Pipeline-Sperrung Ein Mann, der mit einem Knopfdruck Weltpolitik machte

Als der Ölstrom von Weißrussland nach Europa versiegte, war es Alexander Potapow, der die Pumpen anhielt - als letztes Glied in der Befehlskette von Moskau bis in die Kleinstadt Nowosybkow an der russisch-weißrussischen Grenze.
Von Wladimir Pyljow und Matthias Schepp

Alexander Potapow hat müde und gutmütige Augen. "Ich habe drei Nächte fast nicht geschlafen, so hat mich das alles aufgeregt. Eine Tragödie", seufzt der Chef der letzten Pumpstation des russischen Pipeline-Monopolisten Transneft vor der Grenze nach Weißrussland. Der stämmige Ingenieur befiehlt über 42 Ingenieure, Schlosser, Techniker, mit Maschinenpistolen ausgerüstete Wachsoldaten und den Schäferhund Donau. Dünne Birken und Tannen säumen die schmale Zufahrtsstraße, das Gras in der sumpfigen Landschaft ist noch immer grün, weil der Winter in diesem Jahr auch hier nicht kommen will.

Zwischen Russland aber und Weißrussland, dem einstigen Bündnispartner, ist eine Eiszeit angebrochen so wie zwischen Moskau und dem übrigen Europa. Der russisch-weißrussische Bruderkrieg ums Öl hat den europäischen Regierungen aufs Neue vor Augen geführt, dass Moskau die vertragsgemäße Versorgung seiner Kunden im Westen zumindest für ein paar Tage hinten anstellt, wenn es gilt, die eigenen nationalen Interessen durchzusetzen. So ist Nowosybkow, eine 40.000-Menschen-Plattenbau-Stadt, plötzlich zu der Ehre gekommen, am geopolitischen Spiel um Rohstoffe und Einflusssphären teilzunehmen.

Rohstoffe zur Einschüchterung und Erpressung

Als Potapow um 7.57 Uhr am Montag vergangener Woche seine vier Ölpumpen anhielt, sah die "New York Times" endgültig den Beweis erbracht, dass Russlands Präsident Wladimir Putin anstelle des "Sowjetimperiums der Ideologie ein neues Imperium auf der Grundlage von Energiereserven und Pipelines errichten" wolle, ganz auf der Linie, die US-Vizepräsident Dick Cheney im vergangenen Jahr vorgegeben hatte, als er Putin vorwarf, Rohstoffe als "Mittel zur Einschüchterung und Erpressung" zu benutzen.

Russische Politiker beinahe aller Parteien hingegen sind sich einig, dass der Westen lediglich Front gegen Moskau mache, um das aufstrebende Riesenreich niederzuhalten. "Wenn wir einem Land Öl und Gas billiger verkaufen, werden wir angeklagt, es zu bestechen", schimpfte Energieminister Wiktor Khristenko. "Wenn wir zu Marktpreisen verkaufen, bezichtigt man uns der Erpressung."

Potapows Mannschaft ist der eigene Kühlschrank näher als die Weltpolitik. "Warum eigentlich sollen wir und die anderen russischen Steuerzahler die Energierechnung von Weißrussland begleichen“, fragen dort viele. Seit Jahren subventioniert der Kreml die Wirtschaft des isolierten Weißrusslands durch Öl- und Gaspreise, die rund siebzig Prozent unter dem Weltmarktniveau liegen.

Im vergangenen Jahr entgingen Moskau so Einnahmen von knapp sieben Milliarden Dollar, die es nun nutzen will, um seine immer noch rückständige Energieindustrie schnell zu modernisieren. Denn vor langer Zeit schon hat Putin die strategische Entscheidung gefällt, den Rohstoffsektor wieder unter staatliche Kontrolle zu bringen und ausländische Energiekonzerne nur als Minderheitsaktionäre zu dulden.

Die Folterwerkzeuge gezeigt

Seit Jahren hält Putin politisch die Hand über den Diktator Alexander Lukaschenko, wenn der Westen gefälschte Wahlen und Menschenrechtsverletzungen in Weißrussland kritisiert. Nun zog der russische Präsident sie jäh zurück. Er war es Leid, dass der starrköpfige Lukaschenko seinen Moskauern Geldgebern immer mehr aus dem Ruder lief. Vor allem aber ärgert es den Kreml, dass sich Weißrussland einer Wiedervereinigung widersetzt und sich selbst gegen eine stärkere Anbindung an Moskau sperrt.

Als Foto-Porträt hängt Putin über dem Schreibtisch und schaut Pumpstationschef Potapow mit festem Blick über die Schulter, ansonsten sind die Wände kahl. Der Fernseher in der Ecke lief in den Tagen der Krise pausenlos. Als die Staatssender meldeten, dass Putin und Lukaschenko den Streit in einem Telefonat entschärft hatten, brachen Potapows Leute in Jubel aus. Der Russe hatte Lukaschenko die Folterwerkzeuge gezeigt: 99 Prozent der weißrussischen Fleischexporte und 90 Prozent der Milchprodukt-Ausfuhren gehen nach Russland.

Wirtschaftsminister German Gref hatte am Tag zuvor mit der Verhängung von Wirtschaftssanktionen gegen Weißrussland gedroht. Minsk hängt von Moskau ab wie ein Diabetiker vom Insulin.

Es war 9.07 Uhr am vergangenen Donnerstag, ein grauer und verregneter Morgen, als Stationschef Potapow die vier Pumpen durch einen einfachen Knopfdruck am Computer wieder anwarf. Dann rief er seine Freunde Sergej und Wiktor auf der anderen Seite der Grenze in der weißrussischen Pumpstation in Gomel an, die er seit Sowjetzeiten kennt und die bis heute schon mal auf die Schnelle mit Ersatzteilen aushelfen.

Jedes Jahr am ersten Septemberwochenende, dem "Tag des Ölarbeiters", treffen sie sich auf der weißrussischen Seite, grillen Schaschlik, trinken Wodka und singen Lieder. Die Männer, die sich dann versammeln, wünschen sich nicht unbedingt die Sowjetunion zurück, sind aber ausnahmslos für eine Vereinigung von Russland und Weißrussland.

Die Pipeline gehört zur Familie

Potapow hatte den Telefonhörer ganz nahe am Mund. "Nun ist dieser Albtraum endlich zu Ende", sagte er. "40 Jahre lang haben wir Tag für Tag zuverlässig geliefert. Und dann das." Die Weißrussen am anderen Ende der Leitung stimmten zu. "Wir leben doch alle von dieser Pipeline", sagten sie. Potapow ging zu seiner Frau, die ein paar Türen weiter arbeitet und schmiedete Pläne für das Wochenende.

Die Pipeline ist Teil seines Lebens, gehört gleichsam zur Familie. Auch die vier Kinder werden mal bei Transneft oder in der Ölindustrie unterkommen. Es ist nicht so, dass Potapow und die Bürger von Nowosybkow keine Krisen gewohnt wären. Sie haben die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl überlebt, die meisten jedenfalls. Das Atomkraftwerk liegt gerade 170 Kilometer entfernt. Noch heute warnt der Bürgermeister wegen der Radioaktivität davor, im Wald Beeren und Pilze zu sammeln. Sie haben die Wirtschaftskrise in den neunziger Jahren überstanden und freuen sich, dass es unter Putin wirtschaftlich steil aufwärts geht.

Potapow schaute auf seine Pumpen, die das schwarze Gold nun wieder gen Westen treiben. Draußen legte der Ingenieur Wladimir Irlitiza, 41, das Ohr an die Leitung, die den schönen Namen "Druschba", Freundschaft, trägt. Nun hörte er es wieder, das sanfte Rauschen des fließenden Öls. Er lächelte zufrieden. Bis die Mienen der Politiker im Westen sich wieder aufhellen, wird es länger dauern.

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