Pipelineprojekt Putin nimmt Europa in die Zange

Die Planung für die russische Gaspipeline Nord Stream läuft – jetzt will der russische Präsident Putin eine zweite Gasleitung über Bulgarien bauen. Das torpediert nicht nur die europäische Pipeline Nabucco, sondern verstärkt Europas Abhängigkeit von russischer Energie.

Von , Moskau


Moskau - "Solche Projekte wie South Stream entsprechen den langfristigen nationalen Interessen von Russland und auch denen unserer europäischen Partner", schreibt der russische Präsident Wladimir Putin höchstselbst in einem Artikel, den bulgarische Medien anlässlich seines zweitägigen Staatsbesuchs in der bulgarischen Hauptstadt Sofia veröffentlichten. Ein Seitenhieb auf die Europäische Union, den sich der russische Präsident nicht verkneifen konnte. Streben doch mehrere Mitgliedsländer offen an, die Abhängigkeit vom russischen Gas zu verringern.

Russlands Präsident Putin: Die Europäer zaudern, die Russen schaffen Fakten
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Russlands Präsident Putin: Die Europäer zaudern, die Russen schaffen Fakten

Doch wieder einmal macht Wladimir Putin den Europäern einen dicken Strich durch die Rechnung: In Sofia verhandelt er heute und morgen über den Bau einer Pipeline, die Europa über den Balkan mit russischem Gas versorgen soll. "South Stream" heißt das Projekt – und es konkurriert unmittelbar mit dem europäischen Gemeinschaftsprojekt Nabucco. Die Pipeline mit dem klingenden Namen von Giuseppe Verdis Oper, sie soll Europa direkt mit den Gasvorkommen des Kaspischen Meeres und Zentralasiens verbinden. Russland soll dabei umgangen werden.

Doch die Europäer tun sich schwer mit der Umsetzung des auf fünf Milliarden Dollar angelegten Projektes. Nabucco existiert bislang nur auf dem Papier - zuletzt war sogar unklar, woher das Gas für die Pipeline kommen soll. Zwar gibt es eine Übereinkunft mit Aserbaidschan, Experten bezweifeln aber, dass die dortigen Vorkommen für das Großprojekt ausreichen können.

Zentralasiatische Staaten und Erdgasförderer wie Turkmenistan gehören dagegen traditionell zur russischen Einflusssphäre. Iran könnte mit seinen Gasreserven einspringen, doch eine Zusammenarbeit mit den Mullahs stößt auf politische Vorbehalte.

"Die Russen haben einen Plan und sie haben genügend Geld"

Russland hingegen macht Nägel mit Köpfen: Im Juni des vergangenen Jahres unterzeichneten Gasprom und der italienische Konzern Eni ein Abkommen über den Bau einer 900 Kilometer langen Pipeline, die unter dem Schwarzen Meer von Russland nach Bulgarien führen soll. Doch damit nicht genug – die ehrgeizigen Pläne sehen vor, dass die South Stream von dort weiter nach Italien, Österreich und Ungarn führen soll.

"Russland wird es schaffen, South Stream fest in der Europäischen Union zu verankern", glaubt Alexander Rahr, Russlandexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. "Wir haben es hier mit einer Art Energieaußenpolitik zu tun, und im Westen verschlafen wir das. Die Russen aber haben einen Plan, sie haben das Gas und sie haben genügend Geld", sagt Rahr.

Die Konkurrenz der beiden Projekte Nabucco und South Stream ist ein Spiel auf Zeit – und Russland hat die Nase vorn. Wird South Stream gebaut, wird die Röhre jedes Jahr rund 30 Milliarden Kubikmeter russisches Gas nach Europa liefern.

Putin treibt das Projekt auch deshalb voran, weil so die bisherigen Transitländer wie die Ukraine, Polen und Weißrussland umgangen werden können. "Der Korridor über die Ukraine ist nicht sicher", sagt Wiktor Gawrilow von der russischen Gubkin-Akademie für Öl und Gas. Das habe Anfang 2006 der Konflikt mit der Ukraine gezeigt. Damals stellte Russland seine Lieferungen an die Ukraine ein, weil sich beide Länder nicht auf einen höheren Gaspreis einigen konnten. Die Ukraine zapfte darauf hin Transitleitungen auf ihrem Territorium an, die gen Westen führen. "Gegenüber unseren Kunden im Westen tragen aber wir die Verantwortung", erklärt Gawrilow den offiziellen russischen Standpunkt.

Russland nimmt Europa in den Zangengriff

Auch an der nördlichen Flanke der EU treibt Russland mit Hochdruck den Bau einer neuen Pipeline voran. Nord Stream soll Russland direkt mit Deutschland verbinden, das schon heute mehr als 40 Prozent seines Gasverbrauchs mit russischen Importen deckt. Mit beiden Vorhaben nimmt Russlands Staatskonzern Gasprom Europa in den Zangengriff.

"Ich glaube, dass beide Pipelines nebeneinander existieren können und sogar müssen", sagt Alexander Rahr mit Blick auf die steigende Nachfrage nach Erdgas in Europa. Wird South Stream realisiert, müsste das also nicht zwangsläufig das Ende für Nabucco bedeuten.

Gescheitert wären dann aber die Versuche, Europa unabhängiger von russischem Gas zu machen.



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