil Aufsichtsratschef Kuenheim als Alternative zum Kandidaten Reitzle auch noch den Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, den einstigen Mercedes-Vorsitzenden Helmut Werner und Dasa-Chef Manfred Bischoff ins Kalkül zog.

Die Übernahmeinteressenten von BMW wollen das Durcheinander in München auf ihre Weise nutzen. VW-Vorsitzender Piëch ist an einer Verpflichtung Reitzles interessiert: Der Ex-BMW-Entwickler soll die Oberklassemarken des Konzerns, Audi, Lamborghini, Bentley und Bugatti, führen. Dem bisherigen Audi-Vorsitzenden Franz-Josef Paefgen würde Piëch dann einen anderen Posten im Konzern anbieten.

Auch Ford-Chef Jack Nasser, der ebenfalls gern eine Beteiligung an BMW erwerben würde, hat Reitzle ein Angebot unterbreitet. Der BMW-Manager würde demnach Europa-Chef des zweitgrößten Autokonzerns der Welt werden und müßte dann vor allem die Marken Volvo und Jaguar in der Oberklasse etablieren.

Wenig Sorgen um die Zukunft muß sich auch Pischetsrieder machen. Sein Vertrag wurde erst im vergangenen Jahr um fünf Jahre verlängert. Ihm steht eine Abfindung von bis zu 15 Millionen Mark zu.

Im BMW-Konzern dagegen spitzen sich die Probleme weiter zu. Der Verkaufsstart des neuen Rover 75, der für zwei Milliarden Mark entwickelt wurde, muß wegen Qualitätsmängeln von März auf Juni dieses Jahres verschoben werden.

BMW-Vorsitzender Milberg versuchte mittlerweile, die Belegschaft des Rover-Werks Longbridge zu beruhigen. An eine Schließung der Fabrik mit ihren 14 000 Arbeitsplätzen ist auch unter seiner Führung nicht gedacht, sagte er Arbeitnehmervertretern. An einem starken Stellenabbau in Longbridge aber wird auch Milberg nicht umhinkommen.

Ein besorgter britischer Premierminister Tony Blair fragte am Rande der Beerdigung von Jordaniens König Hussein sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder, ob die deutsche Regierung Unterstützung bieten könne.

Nur einer, der das Desaster mitzuverantworten hat, läßt sich dadurch offenbar nicht irritieren: BMW-Aufsichtsratsvorsitzender Kuenheim. Er flog am Tag nach der Aufsichtsratssitzung erst mal für zwei Wochen in den Urlaub nach Übersee. DIETMAR HAWRANEK

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