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AEG Pistole auf die Brust

Der Elektro-Konzern hat wieder eine Woche überstanden - die aufregendste seit langem.
aus DER SPIEGEL 30/1982

So weit können die Spitzenpolitiker der Bundesrepublik gar nicht wegfahren, als daß sie die AEG los sind.

Am Mittwochmittag vergangener Woche scheuchte Werner Bruns, Leiter des Kanzlerbüros, im texanischen Houston alle Journalisten und US-Reisebegleiter von Helmut Schmidt aus dem Sitzungssaal des Hotel Warwick. Bruns wollte ungestört telephonieren.

Aus Washington meldete sich ein Beauftragter von Otto Graf Lambsdorff. Den Wirtschaftsminister, der zeitgleich mit dem Kanzler nach Amerika gefahren war, hatten alarmierende Meldungen aus der Heimat erreicht: Der AEG, seit geraumer Zeit auf der Intensivstation, drohte der plötzliche Exitus.

Dresdner-Bank-Chef Hans Friderichs hatte den Wirtschaftsminister in heller Aufregung angerufen: Bei der AEG seien spätestens am Donnerstag Wechsel über rund 100 Millionen Mark fällig. Da die Banken immer noch über eine kurzfristige AEG-Hilfe stritten, sei kein Geld da, die Papiere einzulösen.

Lambsdorff, der eine Weile sogar überlegt hatte, die US-Reise abzubrechen, konnte den Kanzler nicht erreichen. Schmidt gab gerade ein Fernseh-Interview und mußte anschließend vor 800 Texanern eine Rede halten.

Von den Bonnern alleingelassen, half Friderichs erst mal aus. In einer Blitzaktion stellte die Dresdner Bank dem Elektro-Konzern gegen Sicherheiten 60 Millionen Mark zur Verfügung; das Ende war gerade noch einmal abgebogen.

Die Kassenlage der AEG ist inzwischen derart angespannt, daß sich die Rechnungen stauen: Bezahlt wird nur noch mit Geld, das gerade eingenommen wird. Ein handelsüblicher Zahlungsverkehr ist nicht mehr möglich. Seit Donnerstag begleichen die AEG-Buchhalter ihre Rechnungen nicht mehr mit Überweisungen, statt dessen werden Schecks verschickt. Vorteil: Überweisungen werden sofort abgebucht, die Schecks erst zwei bis drei Tage später, wenn die Post das Papier bis zum Lieferanten und der es zur Bank transportiert hat.

Zu der akuten Geldnot kam für die AEG in der vergangenen Woche eine andere böse Botschaft: Der zwischen Bonn und der Dresdner Bank ausgehandelte Rettungsplan, der den Konzern wenigstens für ein paar Monate über Wasser gehalten hätte, geriet in Gefahr.

Am Montagnachmittag noch hatte der Dresdner-Bank-Vorstand Manfred Meyer-Preschany die Kollegen der Deutschen Bank, der Commerzbank und einer Reihe anderer AEG-Gläubigerbanken guten Mutes empfangen. Die Bankiers sollten jene 275 Millionen Mark Kredit billigen, die Bonn als Bedingung für die 600-Millionen-Mark-Exportbürgschaft verlangt hatte.

Nachdem ein paar freundliche Worte gewechselt waren, verteilte Meyer-Preschany ein neunseitiges Papier. Mit zunehmendem Mißmut blätterten die Herren das Schriftstück mit der Aufschrift »Global-Bürgschaftserklärung« durch. Es handelte sich um die Bedingungen, die gewiefte Taktiker aus Bonn den Bankiers für die Bundesbürgschaft aufgeschrieben hatten.

Durch das Vertragswerk hatten die Bonner Bürgschaftsgeber den Banken, so ein Sitzungsteilnehmer, »schlicht die Pistole auf die Brust gesetzt«.

Ziffer 13 des Papiers verlangte den Kreditinstituten einen Verzicht auf 260 Millionen Mark, der für Ende 1982 geplant war, sofort ab. Auch die Ziffer 13b S.25 gefiel den Bankiers nicht: Während der Laufzeit der Bürgschaft sollten sie sich verpflichten, sämtliche Kreditlinien der AEG aufrechtzuerhalten.

Die Bonner hatten zusätzlich noch dafür gesorgt, daß sich keine Bank unbemerkt davonstehlen kann. Solange noch irgendein Kredit nicht ausgenutzt sei, so stand in dem Papier, könne der Bund die Haftung aus einer notleidenden Export-Bürgschaft ablehnen.

Der größte Schock befiel die Geldgeber bei der Lektüre von Ziffer 14. Da stand geschrieben, daß die Banken auf »einen Teil von 1 750 000 000 Mark ihrer Kredite« Zinsnachlässe geben oder gar ganz verzichten sollten. Der Verzicht scheint den Bonnern vonnöten, »um die nachhaltige Gesundung des Unternehmensbereichs Haushaltsgeräte und eine Abgabe der Unterhaltungselectronic zu ermöglichen«.

Das bedeutet: Die Banken sollen nicht nur kurzfristig Geld in die AEG schießen, sondern zugleich auch verpflichtet werden, das umstrittene Sanierungs-Konzept von AEG-Chef Heinz Dürr finanziell abzusichern. »Keiner am Tisch«, so ein Teilnehmer, »konnte das akzeptieren.«

Noch am Montagabend suchten einzelne Bankiers Rat bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Treuarbeit, die an dem umstrittenen Papier mitgewirkt hatte. Ergebnis: Punkt 14 sollte gestrichen werden und statt dessen, nach bester Diplomatenart, in einem »begleitenden Übersendungsschreiben« an die Banken festgehalten werden.

Nach der seltsamen Versammlung im 30. Stockwerk der Frankfurter Dresdner-Bank-Zentrale war eines der größten Geldhäuser nicht länger zum Mitmachen zu bewegen: Für Commerzbank-Chef Walter Seipp waren die Bonner Bedingungen unannehmbar. »Wir sind nicht bereit«, sagte Seipp, »einseitig auf Forderungen zu verzichten - und das zu einem Zeitpunkt, wo das Sanierungskonzept überhaupt nicht steht.«

Verzweifelt versuchte zunächst Friderichs, den Kollegen zum Weitermachen zu überreden. Er blitzte genauso ab wie der Bonner Wirtschaftsstaatssekretär Otto Schlecht. Am Donnerstag überlegte noch Wilfried Guth, Chef der Deutschen Bank und einst Vorgesetzter von Seipp, seinen ehemaligen Generalbevollmächtigten zu beknien. Die Kollegen machten Guth schließlich klar, daß Seipp nun selbst eine Bank führe und vermutlich wisse, was er tue.

Die Wende kam dann am Freitag, die Commerzbank lenkte doch noch ein. Vorher waren zwei kosmetische Änderungen in dem Bonner Papier vereinbart worden.

Paul Lichtenberg, Aufsichtsratschef und langjähriger Vorstandssprecher der Bank, hatte es mit der Angst bekommen: Die Commerzbank sollte nicht die größte Pleite in der Geschichte der Bundesrepublik ausgelöst haben.

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