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Pkw-Markt Autokrise stärkt deutschen Marktführer VW

Opel verhandelt um Staatshilfen - doch VW sagen Experten eine glänzende Zukunft voraus. Künftig werde es zwei Global Player geben: die Wolfsburger und Toyota. Auf der Rangliste der weltgrößten Hersteller rückt der deutsche Riese auf Platz drei vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Erfolglosigkeit von Volkswagen auf dem größten Automarkt der Welt erweist sich für den Autohersteller als Glücksfall. VW hat in den USA nie richtig Fuß gefasst, der Marktanteil liegt bei weniger als zwei Prozent - Volkswagen ist dort, im Gegensatz zu Daimler und BMW, eine Exotenmarke. Daher macht es dem deutschen Konzern vergleichsweise wenig aus, dass die Autokrise die Branche nirgendwo schlimmer erwischt hat als in Nordamerika. Toyota, den großen Konkurrenten aus Japan, trifft das beispielsweise viel stärker.

VW-Auslieferungsturm in Wolfsburg: Breite Modellpalette als Vorteil

VW-Auslieferungsturm in Wolfsburg: Breite Modellpalette als Vorteil

Foto: DDP

"Volkswagen ist ein bärenstarkes Gebilde und wird als Gewinner aus der jetzigen Krise hervorgehen", prophezeit Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft in Nürtingen-Geislingen. Der Konzern sei mit seiner breiten Modellpalette und dem Markenportfolio gut aufgestellt für die Zukunft. "Volkswagen hat eine nahezu perfekte Mischung aus Premiumwagen und billigen Autos", sagt Diez. Durch seine Größe habe der Konzern ein "erhebliches Potential", die Krise zu überstehen und weiter zu wachsen. Zudem sei VW in allen wichtigen Märkten der Welt vertreten. So meldet der Konzern diese Woche denn auch eine Gewinnsteigerung trotz Wirtschaftskrise.

Markenvielfalt, Modelle vom Kleinwagen über die Familienkutsche bis zur Luxuslimousine - das hat General Motors   (GM) auch. Und strauchelt dennoch. Worin also liegt der Unterschied zwischen dem US-Riesen und VW? Diez verweist auf eine gänzlich unterschiedliche Absatzgewichtung: Volkswagen   sei längst nicht so stark von spritschluckenden SUVs abhängig wie GM - in Zeiten wachsenden Umweltbewusstseins und steigender Energiepreise ein klarer Vorteil für VW.

Grundlegende Unterschiede zu General Motors

Aber auch sonst unterscheidet sich Volkswagen grundlegend von dem - derzeit noch größeren - amerikanischen Konkurrenten: Während GM seit Jahren den Eindruck eines Konglomerats regionaler Marken vermittelt, hat Volkswagen es geschafft, dass VW, Audi  , Skoda und selbst die verlustträchtige Tochter Seat als eigenständige Marken wahrgenommen werden, die auf allen Märkten angeboten werden. "Mit Audi ist dem Konzern sogar gelungen, eine Marke zu etablieren, die es mit Daimler   und BMW   aufnehmen kann", sagt Hans-Gerhard Seeba, Autoexperte an der Fachhochschule Braunschweig. Das habe in dieser Form bisher nur Toyota   mit der Marke Lexus geschafft, die vor allem auf dem US-Markt äußerst erfolgreich ist.

Die GM-Töchter dagegen behindern sich gegenseitig: Opel zum Beispiel darf wichtige Märkte in Schwellenländern nicht beliefern, weil diese schon durch andere GM-Marken besetzt sind. Experten zufolge leide GM auch darunter, dass das Design aller Marken beliebig sei. "Man muss manchmal schon zweimal hingucken und erkennt dann doch erst am Logo, um was für ein Auto es sich handelt." VW dagegen habe es geschafft, sich ein unverwechselbares Design zu verpassen und so das einstige Image des Langweilers abzulegen. "Ganz selbstbewusst hat VW das Emblem an den Autos vergrößert", sagt Seeba.

Die 15 weltgrößten Autohersteller

Rang 2008 Hersteller Absatz 2008 Absatz 2007 Rang 2007
1. Toyota 8,972 9,370 2.
2. General Motors 8,350 9,370 1.
3. Volkswagen 6,230 6,190 4.
4. Nissan/Renault 6,090 6,161 5.
5. Ford 5,404 6,553 3.
6. Hyundai/Kia 4,158 3,871 6.
7. Honda 3,783 3,767 7.
8. PSA Peugeot Citroën 3,260 3,428 8.
9. Fiat 2,524* 2,460 10.
10. Suzuki 2,361 2,406 11.
11. Daimler 2,057* 2,089 12.
12. Chrysler 2,010 2,676 9.
13. BMW 1,436 1,501 13.
14. Mazda 1,349 1,335 15.
15. Mitsubishi 1,309* 1,358 14.
Absatz in Millionen Einheiten (inkl. Pkw, Lkw, Busse und Transporter),
* Unternehmensprognosen bzw. Schätzungen auf Basis aktueller Zahlen, Quelle: Automobil-Produktion

Seit 2008 gehört VW nun zur Spitzengruppe der Autohersteller. Hinter Toyota und GM ist der Konzern der drittgrößte Autobauer der Welt (siehe Tabelle), was aber vor allem dem Misserfolg der ehemaligen Nummer drei geschuldet ist: Ford   rutschte auf den fünften Platz ab - hätte der US-Hersteller 2008 genauso viele Autos produziert wie 2007, hätte VW sich aus eigener Kraft nicht verbessert. Der Automarkt ist, zumindest in der industrialisierten Welt, ein Verdrängungswettbewerb - der Misserfolg des einen ist der Erfolg des anderen.

Nach Ansicht von Seeba dürfte Volkswagen selbst einen Absatzrückgang von zehn Prozent - wie vom Konzern prognostiziert - und einen Verlust im Jahr 2009 verkraften. "Für den gesamten Automarkt erwarten wir ein Minus von 15 Prozent", sagt ein Volkswagen-Sprecher. "Wir schlagen uns besser als der Wettbewerb, gewinnen also Marktanteile."

Die derzeitige Schwäche - fast 20 Prozent Absatzeinbruch im Januar, erstmals Kurzarbeit in deutschen VW-Werken seit 25 Jahren - hält Autoexperte Seeba für "insgesamt unproblematisch": Schließlich habe der Konzern in den vergangenen Jahren gute Gewinne gemacht und habe auch das Kostenproblem einigermaßen in den Griff bekommen.

Gigantische Kosten für die Branche

Autofachmann Diez hält die Kooperation unter den Töchtern für den wichtigsten Kostenvorteil: "Der V6-Dieselmotor kommt beispielsweise bei VW, Audi und jetzt auch im Porsche Cayenne zum Einsatz." Volkswagen sei groß genug, um keinen weiteren Kooperationspartner zu benötigen, sagt der Experte. Konkurrenten dagegen müssten sich auf die Suche machen - wie Daimler und BMW, die eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Antriebstechnologie planen. "Nur wer kooperiert und starke Partner findet, kann auf Dauer erfolgreich sein", sagt Diez und nennt als Beispiel das Zusammengehen von Renault   und Nissan  .

Volkswagen muss dagegen aus sich selbst heraus wachsen. VW habe eine Größe, in der das möglich sei, analysiert Diez. "Das Unternehmen kann die gigantischen Kosten, die in den kommenden Jahren auf die Branche zukommen - vor allem in der Entwicklung neuer Antriebstechnologien - alleine stemmen."

Eine "Superertragsperformance", wie Diez es nennt, hatte der Konzern zwar noch nie. "Bei einem Unternehmen mit dem Land Niedersachsen als Großaktionär und einem extrem mächtigen Betriebsrat wachsen die Gewinne eben nicht in den Himmel." Wie mächtig die Arbeitnehmervertreter waren, zeigt der Skandal um Lustreisen und Bordellbesuche auf Firmenkosten: Es ging dabei um die "Begünstigung von Arbeitnehmervertretern". Doch VW habe aus den Fehlern gelernt. "So etwas kann nicht wieder vorkommen", behauptet ein VW-Manager. Der Imageschaden sei jedenfalls ausgemerzt, auf die Verkaufszahlen habe diese Geschichte ohnehin keinen Einfluss - und die Macht der Betriebsräte sei "zumindest etwas gestutzt worden".

Übernahme durch Porsche als Hürde

Volkswagen hat also nach einhelliger Meinung alle Chancen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen - wenn der Konzern alles richtig macht. So müsse der Autobauer sich - bei allem Glück, von der Krise in den USA nicht allzu stark betroffen zu sein - eine neue US-Strategie überlegen. "Nicht in den USA vertreten zu sein, ist auf lange Sicht auch keine Lösung", sagt Seeba. Das geplante Werk in Chattanooga im Bundesstaat Tennessee sei ein erster Schritt, ebenso die Entwicklung eines neuen Modells eigens für den US-Markt - etwas größer als der Passat mit besonders weicher Federung.

Die größte Hürde dürfte aber die Sache mit Porsche   sein: Der Stuttgarter Autobauer hat seinen Anteil an dem Wolfsburger Konzern inzwischen auf 50,76 Prozent erhöht (Stand: Januar 2009). Erklärtes Ziel ist laut Porsche-Chef Wendelin Wiedeking trotz Branchenkrise, "die VW-Beteiligung in überschaubarer Zeit auf 75 Prozent der VW-Stammaktien aufzustocken, um den Weg für einen Beherrschungsvertrag freizumachen". Bei Volkswagen sträubt man sich gegen eine "Beherrschung" durch das viel kleinere Unternehmen Porsche.

Dabei könnten beide Seiten durch dieses Zusammengehen profitieren. Laut Seeba seien zum Beispiel Spekulationen vom Tisch, Volkswagen könnte irgendwann von einem Hedgefonds übernommen werden. "Solche Gerüchte gab es immer wieder mal. Jetzt, mit Porsche als Großaktionär, ist diese Sorge weg." Volkswagen sollte die Synergien nutzen, anstatt gegen eine Übernahme durch Porsche zu kämpfen. Das Unternehmen könne sowohl in technischer als auch in betriebswirtschaftlicher Sicht profitieren. "Das ist ein Riesenvorteil", sagt Seeba.

Verbesserungspotential sehen Experten bei VW vor allem im Bereich der Unternehmenskultur. Einer Befragung des Bamberger Autoexperten Wolfgang Meinig unter Zulieferern zufolge ist Volkswagen der unbeliebteste deutsche Hersteller: "Was Zahlungspünktlichkeit oder Druck auf die Preise angeht, gibt es bei den Betrieben viel Kritik an VW", sagt Meinig, der jährlich den "Supplier Satisfaction Index" erstellt. Außerdem würde Volkswagen von Zulieferbetrieben "Eintrittsgelder" verlangen, um überhaupt in die Ausschreibung für Forschungs- und Entwicklungsaufträge zu gelangen - teils in Millionenhöhe, so Meinig. Volkswagen widerspricht dieser Darstellung vehement. Es gebe einen weltweiten Anfrageprozess, jeder Lieferant könne sich "im Wettbewerb" behaupten.

Auch hier sind Experten sich einig: Was die Unternehmenskultur betrifft, den Umgang mit Zulieferern, das Auftreten von Managern in der Öffentlichkeit, hat Toyota den größten Vorsprung vor Volkswagen.

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