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FERNSEHEN Pistole auf die Brust

aus DER SPIEGEL 27/1950

Fast hundert Prominente aus Wirtschaft, Verkehr, Finanz und Militärregierung warteten vergeblich im fünften Stock des Hamburger Anzeiger-Hauses auf die erste öffentliche Fernsehvorführung nach dem Kriege. Punkt zehn Uhr waren die Techniker im Fernseh-Hochbunker noch sendebereit. Eine Stunde später pfiff der technische Direktor des NWDR, Dr. Werner Nestel, die Sendung ab. Er war nicht eingeladen.

Was bisher unter der Oberfläche schwelte, kam zum Ausbruch: kalter Fernsehkrieg.

Rundfunkhändler Max Augustin an Hamburgs Neuem Wall steht offen auf der anderen Seite. Trotz offizieller Warnung durch Industrie und NWDR vor Ankauf von Fernsehempfängern läßt er vier Fünftel seiner Luxusverkaufsräume einreißen und sie in Fernsehstuben, FS-Nischen und FS-Hallen umbauen.

Seine Kollegen staunten, als der liebe Augustin dann aus den USA einen nagelneuen »Sylvania«-Fernsehempfänger mit Vielplattenspieler und 29 Röhren (Preis: 3950 DM) importierte, obwohl er in Deutschland gar nicht zu gebrauchen ist. Wegen anderer Modulation, anderer Ton- und Bildfrequenz.

»Wenn die deutsche Rundfunkindustrie noch keinen einzigen FS-Empfänger auf den Markt gebracht hat und der NWDR alles tut, um die Fernsehentwicklung abzustoppen, dann sollen diese Mißstände unter dem Druck der Oeffentlichkeit abgeschafft werden«, begründet Max Augustin seine private Fernsehkampagne. Mit dem toten Sylvania-Gerät will Augustin nur Wind machen. Damit auf dem FS-Gebiete etwas geschehe. Denn das Publikum verlange schon heute FS-Programme und -Empfänger.

Diesem Verlangen müsse Rechnung getragen werden, fordert auch Friedrich Karl Kleefeld in seinem Büro des umgebauten Luftabwehr-Hochbunkers auf Hamburgs Heiligengeistfeld. Der Fernsehingenieur und Importkaufmann hat in den USA eine Firma ausfindig gemacht, die ab sofort für den FS-Empfang in Deutschland geeignete Geräte baut.

Wann die kommen, will Friedrich Karl Kleefeld noch nicht verraten. »Sonst drücken die Rundfunkindustriellen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln bei den Frankfurter Importbürokraten einen Einfuhrstop durch«, fürchtet er.

Auch sein zweites Eisen will Kleefeld noch vor den großen Fernsehfirmen aus dem Feuer ziehen. Das von Professor Kroebels elektrotechnischem Institut in Bredeneck über Preetz bei Kiel theoretisch und in Einzelexemplaren entwickelte Fernseh-Empfangsgerät soll in Schnellproduktion herausgebracht werden. Verkaufspreis: rund 3000 DM.

Kleefeld glaubt, einige Monate früher verkaufen zu können als die große Industrie, die für die Massenproduktion von jedem Schalter und jeder Schraube erst paketweise Zeichnungen anfertigen lassen muß.

Mit »Franz, gib mal den Lötkolben her, wir machen das jetzt so«, demonstriert er die Vorteile kleinerer Werkstätten in dem Wettlauf um die ersten FS-Verkäufe. »Aber die Monopolkapitalisten halten wie die Pest zusammen«, schimpft Kleefeid, obwohl er kein Kommunist ist.

Max Augustin stärkt Kleefeld finanziell den Rücken. 100000 DM Vorschuß und Abnahmegarantie von mindestens 50 Geräten monatlich hat der Rundfunk-Großhändler zugesichert. »Es gibt genug Leute, die schon mit den jetzt täglichen Probe-Fernsehsendungen des NWDR von 20 bis 22 Uhr zufrieden sind.«

Die Fernsehtechniker der Rothenbaumchaussee sind anderer Meinung.

»Der Fernseh-Versuchsbetrieb des NWDR ist nicht mit einer Programmsendung zu verwechseln«, warnte auch Theodor Graf von Westarp, Vorsitzender der Fachabteilung 14, Funk, im Zentralverband der elektrotechnischen Industrie e. V. per Rundschreiben die Presse und Rundfunkzeitschriften. »Der Betrieb des Versuchssenders dient dem NWDR und der Rundfunkindustrie zur Erforschung dieses Gebietes. Der Abschluß der Entwicklungsarbeiten ist in etwa ein bis zwei Jahren zu erwarten.«

Bis zum Ablauf dieser Zeit müsse man mit der Möglichkeit rechnen, daß Veränderungen auf Grund praktischer Erfahrungen am Sender vorgenommen werden, die etwa gekaufte FS-Empfänger unverwendbar machen. Nach Beendigung der Vorarbeiten werde sich das FS-Programm auch nur auf zwei bis drei Stunden täglich beschränken.

Das sei der erste Würgegriff gewesen, ballten Kleefeld und Augustin die Fäuste. »Wir werden alles tun, um im sogenannten freien Wettbewerb nicht abgewürgt zu werden.« Man wisse ja, aus welcher Richtung der Wind wehe. Theodor Graf von Westarp ist Geschäftsführer der holländischen Philips-Valvo-Werke in Deutschland.

Als der NWDR in seinem Namen den Wortlaut des Westarp-Rundschreibens an die bundesdeutsche Presse gab, zogen die Kreditgeber kleinerer Firmen, die mit dem FS-Bau beginnen wollten, ihr Geld zurück. Auch Selbsfinanzierer legten ihre Produktionspläne für die nächsten zwei Jahre zu den Akten.

»Wenn die Oeffentlichkeit so vor dem Ankauf angeblich später unbrauchbarer Empfangsgeräte gewarnt wird, kann es für uns nur ein Verlustgeschäft sein, jetzt Geräte zu bauen«, begründeten die kleinen Unternehmen. Es tauchte der Verdacht auf, die großen Firmen hätten untereinander abgemacht, gleichzeitig mit ihren Fernsehempfängern auf den Markt zu kommen, um sich nicht gegenseitig unnötig Konkurrenz zu machen.

»Wir haben die moralische Pflicht, die Oeffentlichkeit vor unnötigen Geldausgaben zu warnen«, begründete dagegen der NWDR die Aufnahme der Westarp-Warnung. Denn:

* Ob in einem Jahr für den FS-Empfang positiv oder negativ modulierte Geräte erforderlich seien, wisse heute niemand.

* Die Wellenbereiche der Sender würden sich mit Gewißheit ändern. Hamburg sende heute im Dreimeterband. Jetzt taugliche Geräte würden bei einer Umstellung versagen.

Die Antwort darauf kam aus dem Elektrotechnischen Institut des Professors Kroebel: »Es ist ein schlechter Witz, zu behaupten, heute gebaute Empfänger könnten später durch Aenderungen am Sender unverwendbar werden.« Es sei ohne Schwierigkeiten möglich, die bisher in Westdeutschland produzierten Geräte durch einfaches Umstöpseln einer Röhre beliebig positiv oder negativ einzustellen.

Der NWDR weist alle Verzögerungsvorwürfe zurück.

Die Entwicklung des Fernsehens werde nicht gefährdet werden, beschwichtigte nach der geplatzten Probesendung das Rundfunk-Hauptquartier. Es gehe aber nicht an, daß die Empfangsversuche in die Wege geleitet würden, ohne daß der NWDR offiziell beteiligt worden wäre. Im Rundfunk habe der Eindruck bestanden, daß dem NWDR damit die Pistole auf die Brust gesetzt werden sollte, um die Einführung eines öffentlichen Fernseh-Programms zu erzwingen.

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